22.02.1971

PERSONALIENRainer Barzel, Karl Schiller, Angela Davis, Hans-Jürgen Klinker, Walter Scheel, Spiro Theodore Agnew, G. L. Decker, Ron Galella, Willi Weyer

Rainer Barzel, 46, Bonner Opponent, empfing Stärkung aus dem Kanzleramt. Per Post war dem Kanzler-Helfer Horst Ehmke kürzlich eine Barzel-Büchse (Photo) aus Hamburg (Poststempel) mit dem Vermerk "Enthält keinen hochexplosiven Sprengstoff" zugegangen -- "vermutlich ein bißchen außerhalb der Legalität von Mitarbeitern einer Werbeagentur" (so Kanzleramts-Sprecher Horst-Jürgen Winkel). Das Werbe-Geschenk "inspirierte" (Ehmke) den Computer-Minister: Vergangenen Donnerstag um 16 Uhr -- zur rheinischen Weiberfastnacht -- lieferte Ehmke-Fahrer Adolf Müller die Konterfel-Konserve (Höhe: 12, Durchmesser: 10 Zentimeter) nebst Anschreiben in Barzels Bundeshaus-Büro ab. Ehmke "mit freundlichen Grüßen": Ich "gestatte mir, Ihnen anbei -- für den fast unvorstellbaren Fall, daß Ihnen einmal die Luft ausgehen sollte -- eine Dose hohles Pathos zu verehren".
Karl Schiller, 59, Bundeswirtschaftsminister, sorgte ahnungslos für Heiterkeit. Nachdem er in einer Hede vor dem Brüsseler EWG-Ministerrat die Franzosen unter "heilsamen Druck" hatte setzen wollen, wunderte er sich über ein allseitiges Schmunzeln der Ministerkollegen und über den raschen Fortgang der Verhandlungen. Erst am Ende der Sitzung verriet ein Teilnehmer, der Dolmetscher habe seine ernste Mahnung mit der falschen Vokabel "heiterer Druck" übersetzt. Schiller: "Man sitzt da, macht einen Witz und merkt es nicht."
Angela Davis, 27, US-Bürgerrechtlerin, nutzt den Zwangsaufenthalt hinter Gittern für ihr Fortkommen. Die farbige Marcuse-Schülerin, in Kalifornien wegen Verdachts der Beihilfe zum Mord angeklagt, diskutiert täglich acht Stunden lang in einer Büro-Zelle des Martin-County-Gefängnisses mit einigen ihrer sieben Anwälte, fünf Ermittlungsbeamten und Familienangehörigen. Außerdem arbeitet die Philosophie-Dozentin" der von Berlins Freier Universität eine "Gastprofessur" (FU) angeboten wurde, wieder an ihrer Dissertation, die sie hatte unterbrechen müssen, nachdem sie von der Universität Kalifornien in Los Angeles entlassen worden war. Thema: Kants Analyse der Gewalt in der Französischen Revolution.
Hans-Jürgen Klinker, 51, CDU-Bauernführer, bekam den Titel "Radikaler Demagoge". SPD-MdB Ludwig Fellermaler verlieh dem schleswigholsteinischen Bauernverbands-Präsidenten dieses "Prädikat", weil Klinker "bei Agrardebatten meist zu den großen Schweigern" zähle, Agrarier-Demonstrationen organisiere, aber -- im Gegensatz zu seinen dortigen "lautstarken Tönen" -- im Straßburger Europa-Parlament nicht den Rücktritt des EWG-Vizepräsidenten Sicco Mansholt fordere. Fellermaier: Wer draußen im Lande "den Kampf fordert" und dann "kuscht, kann politisch nicht länger ernst genommen werden". Klinker reagierte "gelassen": "Die Probleme der Landwirtschaft sind viel zu hoch für Fellermaier", und mit dem Wort vom "Radikalen Demagogen" fördere er "nur den Solidarisierungsprozeß der Bauern".
