22.02.1971

DER PREMIER GEWANN DIE WETTE

Nach der von Amerika unterstützten südvietnamesischen Intervention in Laos drohte US-Präsident Nixon letzte Woche mit einer Wiederaufnahme der Bombardements gegen Nordvietnam. Die Führer in Hanoi aber werten die Ausweitung des Indochina-Kriegs durch die Amerikaner als „Verzweiflungstat“. Vier Jahre amerikanische Bombardements und 30 Jahre Krieg haben die Industrie des Landes schwer angeschlagen, die Moral der Erben Ha Tschiminhs aber nicht gebrochen. So beurteilt Louis Wiznitzer, USA-Korrespondent der kanadischen Zeitung „La Presse“, die Anstrengungen beim wirtschaftlichen Wiederaufbau Nordvietnams, das er mehrere Wochen lang bereiste.
André Malraux sagte mir 1955 mit leiser Stimme und erhobenem Zeigefinger über die vietnamesischen Kommunisten, die er seit 1925 kannte: "Bemerkenswerte Leute. zweifellos. Sehr ernsthaft, sehr ernsthaft. Sie bilden Kader aus, organisieren sorgfältig und lassen sich nur mit Vorbedacht auf eine Aktion ein. Sie sind durchaus keine Amateure."
Bei meinem Besuch in Nordvietnam konnte ich feststellen, daß Malraux als Sachkundiger gesprochen hatte.
Der Reisende, der nach Zwischenlandungen in Saigon, Bangkok und in Vientiane schließlich in Hanoi landet, ist zunächst verblüfft. Es fehlt die fieberhafte Tätigkeit, die man in allen Ländern Südostasiens findet: keine Neonreklame, keine Taxis, keine Läden, keine Wechselstuben.
Die Enklaven des Überflusses, die Inseln der Prosperität inmitten eines Meers von Elend, die dem Touristen in Südvietnam und in Thailand ein gutes Gewissen schenken, gibt es hier nicht. "Hanoi bei Nacht" verdient nicht, in den Prospekten der Reisebüros sufgeführt zu werden. In der Bar des Hotels Jonghat wird den europäischen Diplomaten, die sich dort treffen, nur polnischer Wodka und ungarischer Wein angeboten,
Hier findet man keine Waschmaschinen und keine Autobahnen, aber auch kein Elend, keinen Hunger, keine Analphabeten, keine Prostitution. Die Entdeckung, daß die Vietnamesen ein sentimentales, zartes und poesieliebendes Volk sind, ist nicht die geringste Überraschung für den Reisenden.
Die eigentliche Überraschung: In dem Augenblick, da die letzten US-Kampfeinheiten sich zum Abzug aus Südvietnam rüsten, reorganisieren sich die Nordvietnamesen. Der Schlußstein des Aufmarsches von General Giap -- er spielt wieder die entscheidende Rolle -- liegt in der Nordostregion Kambodschas in einem unzugänglichen Gebiet, aus dem die Amerikaner ihre Feinde schwerlich vertreiben können, selbst wenn sie taktische Atomwaffen einsetzen würden, wie man in Hanoi befürchtet.
"Die Frucht könnte sich plötzlich vom Baume lösen und herunterfallen, zum Erstaunen all derer, die sie eifersüchtig bewachen", vertraute uns der Leiter einer wichtigen nordvietnamesischen Publikation an.
Nach Meinung der nordvietnamesischen Führung ist die langsame, aber sichere Verschlechterung der Lage in Südvietnam der Grund dafür, daß Nixon Nordvietnam im November wieder bombardieren ließ.
"Ihre Verzweiflungstaten können uns nicht in Furcht versetzen ... sie werden noch tiefer in unseren Reisfeldern versinken Der Mann, der das sagte, ist einflußreich. Er hat seinesgleichen. aber keinen Chef.
