12.04.1971

IGOR STRAWINSKI

"Man will", protestierte er einst, "mich immer festnageln. Aber das lasse ich mir nicht gefallen. Das nächste Mal mache ich etwas ganz anderes; dann werden alle wieder irre an mir.
Genau das hat der ehemalige Jurastudent aus Oranienbaum bei Petersburg zeitlebens getan. "Fürst Igor", Russe, Franzose und zuletzt Amerikaner, verwirrte, selber unbeirrt, allemal mit Neuem, Anderem, Unerhörtem, Unverhofftem -- mit den schillernden Impressionen eines "Feuervogel" und dem gewalttätigen "Sacre du Printemps", dessen Dissonanzen und Rhythmen im Paris des Jahres 1913 vor johlendem Publikum explodierten; mit der neoklassizistischen Kühle eines heidnischen "Oedipus Rex" und einer christlichen "Psalmensymphonie"; mit dem "Ebony Concerto" für Woody Hermans Jazz-Band und der "Zirkus-Polka" für die Elefanten von Barnum & Bailey.
Strawinski -- das war primitiv und raffiniert, archaisch und futuristisch in einem, das war Picasso In Musik und nur ein anderes, ein präziseres Wort für Modernität. Was immer das 20. Jahrhundert an Stilen und Formeln entdeckt hat -- in Strawinskis Musik fand es seine schönste Synthese.
Und dennoch blieb dieser bedeutendste Neuerer zeitgenössischer Tonsetzerei bei all seinen Wandlungskünsten stets dem Alten zugewandt. Er blieb ein Mimikry-Mensch, der mit Traditionen spielte und vielerlei historische Masken hervorkehrte.
Strawinski zitierte, parodierte und assimilierte Gassenhauer und Kirchenliturgien, Ragtime und Schubert-Walzer. Er machte aus altehrwürdigen Noten triumphale Bumsmusik" präparierte Pergolesi (im "Pulcinella"-Ballett) und Tschaikowski (im "Kuß der Fee") fürs neue Jahrhundert, ließ Reminiszenzen an Mozart, Purcell, Gounod und Rossini erklingen und brachte Bachsche Barock-Strukturen in Stromlinienform.
Soviel originelle Kunst der Aneignung und Abwandlung, nach des Meisters Meinung die Folge einer "seltenen Art von Kleptomanie", mochte oft bestürzen, doch sie kam immer an. Nicht umsonst hatte Igor Fjodorowitseh bei seinem Lehrer Rimski-Korsakow gelernt, "wie man als Komponist "salonfähig" wird". Und das wurde er rasch. Kaum war er vorm Ersten Weltkrieg mit Sergei Diaghilew und dem Russischen Ballett in Paris gelandet, da begann für den "jungen Wilden" aus dem Zarenreich, der -- so Freund und Kollege Debussy -- "den Frauen die Hand küßt und dabei auf den Fuß tritt", auch schon der Ruhm.
Er ist seither nicht verblichen. Über Jahrzehnte hinweg hat seine weltläufige Manier den deutschen Expressionismus des Zwölftöners Schönberg beiseite gedrängt. Jahrzehntelang traf er dabei zugleich (so Werner Egk) "immer den Mechanismus, der die Kasse zum Klingeln bringt". Strawinski hat dieses Klingeln gern gehört. Denn er liebte nicht nur Poker und Schach, nicht nur Wodka, Cognac und Whisky -- über alles schätzte er den auf ihn zurollenden Rubel, und das mit einer Leidenschaft, wie sie allenfalls noch die Großfürsten russischer Romane beim Roulett zur Schau stellten.
Durchaus leidenschaftslos jedoch gab er sich dem Komponieren hin. Dieser Ordnungsfanatiker, der das ihm gebührende Wort "Genie" als "pathetische Bezeichnung" abtat, wünschte in seiner Musik keine Emotionen, keinen Subjektivismus, keine romantischen Gefühle. Er wollte ein Werk ohne Krisen und Ekstasen. Er funktionierte und hatte eben deshalb für Einwände kein Verständnis. "Ich bin", sagte er, "auf einem vollkommen sicheren Weg. Daran ist nichts zu diskutieren oder zu kritisieren.
Viel sarkastischere Worte hielt er für Zunftgenossen, lebendige wie tote, oder für die Dirigenten, jene "Tenöre des Taktstocks, parat.
Später, im Alter, hat sich der kleine Grandseigneur, bereits ein lebendiges Monument, mit vielem ausgesöhnt -- etwa mit dem "heroischen Klempnerladen" Richard Wagners oder -- gewichtiger noch -- mit der Atonalität seines Rivalen und Fast-Nachbarn in Los Angeles, Arnold Schönberg, die er im "Agon"-Ballett und in den religiösen Hauptwerken "Canticum Sacrum" und "Threni" verwertete. Sogar mit dem Bolschewismus in seiner Heimat, den er lange als Zeugnis eines "unheilvollen intellektuellen Geistes" gefürchtet hatte, schloß er Frieden: 1961, nach 47 Jahren der Abwesenheit, kehrte Strawinski zu einem kurzen Besuch heim nach Rußland.
Zum Schluß, mit 88, war er ein kahles Männchen am Stock, das sich, immer voll Furcht vor der Zugluft, Fuß für Fuß "auf vollkommen sicherem Weg" vorantastete. Sein Weg war die Hauptstraße des 20. Jahrhunderts. "Sehen Sie", so hatte er gesagt, "ich bin mit den Jahren gegangen; das hat mir immer Vergnügen gemacht."

DER SPIEGEL 16/1971
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