Walter Scheel, 51, Bundesaußenminister, litt unter Startschwierigkeiten. Bei seiner jüngsten Amerika-Reise wollte der Weltkrieg-II-Nachtjäger zum erstenmal mit einem Jumbo-Jet fliegen, aber der Deutschen Lufthansa gelang es trotz zweier Anläufe Scheels nicht, den Flugwunsch zu erfüllen. Der Freidemokrat mußte sich mit der kleineren Boeing 707 zufriedengeben. Scheel verärgert: "Wenn ich Bohnen bestelle, will ich keine Linsen haben. Das macht man mit mir nur einmal." Spiro Theodore Agnew, 52, Freizeitgolfer, hat wieder zugeschlagen. Zu Beginn eines Turniers in Palm Desert (US-Bundesstaat Kalifornien) traf der amerikanische Vizepräsident, der im Vorjahr auf dem gleichen Platz den Profi-Golfer Doug Sanders mit einem Ball am Kopf verletzt hatte, statt des anvisierten Lochs einen der Zaungäste. Der Ball prallte an dem Mann ab und schlug gegen den Arm seiner Ehefrau, Mrs. G. L. Decker, 64. Agnew unterbrach das Spiel, entschuldigte sich bei der Frau mit einem Kuß auf den Arm und unternahm neuerliche Schlagversuche. Folge: Eine andere Zuschauerin mußte sich wegen eines Treffers an ihrem Fußknöchel im nächsten Krankenhaus röntgen lassen. Durch die Fehlschuß-Folge alarmiert, beschloß der Senat des Bundesstaats Indiana letzte Woche ein Golfverbot für den Politiker, um ähnliche Pannen bei einem angekündigten Agnew-Besuch in Indianapolis zu vermeiden. Ron Galella, 39 (r.) US-Photograph, lebt von Jacqueline Onassis. Weil sich Aufnahmen der Reedersfrau nach wie vor gut verkaufen, folgt der Bildjournalist ihr seit dreieinhalb Jahren auf Schritt und Tritt. Ausbeute: bislang etwa 4000 Bilder, die das bewegte Leben der Präsidenten-Witwe in fast allen Einzelheiten dokumentieren. Beide Seiten arbeiteten zeitweise mit Tricks: Jackie Onassis wich mehrfach von der Seite ihres Ehemanns Aristoteles, damit Galella sie nicht zusammen ablichten konnte, und versuchte schließlich sogar, ihrem ständigen Begleiter das Handwerk durch Gerichtsbeschluß legen zu lassen -- erfolglos; Galella wählte mehrfach Verkleidungen (1. Photo), um unerkannt am Objekt bleiben zu können -- gleichfalls ohne Erfolg, denn Jackie erkannte ihn meist "Oh, Sie sind's schon wieder." Vorletzte Woche veröffentlichte die US-Illustrierte "Life" Schnappschüsse des "Jackie-Beobachters" auf dem Titel und auf sechs Farbseiten im Heft. Galellas Observierung aber lohnt sich nicht erst seit diesem Abdruck. Sein Jackie-Jahresumsatz liegt bei 15 000 Dollar (rund 55 000 Mark).
Willi Weyer, 54, NRW-Innenminister, gab Nachhilfe-Unterricht in Pornographie. Der Freidemokrat wurde vorletzte Woche im Düsseldorfer Landtag vom ehemaligen FDP-Abgeordneten und jetzigen NLA-Mann Wilhelm Maas der neuesten Ausgabe der Zeitschrift "Twen" (Hauptthema: Pornographie) konfrontiert. Maas: "Schau dir das an, das geht doch über das Maß des Alltäglichen hinaus." Weyer beschwichtigte: "Hör bloß auf mit so einem Quatsch, das ist ja alles harmlos." Der Minister urteilte aus Erfahrung: Vier Tage zuvor hatte er bei einem London-Aufenthalt im Royalty Theatre das Nackt-Musical "Oh! Calcutta!" gesehen, die Aufführung aber schon zur Pause verlassen und dabei "in der Eile meinen Hut vergessen". Fluchtgrund: "Die Zuschauer haben so viel geraucht, daß mir schlecht wurde."

DER SPIEGEL 9/1971
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