08.03.1971

LUFTFAHRT-INDUSTRIEMut zur Lücke

Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller suchte den Rat der Lobby und 34 Industrievertreter reisten am Donnerstag letzter Woche nach Bonn, um dem SPD-Professor beizustehen. Im verstaubten Rheinhotel Dreesen berieten die Experten aus Flugzeugwerken und Motorenfabriken, Elektroindustrie und Leichtmetallschmieden, wie sie Karl Schiller für einen Streit im Kabinett munitionieren könnten.
Schillers Haushalt ist von Streichungen bedroht, seit Wissenschaftsminister Hans Leussink in einer Sitzung des Finanzkabinetts am 17. Februar wegen der Bonner Finanznöte der Regierung "Mut zur Lücke" empfohlen hatte. Sein Bildungsprogramm erfordere Staatsausgaben in Milliardenhöhe, so daß einzelne Subventionen unter Umständen auch dann zu streichen seien, wenn sie wissenschaftlichem und technologischem Fortschritt dienen sollten.
Im Haushalt 1970 wurden zivile Projekte der Luftfahrtindustrie mit 190 Millionen Mark aus der Bundeskasse gefördert. Das Verteidigungsministerium gibt für seinen fliegenden Fuhrpark im Jahr mehr als zwei Milliarden aus. Darüber hinaus will Bonn für den geplanten Kurzstrecken-Jumbo "Airbus" neben dem auf mehrere Jahre verteilten Zuschuß für die Entwicklungskosten von 795 Millionen Mark eine Bürgschaft von 2,3 Milliarden Mark geben. Fallen die Bonner Finanzhilfen weg, dann steht der von Staatsaufträgen abhängigen Luftfahrtindustrie die Pleite bevor.
Denn seit einiger Zeit werden in Westdeutschland keine "Starfighter" mehr gebaut. Der Kampfhubschrauber "CH-53G", der Militärtransporter "Transall", der Hansa-Jet "HFB 320" und das Fracht- und Zubringerflugzeug "Skyservant" lasten die Industrie nicht aus.
Um Leussinks Anschlag abzuwehren, bereitet Schillers Luftfahrtexperte Harro Reichardt ein Memorandum vor, das den "Befruchtungsnachweis" (Reichardt) der Luftfahrtindustrie für die gesamte Volkswirtschaft liefern soll. Die zu seiner Unterstützung vom Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie entsandten 34 Experten wußten Rat: Horst Schützendübel von der Heidelberger Firma Teldix berichtete, das neue Anti-Blockier-Bremssystem, das Teldix gemeinsam mit Daimler-Benz entwickelt habe, sei unmittelbares "fall out" der Beteiligung an der Produktion des Starfighter F-104 G. Auch Ortungsgeräte für den Bergbau und ein neues Abstand-Warnsystem für Autofahrer seien Abfall-Produkte der Luftfahrt-Technologie.
Emissäre der Münchner Messerschmitt-Bölkow-Blohm-Gruppe nannten die geplanten "Hochleistungsschnellbahnen nach dem Magnet-Schwebeverfahren" als Nebenprodukt der Luftfahrtindustrie.
Noch in dieser Woche will die Luftfahrt-Lobby ihre Argumenten-Sammlung dem Bonner Wirtschaftsministerium zustellen. Ende März wird Reichardt seinem Dienstherrn Schiller ein ausführliches Memorandum vorlegen, das die Bedeutung der nationalen Flugzeugindustrie für die Technologie und ihre Ausstrahlung auf die übrige Wirtschaft gegen jeden Leussink-Zweifel absichern soll.
Die Lobbyisten rechnen damit, daß sich Schiller und sein Reichardt durchsetzen. Verbandsgeschäftsführer Herbert Schneider, CDU-Abgeordneter in Bonn: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Regierung, die bislang die Luftfahrtindustrie für wichtig hielt, um 180 Grad kehrt macht." Und Franz Josef Strauß, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Airbus GmbH, ist seiner Sache sicher: "Ich habe keine Sorge, denn beim Airbus ist die Regierung im Wort."

DER SPIEGEL 11/1971
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Mut zur Lücke