22.02.1971

MÖBEL / WASSERBETTSchauer des Vergnügens

Hunderttausend Amerikaner gehen abends nicht mehr in die Klappe, sondern in den Kahn: Sie schaukeln. wenn sie Schlaf suchen oder ihn meiden, auf einem sanften Wellenbad. "Zwei Sachen gehen auf unseren Betten besser", locken die Fabrikanten für ihr neues Schlafzimmermöbel. "Die eine ist schlafen."
Unter dem Handelsnamen Wasserbett (oder auch: Aqua-Bett) brachten die Hersteller das nautische Produkt vor etwa einem halben Jahr auf den US-Markt. Inzwischen sind mehr als hunderttausend Exemplare der kuriosesten und verführerischsten Neuerung seit der Blütezeit altrömischer Lust- und Lotterbetten verkauft worden: Statt auf Sprungfedern, Roßhaar und Schaumgummi handelsüblicher Schlafgestelle ruhen die Bettbenutzer auf einem überdimensionalen, wassergefüllten Kunststoffsack.
Die Idee dazu kam dem Designer Charles Prior Hall aus San Francisco, nachdem er zunächst mit untauglichem Füllstoff (Gelatine) experimentiert hatte. Die Innovation, zunächst an einem formlosen Sitzmöbel erprobt, gelang im Jahre 1967: Hall schweißte einen riesigen Sack aus einem Vinyl-Kunststoff zusammen, füllte ihn mit etwa 1000 Liter Wasser (Gewicht: eine Tonne), unterlegte ihn mit einem Heizkissen und umgab das Ganze mit einem stabilisierenden, noch dazu wasserdichten Rahmen.
"Selbst Frauen mit Lockenwicklern liegen bequem darin", lobte der amerikanische Arzt Dr. Irving London, der seine Praxis aufgab und in die Bettenbranche überwechselte, das neuartige Schlaf möbel. Mittlerweile reicht das Angebot auf dem amerikanischen Markt von simplen Wassersäcken für weniger als 100 Mark bis zu "Lustinseln", die nahezu 10 000 Mark kosten: neun Quadratmeter groß, mit Lammfell überzogen und mit Stereosowie TV-Anlagen ausgestattet. Eine New Yorker Firma produziert neuerdings, in der Preisklasse um 1000 Mark, rund 1500 Wasserbetten in der Woche.
"Das Wasser umschmiegt jede Faser ihres Körpers gleichmäßig", preisen die Wassersack-Produzenten die Vorzüge der leise glucksenden Unterlage. Der Benutzer benötige keinerlei Muskelanstrengung, auch wenn er sich "in unnatürlichen Positionen halten" wolle. Schlaflosigkeit und Rückenschmerzen blieben den Wasserschläfern allemal erspart.
Aber mehr noch als der Schlafende soll der Beischlafende profitieren: "Schauer des Vergnügens umkräuseln Sie", so der Prospekt von "Aquarius Products Inc.", "jede Bewegung kommt dreifach zurück." Kurzum, "der Wassersack macht die Nacht zum totalen Vergnügen".
Freilich wurden auch schon Bedenken gegen das "Liebesbett" laut. Die amerikanischen Baubehörden wenden ein, daß die Zimmerdecken im modernen Wohnungsbau nicht auf derart schwere Möbel eingerichtet seien. Überdies könne ein Leck in der Matratze möglicherweise ungeahnte Überschwemmungsschäden, wenn nicht gar tödliche Elektroschläge für den Schläfer verursachen. Die Hersteller freilich halten den Wassersack durch mehrere Schutzschichten für hinlänglich gesichert.
Andererseits gab der Wasserbett-Verkäufer Arnold Libby in Mount Vemon (US-Staat Washington) zu bedenken, seine Ehe, die schon drei Jahre unterbrochen war, sei auf dem wassergefüllten Kunststoffsack gerettet worden. Und ein New Yorker Feuerwehrmann lobte die unfallverhütenden Vorzüge des Wasserbetts: "Wenn jemand mit brennender Zigarette einschläft, wacht er allenfalls im Nassen wieder auf."

DER SPIEGEL 9/1971
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