22.02.1971

PHOTOGRAPHIE / BILDBÄNDEWelt von gestern

Als Siedler im Wilden Westen Karten spielten, 1880; als Pferdebahnen über die Wiener Praterstraße rumpelten, 1872; als Gabriel Volsin zum ersten öffentlichen Flug in Frankreich abhob, 1904, und auch noch früher
die Kamera war schon dabei, und was sie abbildete, naiv und unvollkommen oft, ebenso oft aber mit einem schon unübertrefflichen bildnerischen Instinkt, das wird einer unterm Zukunftsschock gern zurückblickenden Gegenwart mehr und mehr zu einem ganz besonderen Augenschmaus: Die Frühzeit der Photographie hat derzeit Konjunktur.
Dieser photographische Oma-Look zeigt beispielsweise:
* "wie wir aussahen und wie wir lebten in einem entschwundenen Amerika" -- in dem unlängst in New York erschienenen "American Album" des Verlags Ballantine Books (256 Seiten; 3,95 Dollar);
* ein "document humain", das "uns vor Augen führt, was alles verlorengegangen ist" -- in dem vom Schweizer Verlag C. J. Bucher veröffentlichten "Photo-Tagebuch unseres Jahrhunderts" des Franzosen Jacques-Henri Lartigue (256 Seiten; 74 Mark);
* "verwehte Bilder, vergilbt, verstaubt -- nicht vergessen", die "uns die Welt von gestern und vorgestern bewahren" -- in dem beim Wiener Molden-Verlag erscheinenden "K.u.K. Familienalbum" (304 Seiten; 65 Mark).
Zu sehen sind in diesen Alt-Bilderbänden auch rare Aufnahmen historischer Figuren und Ereignisse: so etwa vom amerikanischen Dichter Henry Wadsworth Longfellow (1856) und vom großen San-Francisco-Erdbeben (1906), vom österreichischen Admiral Tegetthoff nach dem Seegefecht bei Helgoland (1864) oder vom Gordon-Bennett-Autorennen in der Auvergne (1906). Ihren eigentlichen patinierten Charme entfalten die Alben jedoch in den vielen privaten Photos vom Alltag und von ungekannten Menschen der Vergangenheit, von Belle-Epoque-Schönheiten und abgerissenen Goldgräbern, von Indianern und Soldaten, von Künstlern und von Kindern.
Und gemeinsam ist den kostbar aufgemachten Retrospektiven in die "Welt von gestern und vorgestern" jener nostalgische, erinnerungswehmütige Unterton:
Die Bilder des "K.u.K. Familienalbums", so schreibt zwar dessen Vorwort-Autor Ernst Trost, "formieren sich zu einem düsteren Totentanz, zu einer Dies-Irae-Polonaise" des untergehenden Habsburger Reiches; aber sie überliefern doch auch, beispielsweise, eine Ahnung vom "bewegten Leben auf dem Stephansplatz mit seiner für immer verlorenen Eleganz".

DER SPIEGEL 9/1971
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