22.02.1971

ENGLAND / PRESSENagel zum Sarg

Jefrey Blyths Heimkehr aus New York versetzte Londons Journalisten in Angst: Der New Yorker Korrespondent der britischen Tageszeitung "Daily Mau" war ohne Bekanntgabe von Gründen, und ohne daß ein Nachfolger benannt worden wäre, in die Zentralredaktion zurückgekehrt.
Sofort munkelte die spätestens seit Jahresende existenzverängstigte und seit jeher gerüchteträchtige Branche, Blyths Umzug leite zumindest personelle Einsparungen bei der kranken "Mali", wenn nicht gar die Fusionlerung des Blatts mit einem gesünderen Konkurrenten ein.
Schon seit Dezember sehen Fleet-Street-Redakteure überall Anzeichen für ein Komplott der Verleger, die Redaktionen gesundzuschrumpfen. Damals ließ das Management der Associated Newspapers Limited des Zeitungskönigs Lord Rothermere den Redaktionen seiner Zeitungen "Daily Mail", "Daily Sketch" und "Evening News" lakonisch mitteilen, aus dem am 31. Dezember 1970 auslaufenden Haus-Tarif müsse jene Klausel gestrichen werden, die den aus Ersparnisgründen entlassenen Journalisten Entschädigungs-Zahlungen garantierte.
Bislang konnte der ausscheidende Redakteur eine Einspar-Prämie in Höhe von einem Monatsgehalt für jedes bei der Zeitung abgediente Jahr erwarten. Zahlungs-Versprechen aber, so sagten sich die Betroffenen, nimmt nur der zurück, der unterstellt, sie leisten zu müssen.
Die Furcht vor Entlassungen ist nicht unbegründet. Denn viele englische Blätter welken. Jack Stokeley, Chefredakteur des "Sunday Mirror" für Nordengland, spricht bereits von einer Zeit, in der jeder einzelne verlorene Leser "ein Nagel zu unser aller Sarg sein kann".
Von neun großen Verlagsgruppen, die 18 überregionale Tages- und Sonntagszeitungen herausgeben, erwirtschafteten 1969 fünf einen Verlust von knapp 20 Millionen Mark. Fleet Street insgesamt machte im selben Jahr bei 244 Millionen Pfund (2,1 Milliarden Mark) Umsatz nur 3,2 Millionen Pfund (28 Millionen Mark) oder 1,3 Prozent Reingewinn.
Die Verlust-Verlage konnten nur überleben, weil sie zu Industrie-Gruppen gehören, die aus anderen Produktionszweigen Gewinne abschöpfen. Die Zeitung ist für ihre Besitzer kein Geschäft, sondern ein politisches Machtmittel.
Ihre Defizite entstanden zum Teil infolge gestiegener Kosten für Gehälter und Material. Das Anzeigenaufkommen dagegen, das bei der seriösen Presse bis zu 77 Prozent der Einnahmen ausmacht, stagniert.
Eine Erhöhung der Verkaufspreise der Zeitungen würde wenig helfen. Zwar sind Britanniens Blätter billig. "The Times", das teuerste, kostet 44 Pfennig ("Frankfurter Allgemeine": 50 Pfennig). Doch das Hauptübel an der Fleet Street sind nachgiebige Verleger und streiksüchtige Gewerkschaften.
Ein Tag Nichterscheinen kostet eine britische Massenzeitung etwa eine Million Mark. Und dieser Verlust ist, anders als in der Konsumgüter-Industrie, nicht durch nachträgliche verstärkte Produktion wieder auszugleichen. Verleger geben daher oft den Gewerkschaften nach, damit das Blatt jeden Tag auf den Markt kommt.
Solange aber bei den Verlegern noch etwas zu holen ist, haben die Gewerkschaften wenig Hemmungen. Nach einem "Economic Intelligence Unit Report" könnte Fleet Street immer noch an Personalkosten in den Druckereien 31 Millionen Mark und in Setzereien zwei Millionen Mark jährlich einsparen.
Doch die Gewerkschaften halten für ihre Drucker auch die Druckposten fest. Kauft ein Verleger eine moderne Rotationsanlage, so wird sie nicht, was ausreichen würde, von vier Mann bedient, sondern wie die alten Maschinen von zwölf. Verlegern, die entlassen wollen, drohen die Gewerkschaften zunächst mit "No cooperation. Sie beginnen mit Gewerkschaftssitzungen während der Arbeitszeit und Arbeiten nach Vorschrift und gehen bis zu nachlässiger Bedienung der empfindlichen Maschinen.
Jeder Drucker weiß, daß ein Kaugummi, auf das durch die Rotation laufende Papier gespuckt, die sensible Mechanik heillos verwirrt und teure Produktionsstunden für Reparaturen erfordert.
Nur allmählich scheint sich bei Arbeitnehmern und Arbeitgebern die Erkenntnis zu verbreiten, daß Gewerkschafts-Eifersüchteleien, Obstruktion gegen Rationalisierung, verkrustetes Management und traditionelles Wursteln die Lage verschlimmern.
Ende vergangenen Jahres gründeten Verlegerverband und Gewerkschaften für die überregionalen Zeitungen eine "Nationale Steuerungs-Gruppe", die als erste Ziele programmierte: "Entwicklung von Lohn-Strukturen, die Produktivität, Ausbildung, Leistung und Verantwortung widerspiegeln; effektivere Nutzung menschlicher und technischer Kräfte; größere Wirtschaftlichkeit durch Nutzung technischer Entwicklungen."
Allerdings -- dem arbeitsklimatischen Erneuerungsverein ist die Journalisten-Gewerkschaft nicht beigetreten.

DER SPIEGEL 9/1971
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