Seine Ideologie muß man nicht teilen, aber man hat den Eindruck, einen Mann vom Schlage Lenins, Sinowjews und Radeks vor sich zu haben und nicht einen jener mittelmäßigen Apparatschiks, die im Kreml sitzen.
Soviel zum Willen Nordvietnams, den Kampf fortzusetzen. Aber die Mittel? Die Wirtschaft liegt darnieder. Die amerikanischen Bombardements haben die Anfänge einer Schwerindustrie zerstört, alle Städte, mit Ausnahme von Hanoi und Haiphong, getroffen, die Stromversorgung, die Kohleproduktion erheblich reduziert, die Verkehrswege vernichtet.
Die Anlagen der Stahlindustrie in Thai Nguyen wurden zerstört, die große Zementfabrik in Haiphong, die Papierfabrik in Hanoi, das Textilkombinat in Nam Dinh und die Phosphatbergwerke in der Nähe der chinesischen Grenze.
Bombardierte Fabriken werden repariert, manche produzieren nur zu 10 oder 20 Prozent ihrer Kapazität. Es wird .jedoch kaum eine Fabrik wiederaufgebaut: Man fürchtet, die Amerikaner könnten die Bombardierung wiederaufnehmen.
1965 erreichte die Produktion der Schwerindustrie fünf Millionen Tonnen -- 1970 nur drei Millionen Tonnen. 1965 erzeugten die Kraftwerke 650 Millionen Kilowattstunden, und es wird einige Jahre dauern, bis das alte Niveau erreicht ist.
Wenn man zu diesem finsteren Bild noch die niedrige Produktivität der Arbeit hinzufügt, den prähistorischen oder bestenfalls handwerklichen Stand der Fischwirtschaft, die Verzögerungen durch eine bürokratische Verwaltung, das Fehlen brauchbarer Statistiken, die unmodernen Arbeitsmittel -- der Büffel zieht den Pflug, der Mann hantiert mit Körben und Wasserschaufeln, die Frau trägt das Wasserjoch auf den Schultern -, so begreift man, warum die Wirtschaft der wunde Punkt Hanois ist.
Durch Gespräche mit Führungskräften der Wirtschaft und bei Besuchen in mehreren Betrieben sind wir zu der Gewißheit gelangt, daß die Industrieproduktion, sofern die Bombardements nicht wieder beginnen, noch zwei Jahre brauchen würde, bis sie das Niveau des Jahres 1965 erreicht. Engpässe behindern im Augenblick vor allen Dingen die Landwirtschaft und die Leichtindustrie: Kapitalmangel, fehlender Export, fehlender Kunstdünger, Schwierigkeiten hei der Umschulung der Arbeitskräfte.
"Wenn es nur die großen Hindernisse gäbe", seufzt ein Gesprächspartner, der sich bemüht, mitten im Chaos zu planen "Es gibt die vielen kleinen Einzelheiten, die den Aufbau der Wirtschaft zu Tantalusqualen machen."
Da ist zum Beispiel die Odyssee einer großen hydraulischen Presse. Die UdSSR hatte sie geliefert, wegen ihres Gewichtes konnte sie nur per Schleppkahn an ihren Bestimmungsort befördert werden. Um die Reise anzutreten, mußte sie bis zur Regenzeit warten. Auf ihrem Reiseweg mußte sie vor einer Brücke haltmachen, deren Bogen nicht hoch genug war, Sie mußte sechs Monate warten -- bis zur Trockenzeit, damit sie unter der Brücke durchfahren konnte. Dann mußte sie weitere sechs Monate warten, bis der Regen wiederkam und die Reise fortgesetzt werden konnte. In einem Satz: Die wirtschaftliche Bilanz des Krieges ist für Nordvietnam negativ -- aber die Strukturen haben standgehalten. Trotz der vier Jahre langen Bombardements ist das Land nicht in Anarchie versunken. Der Bauer lernte sogar, mit Maschinen umzugehen. Die Frau emanzipierte sich. Das Unglück schmiedete das Volk an seine Führer.
