22.02.1971

„DER KÖLNER DOM IST WOW“

"Wo andere "Klasse!" rufen, sagt er mit schwacher Stimme und zagem Kaninchenlächeln: "Wow!". Und "wow" und "schön" und "fabelhaft" ist vieles, was Andy Warhol bei seinem ersten Deutschland-Trip besah:
Der Kölner Dom, die Hamburger Puffgasse Herbertstraße, Hitlers Münchner "Haus der Kunst" und in diesem Hause wieder, neben Hallen und Treppen, der monströse Schnörkelrahmen um das schwüle Stuck-Gemälde "Die Sünde".
Andy Warhol kam mit einer Karawane seiner Factory-"Superstars", um den Deutschland-Start seines Films "Trash" zu verherrlichen (siehe Kritik Seite 140); der Vorläufer "Flesh", an sechs Samstagen für nur wenig Geld gedreht, geht hier so glänzend wie Heintje-Filme.
Ein Mythos war also zu besehen: der knäbische Uralte mit den toten Augen, der Superstar jener Jugendbewegung, die "Vibrations" kennt, Drogen und neue Sensibilität, die das Trivialschöne entdeckt und das Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Kunst radikal eröffnet hat. Kurz: Pop.
Andy Warhol, 42, ist die Pythia des Pop. Auf Photos wirkt er maskenstarr" in Interviews banal oder paradox. "Alles ist hübsch", sagt er gern, oder: "Ich bin nicht intelligenter, als ich aussehe." Und über seine Bilder und Filme: Alles sei Oberfläche, dahinter sei nichts. In Deutschland alberte er auch mit Schock-Nachrichten: "Ich werde heiraten."
Es stimmt auch nicht, daß er nie Bücher lese. Gerade studiere er, erzählt er, die Memoiren des Hitler-Baumeisters Speer. "Ein großer Architekt, ein großer Mann", sagt Andy Warhol. Pilgert man, so mit ihm plaudernd, durch die Hamburger Herbertstraße oder durch die Münchner Staatsgalerien, wirkt er scheu, schüchtern, lieb, höflich und unheimlich verletzlich.
Er ist, scheint es, ein Albinotyp, er verbirgt die kristallblauen Augen gern hinter rosafarbenen Gläsern, die silberblonde Perücke verschiebt sich leicht, und die hochhackigen Stiefelchen setzt der bleiche, schmächtige Mann, als ob er auf trügerischem Boden wandle.
Er liebt, sagt er, den Jugendstil, Bilder mit fahlen, schmalen Figuren, aber am schönsten fände er es, wenn die Galeriesäle einfach leer wären, also überhaupt keine Bilder hingen. In der Alten Pinakothek verharrt er vor Dürers Selbstbildnis:
"Er muß Probleme gehabt haben" sieht er dem älteren Kollegen an: "Was war mit seiner Familie?" Albrecht hatte seine Sorgen, Andy hat sie auch: Er lebt, in New York, immer noch bei seiner Mutter, und die sei, dabei zeigt er auf den Kopf, sehr krank.
Um die Mutter kreisen häufig Andy Warhols Gedanken. "Wenn sie stirbt", sagt einer aus der Suite, "stirbt Andy auch." Sie ist eine Immigrantin aus der Tschechoslowakei, zwei ihrer Söhne wurden korpulente Arbeiter, Andy schlug aus der Art. Er habe als Kind, sagt er, mehrere Nervenzusammenbrüche gehabt; so lag er viel im Bett und las illustrierte Magazine.
Er sei auch heute noch, sagt er, "sehr nervös", und knetet die Knabenhände. Ob er viel träume? Nein, er träume nie. Hat er Rauschgiftpraxis? Er rauche nicht, trinke nicht und habe nie LSD genommen. Kennt er das Wort "Leidenschaft"? Nein, sagt er und lächelt zage, das kenne er nicht.
Andy Warhol ist ein Medium, im alten wie im neuen Sinne: Er hat, wie kaum ein zweiter, das Sensorium für die "Vibrations" und Trivialmythen der Cola-Kultur; und wie kaum ein zweiter kann er die Botschaft künstlerisch artikulieren. Millionär, sagt er. sei er jedoch nicht geworden.
Er braucht, vermutlich, um nicht von der Realität verletzt zu werden, das bizarre Milieu seiner Superstar-Karawane: den androgynen Dallesandro, den irrwischhaften Morrissey und die karikierte Püppchenweiblichkeit der Jane Forth. Als die Freuden-mädchen des Hamburger "Palais d'Amour" mit Scheren auf Jane Forth eindrangen, weil sie weibliche Schaulustige nicht dulden, stob die Karawane panikartig davon.
Das war dann nicht "wow", mußte aber das Bild bestätigen, das sich Warhol und Co. in ihren Filmen von den Frauen machen: grelle, nervtötende Megären, angesichts derer, wie in "Trash", sich kein Glied mehr rühren mag. Aber sonst war es schon "wow" in Deutschland.
Beim Flug nach München, etwa, saßen sie neben Ex-Minister Höcherl, der, ohne Grundgesetz unterm Arm, die "Bild-Zeitung" las; und bei der Premierenparty letzten Donnerstag in München zeigte sich, daß Pop lebt:
Die mit Fellen, Klunkern und Flitterkram behängte Pop-Society ließ sich von der "Improved Sound Ltd."-Band willig Blumenkohl-Ohren häminern, und dazwischen saß, mönchisch einfach. Andy Warhol, knetete die Finger und versuchte sein zages Kaninchenlächeln.
Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 9/1971
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