22.02.1971

PRESSE / LINKS-KATHOLIKENLust an der Lust

Der eigenwilligsten links-katholischen Zeitschrift des deutschen Sprachgebiets droht der Kuckuck. Das In Wien erscheinende "Neue Forum", ein in Europa einzigartiges publizistisches Organ des christlich-kommunistischen Gesprächs, sucht 193 000 Schillinge, gleich rund 27 000 Mark, um 1971 zu überleben.
Mitte Januar versuchten die "Forum"-Redakteure, die zugleich Eigentümer des Blattes sind, ihre Zeitschrift durch einen verblüffenden Akt zu retten; sie kündigten einander gegenseitig -- der Chefredakteur Dr. Günther Nenning, 49, allen Redakteuren und umgekehrt die "Obfrau" des Vereins der Gesellschaft der Redakteure des "Neuen Forum", Trautl Brandstaller, dem Chefredakteur. Zum Witz der Aktion gehört, daß alle weiterarbeiten -- wenn auch nur "freizeitlich". Ihren Lebensunterhalt verdienen sie seither als Aushilfskräfte bei anderen Zeitungen. Chef Nenning lebt von deutschen Hörfunk-Honoraren.
Die Finanz-Misere von "Forum" führen die Eigentümer-Redakteure (Lebensalter zwischen "rüstig" und "ganz jung") darauf zurück, daß ihr Blatt im Jahre 1970 "besonders unartig" gewesen sei. Das habe zu einem "fortgesetzten Entzug von Inseraten" geführt. "Unartig" war die "Forum -- Redaktion in drei Fällen:
* Sie propagierte ein Volksbegehren zur Auflösung des österreichischen Bundesheeres;
* sie attackierte die Geschäftspraktiken der österreichischen Gewerkschaftsbank Bawag, bei der das Blatt mit 300 000 Schillingen in der Kreide steht;
* sie veröffentlichte "unsittliche Texte", etwa des Marquis de Sade. Der Lust an der Lust huldigte die "Forum"-Redaktion erst in jüngster Zelt -- so im letzten Dezember-Heft, in dem ein "Forum" -Autor sogar der Kirche zumutete" "einen Beitrag zur Befreiung der Sexualität" zu leisten. Doch schon früher hatte sich das Blatt durch exzentrische Wandlungen ausgezeichnet.
1954 als eine Zeitschrift des Kalten Krieges gegründet und aus amerikanischen Quellen finanziert, entwickelte sich "Forum" in den sechziger Jahren zu einem links-christlichen Blatt. "Die Sozialisten irren", so dröhnte Nenning damals, "solange sie den lieben Gott für höheren Blödsinn halten" -- womit er weder bei Christen noch Sozialisten Beifall fand.
Das SPÖ-Zentralorgan, die Wiener "Arbeiter-Zeitung", bescheinigte dem "Forum"-Chef "Libertinismus", die konservative katholische Zeitschrift "Die Furche" attestierte ihm einen "gespaltenen Geist". Bundeskanzler Kreisky, anfänglich ein Liebling des "Forum", meinte im Fernsehen: "A bissl a Wurschtl, a politischer Wurschtl, ist der Nenning schon!"
Gleichwohl -- was immer es mit der "Clownerie" ("Arbeiter-Zeitung") Nennings auf sich hat, unbestreitbar ist, daß unter seiner Führung "Forum" zur Tribüne jener Intellektuellen in Ost- und Westeuropa wurde, welche die Verständigung der beiden größten geistigen Mächte des Kontinents, des Christentums und des Kommunismus, zu ihrer Sache gemacht haben.
Die Liste der Redaktionsbeiräte des "Neuen Forum" umfaßt denn auch eine Eilte des abendländischen Geistes -- zum Beispiel den Tübinger Philosophen Ernst Bloch und den Münsteraner Fundamentaitheologen Johannes Baptist Metz, die Prager Philosophen Milan Prucha und Milan Machovec und den in Mexiko lebenden Psychologen Erich Fromm, den italienischen Salesianer-Professor Pater Giullo Girardi und den protestantischen Theologen Jürgen Moltmann.
Wenn das "Neue Forum" 1971 überlebt, so wird das nicht zuletzt auf wachsendes Leser-Interesse in der Bundesrepublik zurückzuführen sein. Dank westdeutscher Käufer erreichte das Blatt eine Auflage von 15 000.
Mit Hilfe der deutschen Abonnenten und der eingesparten Gehälter haben sich die Redakteure eine eigene Druckmaschine bestellt. Den Kaufpreis -- rund 25 700 Mark -- wollen sie in 36 Monatsraten abstottern. Die März-Nummer soll schon auf der neuen Maschine gedruckt werden: "Der Termin für das Redakteurs-, Leser- und Volksfest der Maschinenweihe wird rechtzeitig bekanntgegeben."

DER SPIEGEL 9/1971
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