22.02.1971

AUS WUT SO GUT GEKAUFT

Es dauert eine Weile, bis Besucher des Sammlers Lothar-Günther Buchheim mit Schaudern wahrnehmen: Die dicken Packen Papier, die der Hausherr so lieblos in die Schubfächer stopft, bestehen aus seltenen Graphiken zeitgenössischer Meister. Zuvor freilich erschrecken sie über etwas so Harmloses wie Johnny, den lebensgroßen Puppenmann vor Buchheims Arbeitsplatz: einen Scherzartikel bloß, den manche für ein Werk des amerikanischen Popmeisters George Segal halten.
Da freut sich Buchheim. Seine kreativen Eingebungen sieht er dankbar bestätigt. Je höher sich die von ihm zusammengerafften Kunstschätze um ihn türmen, desto lebhafter regt sich in Ihm das Bedürfnis, selber vor seinem bewundernswerten Eigentum auch ein bißchen bewundert zu werden.
Johnny ist ein Produkt von Buchhelms Spieltrieb. Solcherlei Pop Art, spottet der Kunstverleger, habe er sich zum Spaß schon vor Jahrzehnten einfallen lassen. Nach diesem Hinweis erlischt prompt das Interesse seiner meist kunstsinnigen Besucher; wenn Johnny nicht von Segal ist, dann hat"s keinen Wert. Dann können sie sich getrost den in der Gegend herumhängenden Gemälden von Beckmann, Jawlensky, Kirchner, Heckel oder Otto Mueller zuwenden, zwischen die Buchheim reichlich eigene Werke schmuggelt.
"Sieh mal an", fragen die Experten und deuten auf ein solches, "was ist das denn Schönes?" Buchheim seufzt: Sowie er sagt, daß es von Ihm sei, verflüchtigt ihre Neugier sich in verletzender Weise. Der Maler Buchheim, einst als frühreifer Wunderknabe erfolgreich" fiel dem Sammler Buchheim zum Opfer.
Schon das wäre für Ihn Grund, der Kunstgelehrten zu höhnen, die zudem zwei Jahrzehnte lang auf ungezählten Auktionen bewiesen, um -- wieviel schlechter ihr Augenmaß ist als das seine. Ihnen weit voran Kunstrichtungen, Wertmaßstäbe, Trends erspürt zu haben, gehört zu den heilenden Quellen seiner Selbstbestätigung.
Beweise für einen billigen, der Zeit vorauseilenden Einkauf von Kulturgut füllen seine alte 20-Zimmer-Villa in Feldafing am Starnberger See. Elefanten, Schwäne, Pferde von vergessenen Karussellen umgeben ihn, Kofferladungen voller Ochsengallepapiere und seltener Tuschzeichnungen aus Japan, Regale, die sich unter der Last chinesischer Riechfläschchen, französischer Jugendstil-Vasen und böhmischer Schnupftabaksglaser biegen, das Gefunkel Hunderter von gläsernen Briefbeschwerern, eine Legion thüringischer Nippesfiguren -- ein Chaos von Raritäten und Kuriositäten.
Den imposantesten, gierigsten Sammler Deutschlands bestätigt, wohin man blickt, das beharrlich und günstig Erstandene, zeugend für seine bessere Witterung, seine überragende Fähigkeit, auf Flohmärkten wie in elitären Versteigerungs-Häusern im rechten Momente zuzuschlagen.
Dieser starke August aus Sachsen, der seine Ehefrau Didi dazu anhält, sorgsam die Schnüre von eingehenden Paketen zu sammeln, und mit dem einzigen Sohn darüber hadert, wie dick man die Margarine aufs Brot streichen darf, verfügt über die vollkommenste Privatsammlung von Werken der vormals Dresdner Maler-Kommune "Die Brücke". Gemälde, Aquarelle und Graphik von Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff, Nolde, Pechstein, Multi-Millionen wert, trug er systematisch in den frühen fünfziger Jahren zusammen, zu einer Zelt, da sie oft noch für einen Pappenstiel zu haben waren. Die Museums-Direktoren, sagt er voll Mitleid, machten es ihm dann nach.
Erich Heckels berühmtes Ölbild "Der schlafende Pechstein", heute auf eine Viertelmillion Mark geschätzt, ging bei Ketterer in Stuttgart im Jahre 1955 für 900 Mark an Lothar-Günther Buchheim. Die Museums-Experten nahmen es nicht einmal wahr: Es befand sich nämlich auf der fast völlig überschmierten Rückseite eines anderen Heckel-Bildes, welches sie zu Recht für unbedeutend hielten.
Buchheim allein trug dem Umstand Rechnung, daß die "Brücke"-Leute in mageren Tagen von ihnen bemalte Leinwand auch wendeten. Aus einem winzigen Detail auf der Rückseite erriet der Kunstverleger wie elektrisiert, was für einen Fang er da vor sich hatte.
"Oft hab" Ich", sagt er, "nur aus Wut gekauft, weil keiner von den Museums-Herren die Hand hob." Aquarelle von Otto Dix etwa, heute, laut Buchheim, schon ihre 50 000 wert, übernahm er einst für 300 Mark. Im Jahre 1955 bot er für ein Aquarell von Schlemmer, dem er nun einen Wert von 65 000 Mark beimißt, per Postkarte 300, vergaß das bald und wunderte sich sehr, als einige Zeit darauf tatsächlich ein Paket mit dem Gewünschten bei ihm einging: Kein Auktionsgast hatte es gewollt.