Wir haben auf einer Strecke von 450 Kilometern, die wir im Jeep zurücklegten, die Schäden gesehen die durch Millionen Tonnen amerikanischer Bomben verursacht wurden Ein Kilo Sprengstoff fiel auf eine Fläche von zwölf mal zwölf Metern. Wir sahen Tausende von Kratern, die bei Regenfüllen mit Wasser gefüllt sind und in denen die Büffel schwimmen.
Wir stellten dabei fest: Der Hagel aus Eisen und Feuer hat die Energie Nordvietnams eigentlich nicht angegriffen. Der technologische Krieg, den die USA führen, entspricht nicht dem Lehen dieses Agrarlandes. Eine Panne in der zentralen US-Elektrizitätsversorgungsanlage "Edison" würde einen Teil der Vereinigten Staaten lähmen. Aber die Vernichtung fast der gesamten Energie-Erzeugung Nordvietnams änderte kaum etwas: In den Hütten wurden abends die Kerosin- Lampen angezündet.
Premierminister Pham Van Dung widmet sich -- wie Fidel Castro -- vor allein der Wirtschaft, er liest wissenschaftliche Werke über Landwirtschaft und besucht häufig die Provinzen. Aber in dem Jahr, in dem Fidel Castro seine Wette verlor (zehn Millionen Tonnen Zucker), gewann Pham Van Dong die seine (fünf Millionen Tonnen Reis).
Fünf Tonnen je Hektar, zwei Schweine je Hektar, ein Arbeiter je Hektar das ist die wichtigste Formel der nordvietnamesischen Volkswirtschaft. Um ihr Land aus der Unterentwicklung und von dem dreifachen Joch -- tropisches Klima, Erbe der Kolonialherrschaft, Kriegsschäden -- zu befreien, wollen die Führer zuerst die Landwirtschaft entwickeln.
Denn vor 1954 war die Bevölkerung durch immer wiederkehrende Hungersnöte dezimiert worden. 1945 verhungerten zwei Millionen Menschen. Unter den Bombenangriffen hat die Landwirtschaft vor allem im Süden schwer gelitten.
Zur Ernährung der Bevölkerung benötigt Nordvietnam zwei ertragreiche Reisernten und eine Süßkartoffelernte pro Jahr -- doch für diese drei Ernten reichen die tierischen und pflanzlichen Düngemittel nicht aus.
Um Kunstdünger herzustellen, braucht das Land Fabriken, zu deren Bau aber wird Kapital benötigt, über das man nicht verfügt. Oder man müßte in großem Umfang Kunstdünger importieren -- für dessen Bezahlung aber die entsprechenden Exportprodukte fehlen. Die Erzeugung des wichtigsten Exportprodukts (Kohle) ist zurückgegangen.
Um den Export überhaupt rentabel zu machen, müßten statt der Rohstoffe Fertigprodukte ausgeführt werden, etwa Fleisch- und Fischkonserven sowie Orangeaden. Aber auch dafür müßte man zunächst Fabriken bauen, wozu wiederum das Kapital fehlt.
Angesichts dieser Hindernisse entschied sich die kommunistische Partei im Frühjahr 1969 für eine pragmatische Strategie: die Entwicklung vom Einfachen zum Schwierigen, von unten nach oben. Vorrang erhielten Landwirtschaft und Leichtindustrie.
2500 landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften haben in diesem Jahr den Hektar-Ertrag von fünf Tonnen Reis überschritten. Der Anbau von Kulturpflanzen für den Export wird gefördert, von Kaffee, Tee, Jute und Erdnüssen. Denn Nordvietnam muß den sozialistischen Ländern alle Hilfsleistungen bezahlen. Und sowjetische Waffen sind teuer.
