22.02.1971

GESELLSCHAFT / ANARCHISTEN-BUCHKochen und Killen

Man nehme 15 Pfund Bananen, esse die Frucht, kratze den mehligen Rest aus den Schalen, koche daraus einen Brei und trockne ihn im Ofen. Resultat: ein mildes, aber legales Hai luzinogen, genannt "Musa Sapientum bananadine".
Man nehme eine Gasmaske, mixe und erhitze zehn Teile Glyzerin und zwei Teile Natriumbisulfat unter Zuhilfenahme von 26 Gerätschaften aus dem Hobby-Shop. Resultat: Tränengas.
Man nehme eine Hutnadel und steche sie dem Feind unauffällig durchs Ohr ins Hirn. Resultat: ein geräuschloser Tod, der ganz nach Herzattacke aussieht.
Das sind nur drei -- vergleichsweise harmlose -- Rezepte aus einem neuartigen Kochbuch, das die Amerikaner seit Jahresanfang auf dem Büchermarkt für zwölf Dollar (Leinen) oder für 5,95 Dollar (Paperback) kaufen können. Titel: "The Anarchist Cookbook"*.
Selten hat ein Anarchisten-Leitfaden so solides, gebündeltes Wissen für Revoluzzer-Aspiranten vermittelt. Wie Bomben im Keiler gebastelt, LSD oder TNT in der Küche gebraut und Brücken aller Größenordnungen mit Sicherheit gesprengt werden; wie Gegner im unbewaffneten Zweikampf geblendet, paralysiert, gekillt oder wie schmerzhafte Chemikalien-Attacken der Polizei auskuriert werden können -- das Kochbuch läßt kaum aktuelle Underground-Probleme offen.
Das Werk, als Nobelausgabe in schwarzes Leinen gebunden, ist die Fleißarbeit eines Studenten. William Powell, 21, von der Philosophischen Fakultät des Windham Coliege in Putney (US-Staat Vermont) zeichnet als Verfasser.
* William Powell: "The Anarchist Cookbook". Verlag Lyle Stuart, New York; 160 Seiten; 12 Dollar.
Er widmet sein Kochbuch nicht etwa Guerrilleros oder Tupamaros, Hippies oder Yippies (Powell: "Die wissen eh schun alles"). Er schrieb es für "Anarchisten mit Selbstdisziplin" und, vor allein, für das "wirkliche Volk Amerikas, die "silent majority'".
"Wenn die schweigende Mehrheit überleben soll", argumentiert der Verfasser, "muß sie sich Wissen aneignen" -- Wissen über Drogen, Waffen, Sprengstoff, Killen; das sei der "eigentliche Zweck" seines Kochbuchs.
Das Risiko der Zweckentfremdung freilich können weder Verfasser noch Verleger ausschließen. "Warnung!", so steht es in großen Lettern auf der Buchhülle, "Die hier besprochenen Punkte sind illegal und stellen eine Bedrohung dar. Wichtiger noch, fast alle Rezepte sind gefährlich ... Lassen Sie Sorgfalt, Vorsicht und gesunden Menschenverstand walten." Und: "Dies Buch ist weder für Kinder noch für Schwachsinnige geeignet."
Für Schwachsinnige allenfalls noch zuträglich wäre das erste Kapitel über Drogenmißbrauch und -gebrauch. Es ist das einzige, das tatsächlich Kochrezepte enthält.
Haschisch und Marihuana sind dort Ingredienzen superber Küchenkunst. Pot-Suppe, Grass-Eintopf und Hasch-Kekse (mit Rosinen, Ingwer, Feigen und Nüssen) deren Produkte. Der höchste Genuß, den die Pot-Küche bietet, ist laut Kenner Powell "ein frisches Marihuanablatt, eingetunkt in geschmolzene Butter, bestreut mit Salz".
New Yorker Kenner können Pot, Marke "New York weiß, sogar im Untergrund pflücken: Bei polizeilichen Hausdurchsuchungen rasch durchs Klo gespülter Stoff hat angeblich im gut gedüngten unterirdischen Kanalisationsgewölbe Wurzeln geschlagen; mangels Sonnenschein blieben allerdings die Blätter hell.
Wie und wo in den Abwässer-Untergrund hinabgetaucht werden kann, enthüllen Systemkarten, zu entleihen in jeder städtischen Bibliothek. Den potentiellen Tupamaros empfiehlt der Kochbuch-Verfasser, da unten Telephonkabel zu durchschneiden, um so den Informations- und Kommunikationsfluß des Establishments zu sabotieren.
Unerläßlich sei es für Freiheitskämpfer, mit der Technologie ihrer Zeit Schritt zu halten. So informiert er über Underground-Radiostationen, Abhöranlagen, Zerhacker und Bezugsquellen für verwanzte Telephone.
Viele der -- sämtlich skizzierten -- Tips für Sprengstoff-Fallen ("booby traps") an Türklinken und Gartentoren, in Kaminen, Tabak- und Trillerpfeifen erinnern noch an James Bond. Wahrhaft schauerlich sind erst die mörderischen Chemikalien-, Gas-, Bomben- und Schießpulver-Rezepturen, darunter allein 61 Ammoniumnitrat-Mixturen.
Amerikas Bürger sind offenkundig gewillt, Informationslücken zu schließen. Schon vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin vor sechs Wochen war die erste Auflage von 6500 Exemplaren fast vergriffen. Bis Mitte letzter Woche waren bereits 11 500 Kochbücher verkauft.
"Ich habe es nicht gedruckt, um Geld damit zu machen, staunte Cookbook-Verleger Lyle Stuart in New York. Aber: "Fast sieht es so aus, als tät' ich's."

DER SPIEGEL 9/1971
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