Die Holztafeln des französischen Supernaiven Hector Trotin kosten zur Zeit bis zu 1000 Mark das Stück. Buchheim nagelte davon 70 an eine Zimmerwand -- Ersatz für Tapete. Das paßt, so meint er, sowohl zu dieser Art von Kunst wie zum Understatement eines wahrhaft unabhängigen Mannes, der andererseits seinen Peugeot-Kombi selber anstreicht und aufbrüllt, wenn man Ihm für Ausbügeln und Pflege einiger bei Ihm geknickter oder vergammelter Picasso-Blätter ein paar. hundert Mark abverlangt.
Auch wenn so ein Sammler alles hätte und für alles keinen Platz, er müßte ruhelos weiterschürfen. So richtet Buchheims immer hungriges Auge sich kaum noch rückwärts, auf das Viele, was er hat, sondern nach vorne: auf das, was er unermüdlich begehrt. Doch Resignation überkommt ihn bei der Erkenntnis, daß er, nun, da man ihn kennt und fürchtet, auf Auktionen fast so kauft wie jeder Geldmann.
Vergebens setzt er sich nach hinten, mit dem Rücken zur Wand, damit die übrigen nicht sähen, wie er die Hand hebt. Ruft man Interessante Objekte auf, so verrenken sich die Leute doch die Hälse, zu prüfen, was der große Buchheim tut. Das verteuert natürlich alles, und er ächzt: "Macht keinen Spaß mehr." Letzthin bei Sotheby"s in London griff er sich drei wenig aufregende Beckmanns für 72 000 Mark. Anschließend, wie stets, kalkulierte er beklommen, ob er sich ein Taxi leisten solle.
Obwohl sich 50 der edelsten "Brücke"-Stücke aus Buchheims Sammlung bereits zur Aufbewahrung in der Staats-Gemäldesammlung zu München befinden, lagern vortreffliche Leistungen des deutschen Expressionismus auf Buchheims Dachboden bis auf weiteres so dicht wie die Röcke bei C. & A.
Ein wesentlicher Teil des graphischen Werkes von Picasso, ganze Auflagen von Chagall-Lithos, zahllose Blätter von Klee, Beckmann, Kandinsky, Braque, Max Ernst liegen bei Buchheim wie bei anderen Leuten die Kartoffeln: in unbeheizten, feuchtkalten Räumen, oft unter wasserführenden Rohren, in Stellagen, auf deren rohes Holz der Sammler, Kunstverleger und Maler selber mit dem Bleistift ansprechende Ornamente malte.
Genau besehen müßte Buchheim jeden Gast vor dem Abschied durchsuchen. Jede Putzfrau könnte, ohne daß es auffiele, ein Vermögen abstauben. Deshalb auch sträubt er sich gegen alle Säuberungs-Rituale. "Staub, der liegt", erkannte er beizeiten, "der. ist erledigt."
Keine Versicherung ging das Risiko ein, einen so unübersehbaren, so unübersichtlichen Besitz unter ihre Obhut zu nehmen, solange er nicht registriert, katalogisiert, sachgemäß gelagert sei. Dabei erzürnte sich Buchheim schon über den Rat einer Restauratorin, wenigstens die empfindlichen und unwiederbringlichen Blätter in Passepartouts zu konservieren." Sind Sie verrückt", rief der Sammler mit Recht, "da müßt" ich ein Hochhaus bauen."
So ergreifen ihn wie widrige Aufwinde die Gesetzmäßigkeiten kapitalen Reichtums. Er wurde ein Krösus durch Liebhaberei; ein Goldfinger des Kunstmarktes. Er, der auf der Buchmesse mit jungen Linken kokettierte und allein mit seiner ergeben mitwirkenden Ehefrau einen florierenden Kunstverlag betreibt. Er, der das Layout von 54 Kunstkalendern per Anno, die Entwürfe für seine Pop-Poster ("Pi-Pa-Pop"), den Text wie die Illustration der von ihm verlegten Bildbände und Scherzbücher eigenhändig konzipiert und somit, er sagt es, "niemanden expropriiert außer unsere eigenen Hirnschalen.
Widerwillig und doch stolz thront er auf den gesammelten Werken anderer, die so nicht einmal er selbst betrachten kann. Buchheim -- einsame Monokultur, paradiesisch steuerbegünstigt schon dadurch, daß er fast alles, was er erwirbt, in den von ihm herausgegebenen Kalendern und Kunstbüchern unentwegt reproduziert und vermarktet. "Ein Mann von Format", scherzt einer seiner wenigen Freunde, "von Querformat."
Kenner mutmaßen, sein Kunstbesitz belaufe sich unter Brüdern auf 50 Millionen, für deren fiskalische Schätzung freilich jeglicher Maßstab fehlt. So treibt denn Lothar-Günther Buchheim, 53, ehemals ein PK-Zeichner der Kriegsmarine mit dem heroischen Strich des Dritten Reiches, der unangenehmen Entscheidung entgegen, wer all das erben soll. Traut er doch keinem seiner Nächsten zu, mit diesem Gebirge von Eigentum fertig zu werden.
Spontan erwarb er ein benachbartes Café namens "Humpel", um darin vielleicht für einen Teil seiner Sammlung ein Museum zu schaffen. Ein Gedanke, der gleich die Forderung nach allerlei unliebsamen Investitionen wachruft; so schiebt er ihn ein wenig beiseite.
Um aber zu verhindern, daß teure Werke weiter verschimmeln, verhandelt er neuerdings mit der Graphischen Sammlung des Freistaates Bayern, in deren erstklassigen Magazinen er wenigstens einen Teil seiner Blätter kostenlos und sicher konservieren und unterstellen könnte. Denn dieser Fall von Privateigentum läßt sich wohl nur auf Kosten des Steuerzahlers befriedigend regeln.
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 9/1971
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