22.02.1971

KOMPETENTE MÄNNER

Erna tritt demnächst bei der "Deutschen Presse-Agentur" (dpa) ein. Sie ist ein unparteiischer Computer und vielleicht kann man sie auf etwas programmieren, was manchen dpa-Redakteuren immer noch schwer fällt, nämlich Meldungen möglichst wertfrei und objektiv zu formulieren. Wenn Erna das kann. sollte sie zuerst die Berichterstattung aus Indochina übernehmen.
Die erste ausführliche Meldung über den Einmarsch in Laos am vorletzten Montag um 5.32 Uhr war eine Freudenbotschaft: "unter dem jubel erschoepfter amerikanischer Soldaten" hätten die Südvietnamesen die Grenze nach Laos überquert, Leider habe man da eine "blöde Formulierung von Reuter" übernommen, bedauert heute dpa-Chefredakteur Dr. Hans Benirschke,
Der erste dpa-Korrespondenten-Bericht von Hans-Joachim Bargmann um 9.27 Uhr aus Saigon verriet, daß ein dpa-Autor übersinnliche Gaben besitzen muß. Er meldete, daß der Einmarsch von Hanoi, Peking und Moskau "zweifellos als schwerer verstoss" gegen die Genfer Lausabkommen "gebrandmarkt werden wird", daß die laotische Regierung "offiziell" keinen anderen Standpunkt "einnehmen wird". Ebenfalls in Zukunftsform -- dpa ist eine Prophezeiungs-Agentur -- wußte der Korrespondent, wie Nixon das Eingreifen von US-Bombern rechtfertigen "wird", nämlich -- er zitiert sogar gewissenhaft mit Anführungszeichen aus der Zukunft -- mit der "Vietnamisierung des Krieges". dpa-Chef Benirschke fand solche Wahrsagerei nicht schlimm, da sein Korrespondent in Saigon schließlich "offizielle Sprachregelungen" erhalte, die ihn zur Zukunftsschau befähigen.
Die offiziellen Sprachregelungen bewirken noch mehr. Der dpa-Korrespondent enthüllte. Nixon "hat" in Laos "keine amerikanischen bodentruppen zum einsatz gebracht". Woher er das weiß? dpa-Auslandsdienst-Leiter Bragard: "Wenn die amerikanischen Offiziere erklären, wir haben keine eingesetzt ..." Ja, dann muß es für dpa wohl stimmen. Immerhin, zwei Tage später meldete die US-Agentur upi wiederholt: "entgegen offiziellen erklaerungen sollen doch amerikanische bodentruppen nach laos eingedrungen sem und dort gekaempft haben."
dpa, auf Offizielles bedacht, meldete davon nichts, Benirschke klagt: "upi hat bessere Möglichkeiten." Eines vermochte dpa am selben Mittwoch um 13.38 Uhr allerdings auch. nämlich gewünschte Beweise zu präsentieren: "mindestens ein amerikanischer hubschrauber" sei in 2000 Meter Höhe abgeschossen worden. dpa-Nachricht: "diese tatsache beweist, dass hanoi ... seine modernsten waffen aufgeboten hat. damit wird erneut die kommunistische behauptung widerlegt, dass nordvietnam keine truppen in laos hat." Ob es Aufgabe einer Nachrichten-Agentur ist, irgend etwas zu widerlegen? dpa-Bragard ist da ganz sicher: "Ja, es ist Aufgabe des Journalisten mitzudenken und dann darf er das auch formulieren,"
Tags darauf, um 18.21 Uhr tickert auch einmal Inoffizielles über dpa. Doch man weiß dort, was sich gehört und unterscheidet schon grammatikalisch zwischen Freiheit und Kommunismus: "das usa-verteidigungsministerium beharrte am donnerstag darauf, dass in laos auch weiterhin keine amerikanischen bodenkampftruppen im einsatz sind", schreibt dpa im unzulässigen Indikativ und fährt im gebotenen, wenn auch falschen Konjunktiv fort: "mit dieser Feststellung wurde die ... beschuldigung der vietcongvertreterin nguyen thi binh zurueckgewiesen, dass an der invasion ... zehn amerikanische bataillone beteiligt waeren."
Benirschke: "Wir stellen Hanoi und Saigon gegenüber, ohne auf Wahrheitsgehalt zu überprüfen." Richtig, und was die eine Seite sagt ist eben eine -- objektive -- "Feststellung", was die andere Seite sagt eine -- sicherlich haltlose -- schuldigung", wobei diese Unterscheidungen, wie Dr. Benirschke zuerst betont, "nur aus Variationsgründen" gemacht werden. Und -- wie er dann erläutert -, weil man offizielle Erklärungen im Westen besser kontrollieren könne als im Osten.
upi übrigens wußte am selben Donnerstag, als dpa nur haltlose Beschuldigungen von Madame Binh kannte, daß das "7. bataillon des 17, luftkavallerie-regiments" in Laos "mindestens einmal in ein gefecht verwickelt worden" sei. Auch, daß ein im Kampfgebiet gefallener Amerikaner eine südvietnamesische Uniform trug.
Dafür offenbarte dpa-Korrespondent Bargmann am nächsten Morgen um 11.24 Uhr unwiderleglich, "dass die saigoner bataillone zum erstenmal ohne die direkte unterstuetzung amerikanischer landstreitkraefte operieren muessen -- dass sie zum erstenmal ganz auf sich allein gestellt sind", die armen Waisenkinder. Wenige Minuten später, am Freitag um 11.59 Uhr meldete es schließlich auch dpa -- aber wirklich in ganz netter vorsichtiger Form. Eine amerikanische Fernsehgesellschaft "will" von GIs "erfahren haben, dass mindestens vier amerikanische militaerberater in laos eingesetzt seien". upi sprach längst schon von einem Bataillon, das im Kampfgebiet solche Beratungspraxis eröffnet hatte.
Auch der kommunistische Pathet-Lao-Prinz Souphanou-Vong (dpa: "wird von politischen beobachtern gemeinhin als undurchsichtig beschrieben. obwohl er haeufig peking und moskau besucht ... bekennt er sich immer noch zu einer politischen loesung des laos-konflikts"), auch dieser Undurchsichtige mußte für dpa-Kunden die zarte Vokabel "Militärberater", in den Mund nehmen, dpa berichtete, er habe "den usa am sonnabend den einsatz militaerischer berater in laos" vorgeworfen. upi meldete acht Stunden zuvor dieselbe Prinzen-Erklärung ganz anders: "ueber 50 bataillone, davon allein mehr als zehn amerikanische, seien von suedvietnam nach laos eingefallen und "massakrierten' die zivilbevoelkerung."
So weiß dpa alles wohl zu formulieren. dpa stellt immer wieder fest, daß Sepone eine "wichtige kommunistische nachschubbasis in laos" ist, bevor die Stadt noch erobert ist. Das mag auch so sein. Warum aber ist dann Long Cheng für dpa wiederholt nur "angeblich das zentrum des amerikanischen geheimdienstes cia in laos"? dpa-Chef Benirschke weiß es. Was Sepone ist, hat dem dpa-Korrespondenten ein "kompetenter Mann" in Saigon gesagt. Und wenn er jetzt noch einen kompetenten Mann für den CIA finden würde, dann könnte man Long Cheng von dem anstößigen "angeblich" befreien.
Von Otto Köhler

DER SPIEGEL 9/1971
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