22.02.1971

BELGIEN / KÖNIGSHAUSArmer Mann

Die Belgier feierten ihn als Regenten des Widerstands. Fast sechs Jahre stand er im Zentrum der politischen Macht des Zweivölkerstaats. Als Miterbe des Riesenvermögens der belgischen Königsfamilie war er Millionär.
Heute ist Prinz Charles von Belgien, 67, jüngerer Bruder des Exkönigs Leopold III., mit der königlichen Familie zerstritten, als Politiker unbedeutend und sieht sich zudem noch um sein Vermögen betrogen. Vergebens versucht er, sich von belgischen Gerichten bestätigen zu lassen, daß der Bankier Oliver Allard, 61, ihn um rund 18 Millionen Mark geprellt habe.
Prinz Charles: "Baron Allard durfte mein Vermögen ohne die geringste Kontrolle verwalten. Eines Morgens war ich ein armer Mann."
Dabei hatte der Prinz seinem Bankier vor vier Jahren vor einem Notar bestätigt, daß er gegen ihn keine Forderungen mehr habe. Kurz nach der Entlastung jedoch erhob Charles Anklage wegen Betrugs. Am 9. Februar 1971 verschickte das Landgericht Brüssel die Anklage gegen Allard wegen Urkundenfälschung.
Der Fall, so befand das belgische Nachrichtenmagazin "Pourquoi Pas?", habe den Zuschnitt "einer Tragödie von shakespeareschen Ausmaß n". Denn die Familie Allard und das belgische Königshaus sind seit fast einem Jahrhundert eng miteinander verbunden. 1929 belohnte die Krone den Bankier mit der Baronie.
Vor dreizehn Jahren schlossen Oliver Allard und Prinz Charles Freundschaft. Beide hatten eines gemeinsam: einen älteren Bruder, den sie nicht ausstehen konnten. Allards Bruder Antoine hatte für Bankgeschäfte wenig Interesse und machte als "roter Baron" aus seinen Sympathien für die Kommunisten kein Hehl. Charles wiederum warf seinem älteren Bruder Leopold 111. vor, er regiere autoritär und egoistisch.
Der König ließ sich von den deutschen Besatzern 1944 nach Deutschland verschleppen. Prinz Charles dagegen schloß sich gleich nach der deutschen Invasion dem Widerstand an.
Die aus London zurückgekehrte Exilregierung mit Paul-Henri Spaak setzte darauf am 20. September 1944 die Ernennung des Prinzen zum Regenten durch. Er umgab sich mit fähigen Beratern, die belgischen Politiker respektierten ihn. Frankreichs "Monde" attestierte "Ohne ihn wäre die Monarchie wahrscheinlich für immer untergegangen."
Doch der König, der nach Kriegsende in die Schweiz übergesiedelt war, wollte auf seinen Thron nicht verzichten. In Belgien führten die Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern und Gegnern Leopolds schließlich zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. 1950 sprachen sich in einer Volksabstimmung 57,6 Prozent der Belgier für die Rückkehr des Königs aus. In den wallonischen Provinzen jedoch waren bis zu 58 Prozent dagegen.
Die Wallonen drohten damals mit Sezession. Leopold dankte ab, Charles übergab die Regentschaft seinem damals noch nicht volljährigen Neffen Baudouin" dem heutigen König.
Dem Ende der politischen Machl folgten Familienszenen. Prinz Charles ging auf Reisen.
Allard war in jenen Tagen immer in der Nähe des Prinzen. 1960 beauftragte Charles den Bankier, seine Besitzungen in Belgien zu verkaufen und den Erlös in Aktien und Grundstücken außerhalb des Königreichs anzulegen.
Jahre später erinnert sich der Prinz: "Ich hatte uneingeschränktes Vertrauen zu ihm." Allard habe dieses Vertrauen mißbraucht.
Der Baron wiederum behauptet: "Der Prinz gab sein Geld unüberlegt aus. Sein Haß auf die königliche Familie, der er bei seinem Tode nichts hinterlassen will, hat ihn zu gefährlichen Finanzmanövern getrieben. Er ist für seinen Ruin selbst verantwortlich."

DER SPIEGEL 9/1971
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