22.02.1971

UNTERNEHMEN / MÜLLER-WIPPERFÜRTHDeutsches Individuum

"Meine Weiber", sinnierte der westdeutsche Hosenfabrikant Alfons Müller-Wipperfürth über seine italienischen Arbeitnehmerinnen, "sitzen jetzt wohl an den Maschinen herum und lesen Romane oder treiben ich weiß nicht was. Gearbeitet wird jedenfalls nicht."
Schon seit Anfang Februar schneidern die 750 Beschäftigten der Müller-Fabriken in Ossona bei Mailand und Viggiü bei Varese weder Hose noch Hemd. Der westdeutsche Schneidermeister hatte nämlich die beiden Werke schließen lassen, weil "mir der ewige Arger mit Streiks und Lohnforderungen und dergleichen zu bunt wurde". Im Gegenzug freilich hatten die Wipperfürth-Mitarbeiter die Werke besetzt und waren, so Müller-Wipperfürth, "sogar in Büros eingedrungen, in denen Arbeiter normalerweise nichts zu suchen haben".
In der vergangenen Woche erklärten sich auch die 80 Beschäftigten der Müller-Wipperfürth-Weberei in Olgiate Comasco bei Como mit den Protestierenden solidarisch und besetzten Schneidertische und Bürosessel.
Zu der Kontroverse war es gekommen, als sich Alfons Müller-Wipperfürth weigerte, eine von Italiens Textilarbeitergewerkschaft ausgehandelte Tariferhöhung von 100 Lire (59 Pfennig) je Stunde anzuerkennen. Aus Angst, seine Gewinne könnten durch die höheren Lohnkosten allzusehr schrumpfen, fand sich Müller-Wipperfürth nur dazu bereit, den Differenzbetrag zu den bisher bezahl-
* In Ossona bei Mailand. Text des Transparents: "Die MOller-Arbeiterinnen sagen mit der Besetzung Nein zu den Erpressungen! Schluß mit den Schikanen
ten übertariflichen Löhnen zuzulegen -- etwa 30 Lire pro Stunde.
Damit mochten sich aber die italienischen Müller-Mitarbeiter nicht zufriedengeben. Abwechselnd streikten und bummelten sie. Da beschloß Deutschlands reichster Schneidermeister, bis zur Klärung des Falls überhaupt keine Löhne mehr auszuzahlen.
Am 29. Januar schien der Fall geklärt. Der Hosenfabrikant einigte sich mit örtlichen Gewerkschaftsvertretern auf eine Lohnerhöhung von 25 Prozent. Damit aber waren nun die Betriebsräte der Wipperfürth-Werke nicht mehr zufrieden. Sie verlangten zusätzliche Tariferhöhungen von 67 und 70 Prozent. "Das hätte bedeutet, daß ich Stundenlöhne von zehn Mark hätte zahlen müssen", empörte sich Müller-Wipperfürth, "und das in Italien -- ich bin doch schließlich kein Weihnachtsmann."
Seine Belegschaft wandte sich daraufhin mit Flugblättern an die Öffentlichkeit:" Arbeiter und Bürger, wir können es nicht zulassen, daß dieses deutsche Individuum so einfach nach Italien kommt, um uns zu unterdrücken, damit wir ihm zu Willen sind."
Den wahren Grund der Kontroverse sieht Gewerkschaftsfunktionär Burberay in der "arroganten Selbstherrlichkeit" des Kleiderfabrikanten und seines Managements. Zwar sei die Belegschaft mit den sozialen Einrichtungen und -- bis vor kurzem -- auch mit der Entlohnung zufrieden gewesen. Aber ständige Diskriminierungen und Beleidigungen der Arbeiter (übliche Redewendung von Vorgesetzten: "Du denkst wohl mit dem Hintern und nicht mit dem Kopf") hätten ein unerträgliches Betriebsklima geschaffen.
Zum ersten Krach war es in Ossona bereits im Oktober gekommen. Damals hatte Müller-Wipperfürth 27 Arbeiterinnen, die für soziale Verbesserungen streiken wollten, in den Zwangsurlaub geschickt. Prompt waren daraufhin empörte Italiener mit Transparenten vor dem deutschen Generalkonsulat in Mailand aufmarschiert und hatten in Sprechchören gerufen: "Müller, das ist das letztemal, daß du uns betrügst." Und: "Alfons Müller-Hitler, es ist Schluß mit der Sklaverei.
Auch in der jüngsten Kontroverse zogen die Arbeiter wieder vor die deutsche Vertretung. Gemeinsam appellierten schließlich Proletarier und Diplomaten an den Unternehmer wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Doch Müller-Wipperfürth blieb hart: "In Italien ist endgültig Schluß."
Der Steuerflüchtling mit doppelter (deutscher und monegassischer) Staatsangehörigkeit, der von seinen italienischen Betrieben vorwiegend seine 180 westdeutschen Textil-Häuser belieferte, hat sich inzwischen nach neuen, billigen Produktionsmöglichkelten umgesehen. "Ich kann jederzeit in einem Ostblockland produzieren" meinte der Schneidermeister: "Man möchte es ja nicht glauben, aber in der heutigen Zeit sind die Kommunisten tatsächlich noch die einzigen anständigen Menschen."

DER SPIEGEL 9/1971
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