22.02.1971

Carl Amery über Paul Wühr: „Gegenmünchen“WIE ES ANGEBLICH LACHT

Carl Amery, 48, gebürtiger Münchner, schrieb den Roman „Die große deutsche Tour“ und die Taschenbuch-Streitschritt „Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute. Von 1967 bis Ende letzten Jahres war er Direktor der Münchner Stadtbibliothek. -- Paul Wühr, 43, gebürtiger Münchner, lebt als Lehrer in München. Er schrieb Kinderbücher und Hörspiele. An seinem „Gegenmünchen“, für das den, Münchner Hanser Verlag „keine Gattungsbezeichnung einfallen wollte“, arbeitete er vier Jahre.
Auf dem Buchumschlag liegt das knallrot ausgefüllte "Gegenmünchen" über einem grasgrünen Niederbayern, östlich von Vilshofen, Passau zudeckend. (Schön wär's ja, schon wegen der bayrischen Landtagswahlergebnisse.) Gedacht ist es als eine negative Utopie -- das heißt, nicht ganz so negativ: als ein Statement gegen München, wie es heute lebt und angeblich lacht.
"Wie Antimaterie gegenläufig ist zur Materie -- die Berührung beider bedeutet Vernichtung", so postuliert der Autor im Klappentext. Zumindest strukturell ist dieses Postulat ernst genommen -- und glückt, soweit Antimaterie überhaupt glücken kann: Bekanntlich existiert sie ja nur jeweils Mikro-Bruchteile von Sekunden lang, ehe sie sich wieder aus der Langeweile des Positiven hinwegschleicht. Wührs Gegenmünchen kristallisiert sich um den Chef der Kampagne auf dem Riesenmüllberg Großlappen, um den Nekromanten auf dem Westfriedhof, um den Kombinatoriker auf dem Nockherberg (der Starkbier-Kaaba), um den Affirmator in der Nervenheilanstalt Haar -- so weit, so negativ.
Formell ist das Buch, immerhin über 300 Seiten stark, eine sehr ehrgeizige Montage aus Bestandteilen. die im Grunde lyrisch sind -- schon die kombinatorische Anordnung der meisten Texte beweist es. In dieser Bandstärke ist eine umfassende Inspiration erforderlich; man kann geteilter Meinung darüber sein, ob sie in Wührs Buch vorhanden = oder, wenn vorhanden, ob ihr die Integration geglückt ist. Durchgehend ist jedenfalls der Zorn, den der Titel signalisiert: Hier geht einer aufs Ganze. Fraglich, ob er das Ganze erkennt, bleibt es dennoch.
Wührs Gefahr ist die Gefahr aller Münchner, vor allem der Zugereisten: Es ist das verdammte Wohlwollen, das halbbetrunkene Geschick, mit dem hier Künstlerisches, Revolutionäres, Anarchisches und Asoziales in ein System von barocken oder jugendstiligen Attributen und Statussymbolen verwandelt werden. ist die Frontalattacke dagegen, die Entdeckung der "Antimaterie" überhaupt möglich? Wührs Buch läßt es bezweifeln. In der Montage fügen sich die alten Bestandteile zu einem wieder recht gefälligen Mosaik; Dialekt (auch als Signum der Brutalität noch anheimelnd), Studenten, Wasserwerfer, Engel hie und da, Erinnerungen an 1918/19 und 1923, Goppel-Regime und ein Hauch von Vogel-Technokratie -- hier wird"s wiederum zum "Secessions" -Ereignis. Am wenigsten kann Wühr das mittels der Krudismen vermeiden, die er als Attacke auf den sogenannten guten Geschmack reichlich verstreut: Vorliebe für metaphysikfreien Geschlechtsverkehr hat die Stadt seit eh und je ausgezeichnet, hier wird Gegenmünchen nie nachkommen. Der tabufreie Hase mag noch so die Läufe strecken -- immer wird er auf den ansässigen Schweinigel stoßen: "I bin scho lang do!"
Wührs Buch ist (um jedes Mißverständnis auszuschließen) trotzdem beherzigenswert, gerade für gelernte Münchner. Jeder von ihnen wird darin Objekte entdecken, die ihn anregen. Lieblingsstück des Rezensenten ist die Reflexion über einen historischen Text: die Grabrede des Paters Mayer bei der Bestattung von 21 Kolpingsöhnen, die 1919 vom weißen Terror geschlachtet wurden. Die Reflexion ist ein Meisterstück an Entlarvung unwillkürlichen Rechts-Denkens und Rechts-Betens.
Aufs Ganze gesehen aber bleibt eine Befürchtung: Das wahre Gegenmünchen ist längst im Entstehen begriffen, und zwar unter tatkräftiger Mithilfe aller staatlichen und kommunalen Instanzen -- ein alpines Chicago oder Los Angeles, eine attraktive, herzlose, mit mediterranen Gettos gespickte Masse, an den Rändern mit weißblauen und schwarzgelben Mayonnaise-Streifen garniert.
Gesetzt diesen Fall, stellt Paul Wührs Buch eine sehr konstruktive Evidenz dar: die Evidenz eines verzweifelten Versuchs, Kontinuität aus Widerspruch zu erzeugen. In diesem Sinne gehört es -- und der Autor dürfte das kaum leugnen -- in eine echte und (terribile dictu!) positive Münchner Tradition.
Von Carl Amery

DER SPIEGEL 9/1971
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