22.02.1971

POPMUSIK / PINK FLOYDAus dem Gehirn

Ein "zeitgenössisches Pop-Experiment" ein "beispielloses Konzertvorhaben", ja sogar das "herausragende musikalische Ereignis des Jahres" wird von der Frankfurter Konzertagentur "MaMa Concerts" angekündigt. Gemeint ist das englische Beat-Quartett "Pink Floyd", das in dieser Woche mit Chor und Orchester auf Deutschlandtournee geht.
Ein eigens gemietetes Charterflugzeug, so renommiert die Agentur, soll das "ungewöhnliche Tournee-Team" aus London einfliegen; drei Tonnen elektronische Geräte werden mit Lastwagen nach Deutschland geschafft; Toningenieure erproben jeweils einen ganzen Tag lang in den Konzerthallen von Münster, Hamburg und Offenbach die Akustik -- hauptsächlich für ein Musikstück, das "Atom Heart Mother" heißt.
Für dieses 23-Minuten-Opus freilich ist der Aufwand zu hoch, sind die Superlative zu gewaltig. Denn die "Mutter mit dem Atomherzen" ist eine "substanzlose Melange" aus Aaas und Ooos, aus Yeah und Sasasasa -- "im Ganzen schmalzig und ein wenig schal" (US-Musikblatt "Rolling Stone").
Seit einigen Monaten bereits liegt "Atom Heart Mother" auf einer Langspielplatte vor; und was auf diesem "Pink Floyd"-Bestseller mit der Kuh auf der Hülle zu hören ist, erinnert eher an Ray Conniffs Schlagerfröhlichkeit und an eine Metro-Goldwyn-Maier-Filmmusik als an jene experimentelle Elektronik, mit der die Combo bekannt geworden ist:
Mit den Science-fiction-Hörbildern ihrer Aufnahmen "Der Pfeifer an den Pforten der Dämmerung" und "Eine Untertasse voller Geheimnisse" waren die Ton-Bastler aus Cambridge vor vier Jahren "in eine neue Musizier-Epoche gerockt und gerollt" ("Observer"), die offenbar nun Vergangenheit geworden ist.
Anders als die meisten Rock-Bands" die ihren Gitarrenverstärkern meistens nur simples Rückkopplungs-Geheul entlockten, erschlossen die "Pink Floyd" -- drei von ihnen haben am Londoner Polytechnikum studiert -das ganze Arsenal elektronischer Sinustöne und Sägezahnklänge für die Popmusik.
In den Beatlokalen, Ausstellungshallen und Hörsälen, wo sie ihren sogenannten Azimuth Co-Ordinator aufstellten, schrien Möwen, plätscherte Wasser, ratterten Maschinengewehre, dröhnten Düsenflugzeuge, explodierten Bomben: Mit dem komplizierten, siebenkanaligen Misch- und Steuersystem ließen sich alle diese Geräusche von Tonbändern einspielen oder instrumental imitieren.
Mehr noch: Durch 100-Watt-Lautsprecher, die an allen vier Seiten der Konzertsäle angebracht waren, ermöglichte der Co-Ordinator raffinierte Echowirkungen und einen vollendeten Stereo-Raumeindruck. Die Musik, empfand der englische Kritiker Tony Palmer, "scheint von deinem Nebenmann, von der Decke, von unter dem Sitz zu kommen -- manchmal sogar aus dem eigenen Gehirn".
Zu ihrem Sphären-Getön, das berelts vier Spielfilme (darunter "Zabriskie Point") und eine amerikanische Cartoon-Fernsehserie untermalt, ließen die Musiker im Rhythmus der Instrumente psychedelische Lichter flackern. Manchmal spielten sie auch Theater: In ihrem Stück "The Journey (Die Reise) trat ein als Gorilla verkleideter Schauspieler auf.
Dieser Sinn für Effekte und große Gesten hat die Gitarristen David Gilmour und Roger Waters, den Orgelspieler Richard Wright und den Trommler Nick Mason wohl auch zu dem ambitiösen Gemeinschaftswerk "Atom Heart Mother" verführt.
"Wir verwenden", sagt der Organist Wright, "viele Elemente der Rock-Musik und ein wenig aus anderen Medien." Neuerdings ist es eher umgekehrt. Denn "Atom Heart Mother" enthält kaum noch Rock, dafür aber eine Menge herkömmlicher Unterhaltungsmusik.
Und damit ist noch keineswegs ein Endstadium erreicht -- die nächste Komposition der "Pink Floyd" ist noch pompöser geplant: Anfang .Juni wird ihr Proust-Ballett "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von dem Tänzer Rudolf Nurejew und einem Symphonieorchester von 108 Musikern in Paris uraufgeführt.

DER SPIEGEL 9/1971
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