22.02.1971

TISCHTENNISDie dritte Dame

Der Bundeskanzler bestätigte unversehens die Richtlinie, als er Jüngst bei Neckermanns Ballnacht den völkerverbindenden Aspekt des Sports hervorhob. Zur Weltmeisterschaft in Japan entsenden die bundesdeutschen Tischtennis-Funktionäre Ende März ihre spielstärkste Damen-Nationalmannschaft aller Zelten. Drei der fünf Bundesspielerinnen stammen aus fremden Ländern.
Ungarns Weltmeisterin Agnes Simon, 34, war 1957 mit ihrem Mann in den Westen geflüchtet. Dr. Bela Simon ist heute Bundestrainer, seine Frau ließ sich naturalisieren und spielt für Deutschland. Die englische Weltmeisterin Diane Rowe, 37, wurde durch Heirat des deutschen Spitzenspielers Eberhard Schöler Bundesbürgerin. Wenn das Paar ein Mixed spielt, verständigt es sich auf englisch. Die dritte Dame im Tischtennis-Bund ist Marta Hejma-Luzová, 23, CSSR-Flüchtling und 1971 Deutsche Meisterin. Inzwischen besitzt auch sie einen Bundespaß.
So international hatten deutsche TT-Funktionäre nicht immer gedacht. "Früher In der Wehrmacht", beschwor vor Jahren der Helibronner Emil Welk, "spielten wir für Nation und Ehre." Karl-Joseph Huch aus Bingen forderte auch "Volkserziehung zur Verbandsarbeit".
Reformpläne wurden meistens niedergestimmt. Der bayrische Nationalspieler Martin Ness erhielt vor einer Weltmeisterschaft vom eigenen Verband Startverbot, weil er im Bundesdreß gegen einen Zivilisten in Strumpfsocken und wehender Krawatte gespielt hatte. Vor dem Zweiten Weltkrieg "füllten wir im Ausland die Hallen", berichtete Josef Schlaf, Generalsekretär des Deutschen Tisch-Tennis-Bundes (DTTB), "weil alle glaubten, wir würden mit Hörnern auf dem Kopf spielen".
Unter Schlafs zielstrebigem Management verwandelten sich die deutschnationalen TT-Spieler in tolerante Weltbürger. Schlaf selbst avancierte zum Präsidenten der Europäischen Tennis-Union und förderte die Einführung einer Europaliga. Nur der Nachwuchs kam bei diesem Entwicklungstempo nicht mit. Unter den 14 768 Spielerinnen zwischen 14 und 18 Jahren und den 29 113 Damen über 113 vermag kaum eine mit den eingebürgerten Auslands-Stars zu konkurrieren." Im Tischtennis gibt es kaum Wunderkinder". klagte die "FAZ".
Kritiker werfen Trainer Simon und der Damenwartin Hanne Schlaf, Ehefrau des Generalsekretärs, zu lasches Training vor. Nach dem 6:1 über die Deutschen in der Europaliga tadelte Ungarns Spitzenspieler István Jonyer: "Was den Deutschen fehlt, ist intensives Training."
Die deutsche Meisterschaft der Herren wird seit 18 Jahren wie in Erbpacht vergeben. 1953 bis 1961 gewann sie ununterbrochen der Münchner Conny Freundorfer, der noch heute als Mitdreißiger zur Bundesspitze zählt. Nach Freundorfer holte achtmal hintereinander der Düsseldorfer Schöler den Titel, den er 1970 zwar an seinen Klubkameraden Wilfried Lieck verlor, ihn sich 1971 aber wieder zurückeroberte. Auch bei den Damen siegten seit Jahren vorwiegend Diane Schöler-Rowe und Agnes Simon über jüngere Rivalinnen. "Im Damentischtennis erreicht man den Höhepunkt erst zwischen 26 und 30", tröstete sich Hannelore Männer aus Metzingen.
In der CSSR freilich fielen zwei Teenager auf, die 1968 in Lyon bereits zur Europameisterschaft antraten. Zunächst belächelten Experten und ältere Rivalinnen die erst 14 Jahre zählende Ilona Vostová und die sechs Jahre ältere Marta Luzová, weil sie beide kaum über die Tischplatte sehen konnten. Gegen ihre Gegnerinnen "schienen die Kämpfe Kinderspiele zu sein", mutmaßte die "Süddeutsche Zeitung". Doch Ilona Vostová wurde Damen-Meisterin, und Marta Luzová belegte den 5. Platz. Die Europameisterschaft im Damendoppel gewann die Luzová mit Jitka Karliková.
Kurze Zeit darauf heiratete sie den Prager Eishockey-Nationalspieler Petr Hejma, der bei der Olympiade 1968 in Grenoble im Spiel gegen die Sowjet-Union ein Tor zum 5:4-Sieg schoß. Die gefeierten Heimas flüchteten nach dem Einmarsch der Russen und ließen sich in der Bundesrepublik nieder. Hejma spielt Eishockey heim Bundesligaklub Düsseldorfer EG, seine Frau verstärkt den Tischtennis-Spitzenverein DTC Duisburg-Kaiserberg, wo bereits Alimeisterin Agnes Simon Mitglied war. Als die Pragerin, die 70mal für die CSSR gespielt hat, auch den deutschen Titel gewann, forderten ehrgeizige DTTB-Funktionäre ihre Teilnahme an der Weltmeisterschaft 1971 im japanischen Nagoya.
"Aber meine Herren, bleiben wir doch auf dem Teppich", warnte der geschickte Taktiker Schlaf, "wir wollen keinen zweiten Fall May konstruieren." Der aus der DDR geflüchtete Weltrekordläufer Jürgen May hatte 1969 beinahe die Austragung der Leichtathletik-Europameisterschaft in Athen gefährdet. Eigensinnige Bundesfunktionäre wollten ihn trotz eines nach den Bestimmungen zulässigen DDR-Vetos laufen lassen. Doch die europäischen Funktionäre beugten sich den DDR-Forderungen, und May durfte nicht auf die Bahn. Da boykottierten alle Bundesathleten die Wettkämpfe.
Schlaf hatte von TT-Funktionären aus der CSSR erfahren, daß auch mit einer Sperre gegen die Pragerin zu rechnen sei. Anders als in der Leichtathletik gestatten die TT-Bestimmungen jedoch den Start eines Ostblockflüchtlings in den Einzelwettbewerben.
Als Marta Hejma-Luzová am vorletzten Wochenende auch das bundesdeutsche Ranglisten-Turnier gewann, meldete sie der DTTB für Japan nach, zumal zwei andere Kandidatinnen absagen mußten, weil sie Babys erwarten. Im Einzel, Damendoppel und Mixed räumen Experten wie DTTB-Pressewart Willy Meyer der augenblicklich "wohl besten Europäerin" Hejma-Luzová Medaillenchancen ein.
In der Mannschaftswertung hingegen, wo die Bundesrepublik 1969 den 5. Rang belegte, vertrauen die DTTB-Bosse weiter auf die Erfahrung ihrer Damen aus England und Ungarn.

DER SPIEGEL 9/1971
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