95 Prozent der Einwohner Nordvietnams leben heute in Kooperativen, jede besteht aus durchschnittlich 720 Familien. Aber auf eine extreme Kollektivierung wurde verzichtet, nachdem es in den fünfziger Jahren deswegen zu einem Bauernaufstand gekommen war.
Die landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft in Ngo Xuyen beispielsweise, die an der Straße von Hanoi nach Haiphong liegt, bewirtschaftet 83 000 Hektar Kollektiv-Ackerland und über 12 000 Hektar, die sich in Privatbesitz befinden. Die Regierung hat im ganzen Land, hauptsächlich in Hanoi und Haiphong, die Einrichtung freier Märkte gestattet. Dadurch wird die Produktion angespornt und ein Sicherheitsventil gegen Verbraucher-Unmut geschaffen. Auf den Märkten kann man Fleisch, Gemüse, Kleidungsstücke und sogar Fahrräder frei kaufen.
Dennoch beklagte sich einer der höchsten Funktionäre der Provinz Thai Binh über viele Mißstände: Viele Genossenschaften sind infolge schlechter Führung unterbeschäftigt; Einsatzpläne fehlen; Bauern verkaufen in der Stadt ihre Privaternte, während alle Arbeitskräfte für die Reisernte benötigt werden. Die Nordvietnamesen brauchen nämlich für die Ernte eines Doppelzentners Reis 120 Arbeitsstunden, während ein Farmer in Chile 40 Stunden dafür aufwendet, ein US-Farmer 90 Minuten.
So betrachten die Führer Nordvietnams es schon als einen großen Sieg, daß sie 1970 pro Kopf 32 Kilogramm Reis und eineinhalb Kilogramm Fleisch im Monat garantieren konnten.
Sie bildeten während der vier Jahre dauernden amerikanischen Bombenangriffe 8100 Agronome an Hochschulen, 40977 an Fachschulen aus. Sie beschäftigen sich bereits jetzt mit den technologischen Möglichkeiten nach dem Krieg. Soll man Biochemiker, Atomwissenschaftler, Elektrotechniker ausbilden? Zehntausende junger Nordvietnamesen studieren in den Hauptstädten der sozialistischen Welt. Ihre Rückkehr nach Vietnam vollzieht sich nicht immer reibungslos.
Manche trauern in der ersten Zeit dem Komfort in Moskau oder in Budapest nach, Andere wenden zu schnell und zu mechanisch ihr neues Wissen an: So baute zum Beispiel ein Architekt, der aus Moskau zurückgekehrt war, am Ufer eines der bezaubernden Seen der Umgehung von Hanoi ein Denkmal, das in eine Straße der sowjetischen Hauptstadt gepaßt hätte, nicht aber in die weiche impressionistische Landschaft Vietnams.
In Hanoi gibt es gleichwohl keinerlei Anzeichen für jene neue Klasse", die in Havana ihre roten Alfa Romeos zur Schau stellt oder die sich am Wochenende aus Moskau in pompöse Landhäuer zurückzieht. Dennoch bietet Hanoi weder die graue Eintönigkeit Moskaus noch die chinesische Uniformität, der Reisende staunt vielmehr über eine Art Urlaubsstimmung. Den Vietnamesen, diesen Südländern und begeisterten Individualisten, gelingt es mit den bescheidensten Mitteln, ihrer Kleidung eine persönliche Note zu geben.
Ein ungelernter Arbeiter verdient 40 Dong im Monat (ein Dong entspricht etwa einer Mark), ein Facharbeiter 80 Dung, eine Führungskraft 100 Dong. Für Hanois Verhältnisse sind diese Löhne und Gehälter relativ hoch.
