22.02.1971

FILMAus der Traum

Das Freudenhaus (Deutschland, Farbe). Rosa (Karin Jacobsen) ist einst auf den Strich gegangen, Leopold (Herbert Fleischmann) war Hunde-Darsteller im Zirkus. Nun tun sich die beiden zusammen: Ein Vorstadt-Lokal soll ihnen zu gesicherter Existenz verhelfen. Aber die Kneipe geht nicht; das Haus floriert erst nach dem Einzug diverser Damen.
Henry Jaeger hat diese Geschichte vom miesen Bordell am Bahndamm 1966 in seinem Roman "Das Freudenhaus" erzählt. Regisseur Alfred Weidenmann, der auch schon Jaegers "Festung" verfilmt hat, bringt sie so effektvoll ins Bild, wie sich das -- "Die Zeit war reif für diesen Report" -in der Epoche der Pornophille geziemt: mit wippenden Brüsten, heftig schuckelnden Betten und vielerlei anderem Bumsfallera. Denn: "Natürlich geht es in einem Freudenhaus nicht ohne Sex ab", weiß der Regisseur.
Ein paar Homosexuelle, ein paar Zuhälter, ein Liliputaner und etliche abseitig veranlagte Bürger sind mit im Spiel, auch eine gealterte Ehefrau, die ihren blinden Mann vom blinden Sängerchor mit einem anderen Blinden so lange betrügt, bis der eine Blinde dem anderen den Schädel einschlägt. Und Rosas Tochter, die, noch nicht ganz 16, soeben aus dem Internat kommt, wippt auch schon tüchtig mit. Zum Schluß brennt der fiese Leopold mit dem Ersparten durch.
Hier schlägt wieder einmal das Schicksal zu, und die Träne im Hurenauge zeigt an: Aus der Traum vom bürgerlichen Glück, denn die Verhältnisse, sie sind nicht so.
Andere Verhältnisse hat Weidenmann in seiner keineswegs sozialkritischen Milieu-Studie nicht zu bieten. Er sagt nur dies: Auch Kleinbürger können pervers sein. Und: Prostituierte sind auch Menschen.
Wer ohne Fehl ist unter uns, der werfe den ersten Stein. Er werfe ihn auf Weidenmann.

DER SPIEGEL 9/1971
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FILM:
Aus der Traum

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