22.02.1971

JAPAN / KURILENMärchen von Mao

Im fernöstlichen Ussurijsk pilgern Sowjetbürger zu einer historischen Lokomotive. In ihrer Feuerung verheizten japanische Besatzer 1920 die Sowjetbürger Laso, Sibirzew und Luzki bei lebendigem Leib.
Im gleichen Ussurijsk erforschen heute japanische Techniker und Kaufleute die Möglichkeiten, in den sibirischen Wäldern Holz für ihre Industrie zu gewinnen.
Der Fernost-Bevollmächtigte des sowjetischen Außenhandelsministeriums, Kusenko, rechnete japanischen Kapitalisten vor, daß sie Kohle, die sie bislang für einen Transportpreis von acht Dollar je Tonne aus dem amerikanischen Hampton Roads anschiffen müssen, für drei Dollar Transportkosten je Tonne aus dem sowjetischen Fernost-Hafen Nachodka beziehen könnten.
Einige Zeit später jedoch sah Radio Moskau in einer japanischsprachigen Sendung das Land der aufgehenden Sonne "auf dem Weg der imperialistischen territorialen Expansion.
Die Dissonanz beweist: Die Sowjet-Union, das zweitstärkste Industrieland der Welt, und Japan, das neuerdings drittstärkste Industrieland der Welt, haben 25 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch immer ein zwiespältiges Verhältnis zueinander -- obschon * Bei einem Besuch In Peking.
sie sich im Zweiten Weltkrieg nur ein paar Tage lang bekriegten.
Einerseits wünscht Moskau japanische Hilfe bei der Erschließung Sibiriens, und Japan ist, wegen der nahe gelegenen Energie- und Rohstoffquellen, bereit, diese Hilfe zu leisten.
Andererseits aber vergiftet politischer Streit das Verhältnis zwischen beiden Staaten. Grund: vier kleine. unwirtliche und unfruchtbare Inseln der Kurilenkette, nördlich von Japan.
Drei Tage nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima, am 9. August 1945, hatte die Sowjet-Union dem bereits geschlagenen Japan noch den Krieg erklärt und Sachalin sowie die Inseln Etorofu (russisch Iturup), Kunaschiri (russisch Kunaschir), Schikotan und die Habomat-Gruppe besetzt.
Nach Japans Kapitulation erhielten die Sowjets gemäß den Abmachungen von Jalta die Kurilen. Sie wiesen sogleich alle dort lebenden Japaner aus -- etwa 180 000. Im Vertrag von San Francisco verzichtete Japan (am 8. September 1951) auf die Kurilen.
Heute berufen sich japanische Politiker und Völkerrechtler darauf, daß Moskau den Friedensvertrag von San Francisco nicht unterzeichnet habe und daher keine Rechte daraus ableiten könne. Zudem sei in einem russisch-japanischen Vertrag bereits 1855 festgelegt worden, daß die Nordkurilen zum Zarenreich gehören sollten, die südlicheren Inseln aber zu Japan.
Mit asiatischer Beharrlichkeit bringen japanische Politiker seither bei jedem Gespräch mit sowjetischen Kollegen ihre Forderung nach Rückgabe der Inseln vor.
Selbst Japans KP, mit 300 000 Mitgliedern und (bei den letzten Unterhauswahlen) 3,2 Millionen Wählerstimmen die drittstärkste außerhalb der kommunistischen Welt, zerstritt sich mit Moskau wegen der Kurilen.
In einem Land, in dem sich das Pro-Kopf-Einkommen 1965 bis 1969 jährlich um 11,5 Prozent erhöhte, konnten die KP-Führer mit Klassenkampf-Parolen keine Wähler locken. Die KPJ schloß daher unter ihrem Generalsekretär Kendschi Mijamoto die ideologisch gestimmten Moskau- und Peking-treuen Flügel aus und beschränkte sich auf volkstümliche Parolen wie Umweltschutz und -- energischer noch als bürgerliche Parteien -- auf die Forderung nach Rückgabe der Kurilen.
"Akahata" ("Rote Fahne"), das KPJ-Organ, nannte den Wunsch nach Abzug der sowjetischen Besatzer "legitim und berechtigt" und "zur Förderung freundlicher Beziehungen zwischen dem japanischen und dem sowjetischen Volk notwendig".
Erbost warf die Moskauer KP-Zeitschrift "Partijnaja schisn" ("Parteileben") den asiatischen Genossen vor: "Die Führer der KPJ scheinen beschlossen zu haben, ihren wackligen Halt dadurch zu festigen, daß sie antisowjetische Märchen benutzen, die sie aus dem Propaganda-Arsenal der Mao-Clique ausgeliehen haben."
Doch die KPJ festigte ihren Halt, Bei den letzten Unterhauswahlen gewann sie zu ihren bisherigen fünf Mandaten neun neue hinzu -- sicherlich auch dank ihrer festen Haltung in der Kurilen-Frage.
Die Inseln fehlen den Japanern vor allem wegen ihrer reichen Fischgründe. Fisch ist Japans Hauptnahrung. Immer wieder bringen die Sowjets in einer von ihnen festgelegten Zwölf-Meilen-Zone um die Südkurilen japanische Fischkutter auf: Seit 1946 über 1300 mit etwa 11 000 Fischern, die zeitweise festgehalten und verhört wurden.
Ihnen konnten auch die in Hokkaido, der nördlichsten japanischen Hauptinsel, in Sichtweite der heute sowjetischen Kurilen stationierten japanischen Truppen nicht helfen. Rund 50 000 Mann, ein knappes Drittel der Armee Nippons, mit Raketen-, Panzer- und Luftwaffeneinheiten, sollen dort Japan gegen Norden abschirmen.
Die Soldaten werden noch lange nicht abziehen können. Moskau hat trotz seiner wirtschaftlichen Annäherungsversuche an Japan bislang noch die Vorstöße Tokios in der Kurilen-Frage abgewiesen.
Denn die Rückgabe der Inseln könnte einen Präzedenzfall schaffen. Auch von China befürchtet die Sowjet-Union territoriale Forderungen auf 1,5 Millionen Quadratkilometer am Ussuri und Amur sowie in Kasachstan. Mao Tse-tung stimmte schon 1964 japanischen Besuchern zu: "Zu viele Gebiete sind von der Sowjet-Union besetzt worden ... Was die Kurilen betrifft, so ist die Frage klar. Was uns angeht -- sie müssen Japan zurückgegeben werden."
Moskaus Parteiblatt "Prawda" wies die Japaner dagegen auf die Festschreibung bestehender Grenzen in Europa hin: "Der Abschluß der Verträge zwischen der UdSSR und der BRD, zwischen Polen und der BRD, die die Unveränderlichkeit der in Europa entstandenen Nachkriegsgrenzen bestätigen, spiegelt die neue Tendenz der Entwicklung der internationalen Lage wider."

DER SPIEGEL 9/1971
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Märchen von Mao

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