22.02.1971

KATHOLIKEN / GLAUBENSKONGREGATIONQuelle des Schadens

Das Essener Bistumsblatt "Ruhrwort" erlaubte sich Galgenhumor; unter der Schlagzeile. " Kein elektrischer Stuhl und keine Gaskammer" versicherte es, der Palazzo der vatikanischen Glaubenswächter am Platz des Heiligen Offiziums zu Rom sei bar solchen Inventars.
Das fromme Blatt hatte die Information aus erster Hand: Monsignore Joseph Tomko, Sektionschef in der römischen "Kongregation für die Glaubenslehre", war Anfang dieses Monats zu Scherzen aufgelegt, als er darzulegen suchte, wie modern die neue Verfahrensordnung seiner geheimnisumwitterten Behörde aussieht.
Doch selbst Gaskammer-Gags vernebeln nur unzulänglich, daß trotz neuer Verfahrensordnung in dieser wichtigsten päpstlichen Behörde noch immer "die Strenge der mittelalterlichen Inquisition" herrscht, wie der Kölner Funk-Journalist für Kirchenthemen, Leo Waltermann, feststellte*,
Als "Kongregation der römischen und der universalen Inquisition" wurde das Wach-Unternehmen bereits 1542 gegründet -- rund fünfhundert Jahre nach den ersten Ketzerverbrennungen. Von 1908 bis 1965 firmierte das Institut als "Heiliges Offizium". Seither trägt es zwar den eher harmlosen Namen Glaubenskongregation" aber besorgt wie bisher die "wichtigsten Geschäfte" der Kurie: Reinhaltung der katholischen Glaubens- und Sittenlehre.
Die Glaubenskongregation wird nach wie vor tätig, wenn
* Schriften oder Reden angeblich angreifbare theologische Thesen enthalten;
* Ordinariate Auskunft über Professoren-Kandidaten einholen; Geistlichen sittliche Verfehlungen oder andere Straftaten vorgeworfen werden;
* Geistliche in den Laienstand versetzt werden und wenn sie heiraten wollen.
Bevor die römischen Glaubenshüter ihre neueste Verfahrungsordnung jetzt bekannt machten, hatten sie schon einige Jahre damit experimentiert. Den Grund verriet im September 1969 Prälat Lino Lanciotti, dienstältester Sektionschef der Glaubensbehörde: Die Ordnung müsse "perfekt" sein, "ehe sie veröffentlicht wird".
Doch beileibe nicht alle Katholiken mögen die angebliche Novität für perfekt halten: Nach wie vor erfährt der (zumeist geistliche) Beschuldigte nicht, wer ihn angezeigt hat. Lanciotti: " Es könnte etwa eines seiner Beichtkinder sein, es könnte auch eine ihm liebe Person sein."
Wie eh und je dürfen die Beschuldigten weder die Akten einsehen, noch
* Lee Waltermann: "Rom, Platz des Mehlgen Offiziums Nr. II". Verlag Styria, Graz/ Wien Köln: 200 Seiten; 9,80 Mark.
sich vor ihren Richtern persönlich rechtfertigen.
Geblieben ist auch die alte Geheimniskrämerei. Wer seinen Schwur bricht, über seine Erfahrungen mit den Glaubenswächtern zu schweigen, wird noch heute exkommuniziert -- zu Recht, wie Kongregations-Priester Hermann Schwedt meint: "Der Öffentlichkeitsbegriff ist doch eine moderne Erfindung ... Sie ist in dieser Weise noch nicht in die römische Kurie eingedrungen."
Neu ist in den 18 Artikeln der jetzt vorgelegten Verfahrensordnung lediglich, daß bei Untersuchungen über Lehrirrtümer
* ein amtlicher Verteidiger hinzugezogen werden muß, den sich der Beschuldigte allerdings nicht selbst aussuchen darf, und
* ein Gespräch mit dem Beschuldigten geführt werden kann, wenn es Angehörige der Kongregation für notwendig erachten.
In der Vergangenheit kam es häufig vor, daß ein Denunzierter erst durch den Urteilsspruch erfuhr, daß gegen ihn ein Lehrverfahren eingeleitet und abgeschlossen worden war.
Verdächtige Reden oder Schriften werden in Rom derzeit von drei Instanzen geprüft:
Eine derzeit 32köpfige "Konsultoren" -Versammlung fällt ihr Urteil nach Anhören zweier Gutachten und der jetzt vorgeschriebenen Verteidigung.
Eine gegenwärtig 17köpfige Kardinalskommission der Kongregation diskutiert dann zusammen mit sieben Bischöfen noch einmal den Fall und das Urteil der Konsultoren.
Der Kardinalsspruch schließlich wird dem Papst vorgelegt und von diesem in der Regel genehmigt. Vortragsrecht haben nur der Sekretär und der Präfekt der Kongregation -- seit Januar 1968 der damals noch als liberal geltende Jugoslawe Franjo Kardinal Seper.
Die Auflagen und Strafen, die von der Glaubensbehörde verhängt werden können, reichen von der Ermahnung, eine als ketzerisch befundene Äußerung zu widerrufen, bis zur Amtsenthebung, Lehrstuhlvertreibung und Exkommunikation.
Freilich hat sich die Kongregation in den vergangenen Jahren davor gehütet, prominente Glaubensbruder mit solchen schweren Strafen zu belegen.
So wurde über den Jesuiten und Dogmatik-Professor Karl Rahner Anfang der sechziger Jahre eine Vorzensur verhängt. Einer der einflußreichsten Monsignores der Kongregation ließ damals durchblicken, gegen Rahner sei nichts einzuwenden -- solange er seine unruhestiftenden Ideen nicht für eine breite Öffentlichkeit publiziere, sondern nur für das Studium von Fachtheologen.
Der kroatische Priester Ivan Illich, der zur selben Zeit in Mexiko ein Institut gründete, um unter anderem die Konflikte in Gesellschaft, Kirche und Staat in Lateinamerika erforschen zu können, sollte sich vor zwei Jahren in Rom seiner Arbeiten wegen rechtfertigen.
Illich verweigerte vor der Glaubenskongregation den obligaten Schweige-Schwur und veröffentlichte die 85 inquisitorischen Fragen, die ihm gestellt worden waren. Er sollte unter anderem auf die Vorwürfe antworten, "abenteuerhungrig, unklug, fanatisch" zu sein, und er sollte insgesamt 29 Personen denunzieren.
Trotz dieser provozierenden Enthüllung ihrer Verhör-Praktiken stellte die Glaubensbehörde das Verfahren gegen Illich später ein. Offenbar glaubten die publizitätsscheuen Geheimdienstler des Vatikans auf diese Weise am schnellsten wieder aus dem Lichtkegel der öffentlichen Kritik entkommen zu können.
Denn Macht und Magie der Glaubenskongregation schwinden dahin -- spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Damals, vor genau siebeneinhalb Jahren, nannte der Kölner Kardinal Frings -- unter dem Beifall zahlreicher Oberhirten -- die Praktiken der päpstlichen Glaubenswächter "eine Quelle des Schadens für die Gläubigen".

DER SPIEGEL 9/1971
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