22.02.1971

FILM / NEU IN DEUTSCHLANDHigh auf der Treppe

Trash (USA, Farbe). In "Flesh" war er ein smarter Strichjunge, der für 20 Dollar mit jedem Mann ins Bett geht. Nunmehr, im zweiten Sex-Report, den der Andy-Warhol-Mitarbeiter Paul Morrissey aus dem New Yorker Underground ins deutsche Kommerz-Kino schickt, ist Joe Dallesandro noch weiter heruntergekommen: Er spielt einen unrasierten, pickeligen Trash(Abfall-)Sammler und Heroin-Fixer, den das Rauschgift um den Rest seiner Potenz gebracht hat.
"Du warst mal "ne Rakete, Joe", seufzt ein liebebedürftiges Gogo-Girl und sucht ihn mit einem Striptease aufzumuntern -- ohne Erfolg. "Du fängst an auszusehen wie ein Arsch", mäkelt Freundin Holly (gespielt vom Damen-Imitator Holly Woodlawn) und greift aus Not am Mann zur Bierflasche, um sich abzureagieren.
"Warum steht er dir nicht?" will auch die langhaarige Jane (Jane Forth) wissen, bei der sich Joe eine kräftige Dosis "Stoff" injiziert. Eine reiche, gleichfalls von Joes Männlichkeit enttäuschte Ehefrau läßt den Versager nackt und high die Treppe hinunterwerfen.
Ähnlich wie sein schlichtes "Flesh" hat Regisseur Morrissey auch diese vulgäre, satirische, dabei keineswegs pornographische Impotenz-Studie als naives Zustandsbild aus seinen Kreisen in wenigen Tagen abgefilmt und es den Darstellern überlassen, ihre Dialoge beim Drehen selbst zu erfinden.
Doch von diesen Selbstzeugnissen der gutgebauten Laienspieler bleibt in der deutschen Synchron-Fassung des erstmals in Hollywood-Perfektion photographierten und geschnittenen Underground-Produkts nichts mehr übrig: Ausgesuchte Sprecher imitieren den Tonfall ihrer Vorbilder so lasziv und gehemmt, daß die wörtliche Übersetzung obszön und wie eine Parodie auf den Originaltext wirkt.
Gegen solche Einwände hat sich der deutsche "Trash"-Verleiher (Constantin) allerdings abgesichert: Für Sondervorstellungen vor sprachkundigem Publikum hält er auch drei Kopien der Urfassung bereit.

DER SPIEGEL 9/1971
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