Der Leiter der Planungskommission erläuterte mir, die Regierung betreibe Preispolitik und verteile Produktionsprämien: "Leider verfügen wir nicht über Mittel, bei mangelnder Disziplin Strafen zu verhängen. Wenn wir einen Arbeiter entlassen oder seinen Lohn kürzen wollen, würde er sagen, wir führten uns wie Kapitalisten auf ..." Wohnen ist nahezu kostenlos (zwischen ein und zwei Dong). Lebensmittel kosten 18 Dong monatlich plus zehn Dong für Mahlzeiten in Restaurants oder für "Zusatzkosten" auf dem freien Markt. Ein Fahrrad kostet auf Raten 300 Dong, eine Lederjacke 45, ein Büstenhalter zwei, eine Kinokarte oder eine Tasse Kaffee einen viertel Dung, ein ostdeutscher Photoapparat Marke "Pentacon" 1500 Dong. Während der Bombardements konnten die Leute ihr Geld nicht ausgeben, deshalb kaufen sie jetzt viel, die Preise steigen.
Die Reisproduktion erreichte im letzten Jahr nahezu fünf Millionen Tonnen. Das reicht zur Ernährung Nordvietnams und seiner Armee im Süden aus. Die Bevölkerung des Landes hat zu essen und kann sich kleiden, wenn auch ärmlich. Die Vietnamesen sind nach dem Beispiel der Franzosen genial im Basteln, sie reparieren, bessern aus, es gelingt ihnen, zerstörte Fabriken rasch wieder in Betrieb zu setzen. Sie können schwankende Brücken überqueren und sich auf Straßen bewegen, die voller Bombentrichter sind. Hohen Besuchern aus dem Ausland stehen auf der Durchreise etwa ein Dutzend Wagen zur Verfügung. Im übrigen aber spielt sich der Verkehr in Hanoi per Fahrrad oder zu Fuß ab.
Die Gespräche mit Ausländern werden oft über Dolmetscher geführt. Während die Funktionäre in Peking dieses Spiel aber bis zu Ende spielen, lassen ihre Kollegen in Hanoi nach zehn Minuten die Maske fallen und setzen die Unterhaltung in fließendem Englisch oder Französisch fort. Vietnamesen kennen keine starre Dogmen.
Diese Flexibilität gehört zu der offiziellen Linie der vietnamesischen kommunistischen Partei. In einem kürzlich erschienenen Buch, das in Nordvietnam als verbindlich gilt, schreibt Parteichef Le Duan: "Klasssenkampf -- ja; aber auch Klassenbündnis. Wirtschaftsführung bedeutet Verwaltung eines lebenden Organismus. Es ist einfältig, zu glauben, daß allein politische Parolen revolutionär sind. Wir müssen uns vor der passiven Erwartung ebenso hüten wie vor der Ungeduld, auf Biegen oder Brechen vorpreschen zu wollen." Das erklärt gut, wieso sich die nordvietnamesischen Kommunisten von Moskau, Peking und Havana unterscheiden.
Ist die Führungsschicht Nordvietnams gespalten? Kollidiert eine prochinesische Gruppe mit einer prosowjetischen? Experten in Hongkong und Washington behaupten es. Nach meinen Informationen jedoch bilden Parteichef Le Duan, Premier Pham Van Dong und General Giap eine geschlossene Führungsmannschaft.
Wenn es an der Spitze ein Problem gibt, so weniger das der Cliquenbildung als das der eventuellen Ablösung der jetzigen Führer. Sie sind alt, Zeitgenossen Ho Tschi-minhs. Sie kennen sich seit 50 Jahren, sind es gewohnt, miteinander zu arbeiten, und vertrauen einander. Aber sie haben keine Ersatzmannschaft herangebildet. Solange der Krieg andauert, ist das nicht wichtig. Aber wenn wieder Frieden eingekehrt ist, dürften sich daraus viele Schwierigkeiten ergeben.
