08.03.1971

MOSKAU-BOTSCHAFTSaures Leben

Der Mann laute und konnte sich nicht ausweisen. Als ihn Beamte der 88. Milizabteilung in ihrem Moskauer Wachlokal ablieferten, ließ er sich niederfallen und schlief auf einer Bank ein.
Eine Visitation des Volltrunkenen förderte zwei Schlüssel mit Kette, eine Uhr aus weißem Metall und fünf Kopeken zutage.
Am anderen Morgen identifizierten die Polizisten ihren Häftling, den sie beim Holz-Diebstahl ertappt hatten, als einen Kollegen aus Deutschland: den Bundesgrenzschutzmeister Wolfgang Ostermeier.
So stellte das Zentralorgan des sowjetischen Jugendverbandes, "Komsomolskaja Prawda" (Auflage: 6,9 Millionen), am letzten Mittwoch einen Vorfall dar, der sich bereits zwei Monate zuvor, am 9. Januar, in der Hauptstadt der Sowjet-Union ereignet hatte.
Damals waren Ostermeier und zwei Grenzschutz-Kameraden, der Meister Manfred Nietsch und Grenzoberjäger Wolfgang Ehlers -- seit sechs Monaten beim Hausordnungsdienst an der Bonner Botschaft in Moskaus Großer Grusinischer Straße eingesetzt --, nach durchzechter Nacht gegen drei Uhr morgens mit ihrem VW-Variant D 02-025 aufgebrochen, um von einer Baustelle am Presnenski-Wall Bretter für den Ausbau ihrer Kellerbar zu organisieren. Dabei liefen sie der Miliz in die Hände.
Bereits drei Tage nach der Holzaktion wurden die jungen Beamten zu ihren Einheiten in Fulda, Rosenheim und Duderstadt zurückgeschickt, wo sie Disziplinarverfahren erwarten; die Botschaft entschuldigte sich im sowjetischen Außenministerium.
Mit der verspäteten Enthüllung -- so mutmaßten Rußland-Experten im Bonner Außenamt nach Lektüre des Artikels -- habe Moskau die Auswirkungen eines Bonner Vorfalls propagandistisch konterkarieren wollen. Ende vergangenen Jahres hatte der sowjetische Botschaftsrat Pjotr Borowinski die Bundesrepublik verlassen müssen, weil er als Agent des militärischen Spionagedienstes der Sowjet-Union enttarnt worden war. Durch westliche Rundfunksender wurde die Affäre in der Sowjet-Union bekannt.
Nun führten die Sowjets nicht nur den Bubenstreich der Grenzschützer vor, sondern machten auch publik, daß der Erste Sekretär der deutschen Botschaft, Immo Stabreit, die Sowjet-Union verlassen mußte. Moskauer Begründung: "Er beschäftigte sich mit einer Tätigkeit, die nicht mit seinem Diplomatenstatus zu vereinbaren war." Die Bonner Ost-Denker halten auch das für eine Borowinski-Revanche.
Die Jugend-"Prawda" wärmte außerdem kleine Affären aus dem Alltagsleben der Tag und Nacht observierten deutschen Vertretung auf. So gebe es "für viele Mitarbeiter der westdeutschen Botschaft ... keine Straßenverkehrsregeln".
Der Verkehr in der Botschaft selbst widersprach den sowjetischen Sittenregeln. Die jungen Missions-Angehörigen, so erfuhren die Komsomolzen, verbrächten ihre Moskauer Nächte mit Alkohol und Freundinnen. Geniert plauderte die Zeitung aus, was sie nur in den Akten der Geheimpolizei gelesen haben konnte: Daß gelegentlich junge Damen die Botschaft frühmorgens "auf eine ganz ungewöhnliche und sehr unbequeme Art" verlassen: "durch die Oberlichter".
Moskau-erfahrene Diplomaten in Bonn räumten ein, daß solches durchaus passieren könne, zumal die Fenster des Kanzleigebäudes nur wenig über Straßen-Niveau lägen. Auf diesem Wege könnten junge Damen, durchweg Sekretärinnen der westlichen Botschaften, das Haus verlassen, ohne dem Pförtner zu begegnen.
Überdies halten die Bonner den jungen Grenzschützern das saure Leben in der abweisenden Moskauer Umwelt zugute. Für einen Zeitraum von jeweils acht Monaten in die sowjetische Hauptstadt versetzt und in primitiven Unterkünften im Keller des Botschaftsgebäudes untergebracht, finden die zumeist sprachunkundigen jungen Männer kaum Kontakte. Seit 1966 die amerikanische Bar am Moskwa-Ufer in der Nähe des Kreml geschlossen wurde, sind auch Begegnungen mit West-Kameraden schwierig.
Frustration ist denn auch für das AA das Schlagwort, mit dem es erklärt, warum die drei Grenzschützer ihr Bauholz nachts in Moskau stehlen wollten. Ein früherer Botschaftsangehöriger: "Im Botschaftsgelände liegt genug Holz herum."
Trotz des Eklats erwartet das Bonner Außenamt keine Folgen für das deutsch-sowjetische Verhältnis. Vor dem Auswärtigen Ausschuß des Bundestages berichtete letzten Donnerstag ein Beamter des Ost-Referats: "Früher wurden wir in solchen Fällen pauschal als Nazis, Kriminelle und Wüstlinge beschimpft."
Diesmal übten die Sowjets ihre Kritik in netter Form. Die "Komsomolskaja Prawda" milde: "Wir sind weit von dem Gedanken entfernt, einer seriösen Behörde, die sich in dieser Villa befindet, oder den dort arbeitenden Menschen einen Verweis zu erteilen."

DER SPIEGEL 11/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 11/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MOSKAU-BOTSCHAFT:
Saures Leben

  • Nordsibirien: Hungernder Eisbär streunt durch Industriestadt
  • Disziplinierte Demonstranten in Honkong: So geht Rettungsgasse!
  • Nach Ladendiebstahl: Polizeiübergriff gegen Familie in Phoenix
  • Sturzflug durch die Alpen: "Jetman" schwebt über den Dolomiten