08.03.1971

KONZERTIERTE AKTIONWas soll das?

In Karl Schillers Konzertierter Aktion wurde es schrill. Der Hausherr regte sich auf: "Das darf nicht herauskommen." Hastig forderte der Wirtschaftsminister am Donnerstag letzter Woche seine Beamten auf, den Teilnehmern seiner Gesprächsrunde ein drei Seiten langes Papier aus den Händen zu nehmen, das Professor Norbert Kloten, Sprecher des Konjunktur-Sachverständigenrats, ihnen gerade zugesteckt hatte.
Unter der Überschrift "Zum Spielraum für Lohnerhöhungen" hatte der CDU-nahe Vorsitzende des "Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" gemeinsam mit seinen Kollegen den Gewerkschaften vorgerechnet, daß in der Lohnpolitik der "rechnerische Spielraum vom zweiten Vierteljahr 1971 an nahe null Prozent" liegen müsse. Nur bei totaler Lohnabstinenz könne die Bundesregierung darauf bauen, daß die Werte ihrer Jahresprojektion 1971 (Preissteigerungsrate drei Prozent, Lohnzuwachs sieben bis acht Prozent) noch aufgehen würden.
Die Gutachter wollen herausgefunden haben, daß sich die Arbeitnehmer dank der heißen Lohnrunde im vergangenen Herbst einen sogenannten Lohnüberhang verschafft hätten. Diese Einkommens-Explosion habe -- da die üppigen Tarifverträge vom Ende 1970 die Kosten dieses Jahres aufblähen -- bereits den größten Teil der Lohnmarge 1971 vorab aufgezehrt. Mit den neuen Tarifabschlüssen für Drucker und Lufthansa-Mechaniker, Lotsen und Bauarbeiter werde Schillers Planzahl sieben bis acht Prozent schon im Mai erfüllt sein.
IG-Metallchef Otto Brenner, der im September für seine 4,5 Millionen Metaller angesichts der steigenden Preise höhere Löhne und Gehälter aushandeln will, durchschaute als erster das Professorenspiel und knurrte: "Was soll denn das eigentlich? Entweder kommt diese Zahlenspielerei vom Tisch, oder sie legen ein ähnliches Rechenbeispiel für Preise und Gewinne vor." ÖTV-Kollege Heinz Kluncker fragte verärgert: "Wo bleibt das preispolitische Tableau, Herr Kloten?"
In der Tat blieben die nach dem Wortlaut des Sachverständigenrats-Gesetzes unabhängigen Experten eine differenzierte Analyse von Preisen und Profiten schuldig. Statt dessen beriefen sie sich bei ihrer Gewerkschaftsschelte auf die Populär-These von der Lohnpreisspirale und verzichteten auf eine gründlichere Diagnose. Schillers Konjunkturanalytiker, Staatssekretär Johann Schöllhorn, urteilte: "Es ist außerordentlich gefährlich, sich nur auf eine Größe zu beschränken."
Der Professoren-Vorstoß ging sogar den Unternehmern zu weit. Sparkassenverbands-Geschäftsführer Helmut Geiger fand: "Dieser Hammer war zu schwer für die Gewerkschaften." Einzelhandels-Präsident Fritz Conzen krittelte: "Das sind Gelehrte im luftleeren Raum." Ein Unternehmer tat sich keinen Zwang an: "Das sind politische Idioten." Gutachter Norbert Kloten verstand seine Welt nicht mehr: "Die Gewerkschaften beziehen leider alles auf sich." In einer Verhandlungspause verständigte sich Industrieverbandspräsident Fritz Berg mit Schillers Finanzkollegen Alex Möller, die Professoren rechts liegen zu lassen: "Wir müssen aufhören, auf die Gewerkschaften zu dreschen."
Arbeitsführer und Unternehmer waren sich mit Schiller einig, daß künftig die Lohnrunden ruhiger werden müßten. In dem Kommuniqué zur Konzertierten Aktion erklärten sie "ihre Bereitschaft, die Anstrengungen der Bundesregierung zur Wiedergewinnung der Stabilität durch entsprechende eigene Entscheidungen zu unterstützen". Norbert Kloten resignierte: "Wenn wir nicht einmal eine solche Rechnung vorlegen können, ist sowieso alles sinnlos."

DER SPIEGEL 11/1971
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