Privat machen die Nordvietnamesen kein Hehl daraus, daß der chinesischsowjetische Konflikt sie bedrückt. Sie versichern, daß sie konstruktive Neutralität üben. Diese hindert sie jedoch nicht daran, über das Verhalten der Sowjets auf menschlicher Ebene schockiert zu sein. "Sie sind die Amerikaner des sozialistischen Lagers, vertraute mir ein Vietnamese an. Sie leben unter sich, essen russisch, fahren große Wagen und legen eine überlegene Freundlichkeit an den Tag.
Die Haltung der Chinesen dagegen ist völlig anders: Die chinesischen Techniker, denen wir in der Provinz begegnet sind, leben mit den Vietnamesen zusammen, essen wie sie und waschen abends selbst ihre Wäsche.
Trotz einer kulturellen Affinität zu den Chinesen sehen die Vietnamesen aber kaum einen Grund, sich ihrem großen Nachbarn im Norden anzuschließen: "Ob wir die Entsendung chinesischer Freiwilliger in unser Land akzeptieren würden? Dazu müßte die Situation schon hoffnungslos sein.
Eine Frage bleibt offen: Wird das vietnamesische Volk durchhalten, wenn der Krieg andauert? Nordvietnam hat 22 Millionen Einwohner, das Durchschnittsalter liegt bei 16 Jahren. Die Menschenverluste sind leicht zu ersetzen, die Rekrutierung ist nicht das Hauptproblem. Die intensive Kampagne, die das Regime augenblicklich für die Geburtenkontrolle führt -- die Pille für die Führungskräfte, mechanische Verhütungsmittel für das Volk -, beweist, daß es dem Land nicht an Arbeitskräften mangelt.
Kurioserweise erinnert Vietnam heute mehr an das Israel der vierziger Jahre als an die Fedajin von heute. Im Gegensatz zu den Arabern, die gern Rhetorik und Realität miteinander verschmelzen, schwächen die Vietnamesen ihre Proklamationen immer ein wenig ab, ihr Ehrgefühl verbietet es ihnen, ihre Leiden auszubreiten.
Auf unseren Fahrten durch die Provinz begnügten sich unsere Reisebegleiter Luy und Tai mit einem Kopfschütteln, wenn wir auf die Trümmer eines Wohnviertels zeigten, das durch Bomben zerstört war. Wir brauchten eine Woche, bis wir den Grund herausfanden, warum unsere Begleiter uns bei den Mahlzeiten verließen: Ihnen stand nur eine Schale zu, während wir vier bekamen.
Gewiß, eine Wiederaufnahme der US-Bombardements würde dem Regime ernsthafte Schwierigkeiten bereiten. Schon das Nachkriegsklima, das seit einem Jahr herrscht, hat eine gewisse moralische Aufweichung hervorgerufen. Kürzlich ist es vorgekommen, daß Fabrikdirektoren auf eigene Rechnung einen Teil ihrer Produktion verkauften. Kinder hoher Funktionäre kehrten aus Osteuropa zurück und nahmen Hippie-Allüren an. Die Arbeitsdisziplin läßt in einer Reihe von Betrieben nach.
Diese Schwierigkeiten könnten die Politiker in Washington zu der Annahme verleiten, die Moral in Vietnam stehe kurz vor dem Zusammenbruch. Solchem Wunschdenken folgte aber seit acht Jahren stets ein peinliches Erwachen. "Wenn sie uns erneut bombardieren, nehmen wir eben unser Bündel und gehen wieder auf das Land", sagte mir Nguyen Khau Vien, der Leiter von "Etudes vietnamiennes",
In einer Provinz-Schule wird gesungen: "Junges Mädchen mit den kräftigen reinen weißen Armen, würdest du es wagen, auf die Flugzeuge zu schießen?"
Antwort: "Aber ja, sofort, denn wenn man nicht auf sie schießt, läßt die Grausamkeit der Yankees nicht auf sich warten, und ihre Bomben fallen unaufhörlich auf unsere Hügel und auf unsere Reisfelder."
Von Louis Wiznitzer

DER SPIEGEL 9/1971
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