22.02.1971

KUNSTSTOFFEHeiße Füße

Dem Leder sollte es ans Leder gehen. Mit diesem Schlachtruf brachte vor sieben Jahren Amerikas größter Chemiekonzern, DuPont, die bislang gelungenste Lederimitation aus der Retorte auf den Markt. Dem weichen, wie Leder "atmenden" Kunststoff "Corfam" schien ein ähnlicher Siegeszug gewiß wie einst dem DuPont-Nylonfaden.
Nun zieht es den Marktstrategen des US-Konzerns beim bloßen Gedanken an den Corfam-Feldzug die Schuhe aus: "Das Wort Marketing-Fehlschlag, so umschrieb es DuPont-Vorstandsmitglied Edwin Gee, "ist einfach zu schwach dafür." Andere Corfam-Manager sprechen von einer "schweren Enttäuschung" oder von einer Art Hundert-Millionen-Dollar-Mißverständnis.
Diesen Betrag, mehr als viermal soviel wie für die Nylon-Entwicklung, hallte der Welt größtes Chemie-Unternehmen in das Retorten-Erzeugnis investiert, das die Leder- und Schuhindustrie revolutionieren sollte. Fast ein Jahrzehnt Forschungsarbeit war bei DuPont aufgewandt worden, bis die Leder-Kopie gelang: Corfam, das auf der Basis des Kunststoffes Urethan in Platten gegossen wird, erreichte fast alle Eigenschaften des Naturprodukts -- vor allem, wie die Wissenschaftler versicherten, dessen Porosität.
Anfang der sechziger Jahre testeten die DuPont-Leute das neue Material an etwa 15 000 Schuh-Trägern. Nur acht Prozent der Probegeher (gegenüber 24 Prozent bei früheren Kunst-Ledern) klagten über Fußbeschwerden; das waren nur fünf Prozent mehr als bei einer Vergleichsgruppe, die Lederschuhe trug.
Nach diesem Test und aufgrund der Prognose, schon Anfang der achtziger Jahre würden 30 Prozent des Schuhmarktes nicht mehr mit Naturleder versorgt werden können, wagte die Konzernspitze den Vorstoß zum Markt. In Old Hickory, US-Staat Tennessee, wurde ein Corfar-Werk errichtet.
Zu Beginn ließ sich das Corfar-Geschäft hoffnungsvoll an. Im Jahre 1966 setzten die Händler in den USA zwölf Millionen Corfar-Paare ab. Sogar prominente Schuh-Schneider wie Andrew Geller, Albanese und Roger Vievier modellierten das neuartige Produkt für kaufkräftige Kunden. Inzwischen Ist auch in bundesdeutschen Schuhgeschäften jedes zehnte Paar in den Regalen aus Synthetik (ein Sprecher des Lederindustrie-Verbands: "Selbst Fachleute können es kaum vom Naturleder unterscheiden"). Zum Ärger der Lederbranche sind die Retorten-Schuhe nicht einmal gekennzeichnet.
Daß der Preis für Corfam-Schuhe bei entsprechender Massenfertigung drastisch zu senken wäre, gehörte mit zu den Voraussagen der DuPont-Marktstrategen. Zunächst kostete Corfam-Oberleder mindestens 1,05 Dollar je Quadratfuß und war damit nicht billiger als Naturleder mittlerer Qualität.
Aber die Kunststoff-Techniker bei DuPont konnten ihr Versprechen nicht einlösen, im Gegenteil. Je mehr sie den Corfam-Ausstoß auf Massenproduktion umzustellen suchten, um so häufiger traten schwerwiegende technische Fertigungsprobleme auf -- die Herstellung blieb kostspielig. Die Folge: Aus der Fabrik in Old Hickory, so spöttelte längst das US-Wirtschafts-Magazin "Fortune", "floß rote Tinte fast so schnell wie Corfarn".
Mittlerweile sprechen die Corfam-Manager von "einer ganzen Kettenreaktion der Fehleinschätzungen", die zu dem Desaster geführt habe -, vor allem auch hinsichtlich der Käufer-Psychologie. "Wir haben", so DuPont-Manager Gee über den Mißerfolg des Produkts, "seinen Gebrauchswert überschätzt."
Was die Chemiker als besonderen Vorzug angepriesen hatten -- daß Corfam pflegeleicht und praktisch unverwüstlich sei und nicht ausleiere -, werteten die Kunden eher als Nachteil. Die ungewohnten Biege- und Krümmfähigkeiten der Retorten-Schuhe lösten Befremden aus. Und anders als Leder paßt sich der Kunststoff auch nach längerem Tragen nicht der Fußform an. Viele ledergewohnte Käufer gewannen daher den Eindruck, Corfam-Schuhe würden sich "heiß" und "immer wie neu" anfühlen.
Folgerichtig empfahlen DuPont-Absatzberater den Unzufriedenen, Corfar-Schuhe künftig eine halbe oder eine Nummer größer zu kaufen. Doch damit stießen die Marketing-Fachleute wieder gegen eine psychologische Barriere. "Nur wenige Männer und noch weniger Frauen", so vermutet "Fortune", "mögen akzeptieren, sie hätten große Füße."
"Bei Corfam", so resümierte denn auch William D. Lawson, ehemals Leiter des Corfam-Programms bei DuPont, "schlugen alle Fehleinschätzungen mit negativen Vorzeichen zu Buch." Ende vergangenen Jahres begannen die Techniker in Old Hickory mit der Herstellung eines weiterentwickelten, angeblich fußfreundlicheren und mit geringeren Herstellungskosten belasteten Materials ("Corfam II").
Doch offenbar will das Management des Chemiekonzerns die Hundert-Millionen-Dollar-Lektion nicht mehr uferlos fortsetzen. Aus der Konzernspitze sickerte durch, daß DuPonts Kunstschuhe vielleicht doch nur begrenzte Lebensdauer haben würden: Noch etwa ein Jahr, so gilt es als verabredet, läuft die Bewährungsfrist.

DER SPIEGEL 9/1971
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