22.02.1971

VATIKAN / EMPÄNGNISVERHÜTUNGIm rechten Rhythmus

Im Stil der Geheimdiplomatie früherer Jahrhunderte rief der Heilige Vater seine Vertreter in der Welt zum Kampf gegen die Pille. Die päpstlichen Nuntien und ständigen Beobachter bei der Uno sollen, so will es Paul VI. in einem vertraulichen Runderlaß, energischer gegen alle Tendenzen zur Geburtenkontrolle in den Ländern der Dritten Welt einschreiten.
Denn dem Papst-Verbot zum Trotz greifen immer mehr Katholiken in den Entwicklungsländern zu Mitteln der Empfängnisverhütung. Der katholische Philippinen-Präsident Ferdinand Marcos zum Beispiel erhob Familienplanung zum Regierungsprogramm. Er bestellte vorerst 80 000 Fruchtbarkeitsthermometer beim Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen. Sie sollen den Frauen helfen, wenigstens ihren Zyklus und damit ihre fruchtbaren Tage bestimmen zu können. "Aber auch die Philippinen gehen darüber hinaus", versicherte Halvor Gille, stellvertretender Direktor des Uno-Bevölkerungsfonds in New York dem SPIEGEL.
Tatsächlich duldet Präsident Marcos trotz des päpstlichen Verbots private Organisationen, die künstliche Empfängnisverhütung lehren. Das fernöstliche Inselreich hat mit 3,4 Prozent eine der höchsten Bevölkerungszuwachsraten der Welt; Hunderttausende unzufriedene Arbeitslose gefährden das feudalistische System.
Im katholischen Lateinamerika förderte Kolumbiens früherer Präsident Lleras Restrepo nach einem Slum-Besuch die Geburtenkontrolle. "Es ist für mich unmöglich, die Moral und Unmoral von empfängnisverhütenden Mitteln zu prüfen, ohne zugleich an die sich entwickelnden unmoralischen und oft kriminellen Bedingungen des Zeugungsaktes zu denken." In Kolumbien geben inzwischen Lehrer und Ärzte Ratschläge für eine glückliche kleine Familie.
Im katholischen Puerto Rico, einem der Hauptversuchsfelder der Antibabypillen, erzielten die Familienplaner den größten Erfolg. Per Pille, Pessar und Kondom sank die Zuwachsrate der Bevölkerung auf 1,4 Prozent (Bundesrepublik: 0,5 Prozent). 14 bis 20 Geschwister waren in diesem Land früher keine Seltenheit. Als etwa der Hausdiener Don Roberto 82 Jahre alt war, hatte er seiner Frau 30 Kinder beschert.
In Indien verteilt der Rüssel des Elefantenweibchens Lal Tikon Glück -- Aufklärungsbroschüren und Kondome für drei Pfennig. "Ein oder zwei Kinder -- dann Schluß", steht auf seinem Rückenumhang.
320 Millionen Mark jährlich läßt sich die Regierung in Delhi die Geburtenkontrolle kosten. Für jeweils 20 Mark Prämie oder ein Transistorradio ließen sich sechs Millionen Inder sterilisieren. Ärzte, Sanitäter und Hebammen setzten in den rund 15 000 Aufklärungszentren drei Millionen Inderinnen Schleifen und Spiralen in die Gebärmutter ein oder schlossen sie mit einem Pessar. Sie verschenkten 50 Millionen Kondome.
Der Vatikan protestierte. Aber auch im Zentrum der katholischen Bevölkerung Indiens, der Provinz Kerala, benutzen die Inderinnen die mechanischen Empfängnisverhütungsmittel. "Man geht ganz einfach zu der Familienplanungsbehörde ins Nachbardorf", sagte Indira Gandhi.
Vergebens bat die indische Bischofskonferenz den Papst, er möge sein Verbot für Entwicklungsländer abschwächen. Die wirtschaftlichen Folgen des Kinderreichtums seien hart und stürzten viele Katholiken in Gewissensnot. Für die indische Bevölkerung sei "die zyklische Methode wenig verständlich und nicht verläßlich".
In seinem Geheimerlaß an die Nuntien wies der Vatikan das Ansinnen der Bischöfe zurück. Die Unsicherheit der zyklischen Methode zur Geburtenverhütung nach Knaus-Ogino -- der nach der Enzyklika "Humanae vitae" von 1968 einzig erlaubten Geburtenregelung -- lastete der Papst den pillenfreundlichen Ärzten an. Er lobte das Beispiel des Mini-Inselstaates Mauritius im Indischen Ozean -- dabei vergaß er, daß Mauritius bei dem vom Papst geschmähten Bevölkerungsfonds der Uno Verhütungsmittel bestellt.
Obwohl die armen Länder immer ärmer werden, weil der Bevölkerungszuwachs die wirtschaftlichen Erfolge der Entwicklungsländer wieder zunichte macht, hält der Vatikan es für "beunruhigend, festzustellen, daß Gelder leichter in Familienplanungsprogramme fließen als in andere Vorhaben; beispielsweise Projekte zur Bewässerung von Wüstenland".
Uno-Generalsekretär U Thant, die Internationale Arbeitsorganisation und die Unesco sind nach Meinung des Papstes in der Familienplanung "entschieden engagiert", vor allem aber das Kinderhilfswerk der Uno, die Unicef. "Sie bringt sich selbst in Gegensatz zu ihrem Statut, das ursprünglich vorsah, den Wohlstand der Kinder zu garantieren."
Ziel der Unicef ist es, Mutter und Kind zu schützen. Seit 1967 erkannte Unicef, daß Familienplanung diesen Schutz verstärkt. So berät sie und verschenkt Verhütungsmittel -- auf Antrag von Entwicklungsländern.
Roms Papst steht in seinem Pillenkampf nicht allein. In den Entwicklungsländern helfen ihm andersgläubige Alliierte. In Pakistan beispielsweise galten die ersten Angriffe orthodoxer Moslems nach dem Sturz des Präsidenten Ajub Khan vielen Büros der staatlichen Familienplaner.
Selbst in Maos China war zeitweise jede Geburtenkontrolle verboten -- als "unmenschliche Verschwörung, das chinesische Volk ohne Blutvergießen auszurotten".

DER SPIEGEL 9/1971
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