22.02.1971

GUATEMALA / TERROREtwas Nachsicht

Tereso de Jesús Oliva, Führer der guatemaltekischen Landarbeiter-Gewerkschaft, kam mit Frau und Sohn aus der Messe. Als er vor das Kirchenportal trat, zerrissen Schüsse die sonntägliche Stille. Der Gewerkschaftsführer brach tödlich getroffen zusammen.
Adolfo Mijangos López, oppositioneller Kongreßabgeordneter in Guatemala City, wollte seinen im Stadtzentrum geparkten Wagen besteigen. Der Abgeordnete, seit Jahren gelähmt, ließ sich gerade von seinem Chauffeur aus dem Rollstuhl ins Auto helfen, da knatterte eine Maschinengewehr-Salve. Der Gelähmte wurde getötet, sein Fahrer verletzt.
Julio Camey Herrera, linksliberaler Professor für Rechtswissenschaften an der Universität von Guatemala City, überquerte eine belebte Straßenkreuzung in der Innenstadt. Pistolenschützen eröffneten das Feuer auf den Passanten. Er starb auf der Stelle. Eine dicht am Tatort parkende Polizeistreife ließ die Mörder entkommen.
Die drei Toten sind Opfer eines "langsamen Massakers" (so der Lateinamerika-Experte Marcel Niedergang): Tag für Tag bringen in Guatemala rechtsradikale Tötertrupps, unterstützt von Polizisten und Militärs, mißliebige Bürger um.
Allein während des vergangenen Vierteljahres sollen sie, so meldete der Weltverband der Arbeitnehmer in einem kürzlich in Brüssel veröffentlichten Kommuniqué, insgesamt über 600 Menschen ermordet haben. Die lateinamerikanische Vereinigung christlicher Gewerkschaften in Caracas beziffert die Todesrate sogar auf mehr als 700.
Das "Programm der Befriedung", das Staatschef Oberst Carlos Arana Osorio bei seinem Amtsantritt versprochen hatte, wird der mittelamerikanischen Republik, so scheint es, den Frieden eines Friedhofes bescheren.
Was er unter Pazifizierung versteht, hatte Karrieresoldat Arana schon vor Jahren bewiesen: 1966/67 kommandierte er im Departement Zacapa einen erfolgreichen Vernichtungsfeldzug gegen Guatemalas Guerillabewegungen, die damals zu den schlagkräftigsten in Lateinamerika gehörten. Der Oberst ließ schätzungsweise 80 Revolutionäre, 500 ihrer mutmaßlichen Helfer und Tausende von unbeteiligten Bauern liquidieren. Dann herrschte in Zacapa Ruhe.
Die überlebenden Guerrilleros wechselten Schauplatz und Strategie ihres Kampfes. Fortan agierten sie vor allem in der Landeshauptstadt: Sie entführten Diplomaten, überfielen Banken, erschossen rechte Politiker und Polizisten. Sie versuchten so, die Revolution zu erzwingen -- in ihren Augen die einzige Möglichkeit, die Masse der Armen aus Elend und Abhängigkeit zu befreien.
Rund drei Viertel der fünf Millionen Guatemalteken -- die zu 85 Prozent Indios und Mestizen sind -- müssen durchschnittlich von weniger als einer Mark pro Tag leben. Hunderttausende von Indiobauern quälen sich auf Miniparzellen, deren Ertrag kaum das Existenzminimum der Familie deckt; rund zwei Prozent aller Grundeigentümer dagegen besitzen drei Viertel der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche Guatemalas.
Der Sieger von Zacapa schien den Rechten und Konservativen in dem unruhigen Land der sicherste Garant gegen den Umsturz: Als im vergangenen Frühjahr ein neuer Präsident gewählt wurde, bekam Antikommunist Arana 43 Prozent der nur etwa 580 000 gültigen Stimmen.
Der Oberst nahm sofort die Zügel in die Hand: Nach der Entführung des deutschen Botschafters in Guatemala City, Karl von Spreti, im vergangenen April, zwang er die noch amtierende Regierung des schwachen Präsidenten Méndez Montenegro zu hartem Kurs gegen die Guerrilleros -- der von den Kidnappern geforderte Gefangenenaustausch fand nicht statt, Spreti wurde erschossen.
Er werde, so gelobte der neue Präsident, als er im Juli sein Amt antrat, "das Problem der Gewalt endgültig regeln. Wochenlang schien es fast so, als habe sich das Problem von selbst gelöst: Die Guerrilleros, geschwächt durch den Tod ihres wichtigsten Führers Marco Antonio Yon Sosa, der im Mai von mexikanischen Grenzern erschossen worden war, hielten still.
Doch schon im Herbst nahmen sie den Kampf wieder auf: Sie überfielen Polizeiposten und entführten Besitzbürger, um mit dem Lösegeld ihre Kriegskassen zu füllen.
Arana verhängte den Belagerungszustand. Über Rundfunk und Fernsehen bat er die Bürger Guatemalas um "eure Mitarbeit, euer Vertrauen und ein bißchen Nachsicht in unserer Beurteilung" -- Nachsicht besonders für die "sehr energischen Maßnahmen zur Rettung des Landes".
Schon in der ersten Woche des Ausnahmezustands wurden nach offiziellen Angaben 300 Bürger festgenommen. Inzwischen ist die Zahl der Verhafteten auf 3000 gestiegen.
Die Gefängnisse sind so überfüllt, daß Polizisten nach dem Muster der brasilianischen "Todesschwadron" Abhilfe schaffen: Die Anrainer der Außenbezirke von Guatemala City, so erkundete der "New York Times" -- Korrespondent Juan de Onis, hören nachts Schüsse und sehen "Polizeiwagen v01l ankommen und leer wieder wegfahren
Auf entlegenen Autostraßen oder unter Brückenpfeilern finden sich die Leichen Unbekannter, mit einem Zettel versehen, auf dem das Emblem der "Organisierten Nationalen Antikommunistischen Bewegung" (Mano) prangt: eine weiße Hand in schwarzem Kreis auf rotem Grund. Motto der Mano: "Die Hand, die Verräter und Abtrünnige aus dem Vaterland herausreißt."
Doch trotz treuer Handlangerdienste der Mano und anderer rechter Femebünde scheint es dem Regime des Obristen Arana bislang noch nicht gelungen zu sein, die Guerilla-Bewegung gänzlich auszurotten: Vorige Woche fanden linke Rebellen ihrerseits ein Opfer. Sie erschossen Francisco Valiente Castillo Valenzuela, Mitglied des Sicherheitsstabes im Kongreß.
Unterdessen reorganisiert Arena seinen Polizeiapparat: Geheimdienst und Sicherheitskräfte werden verstärkt. Technische Hilfe und Ausrüstungsgegenstände erhält der Oberst aus den USA.
* Oben: vor dem Porträt seines ermordeten Vertrauten Salvador Orellana; unten: SPIEGEL-Titel 16/1970.

DER SPIEGEL 9/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 9/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GUATEMALA / TERROR:
Etwas Nachsicht

  • Doku über DNA-Reproduktion: Missy, die Mammut-Leihmutter
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik
  • Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet
  • Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung