08.03.1971

UNFÄLLE / ARENDT-BERICHTFehler im Gerüst

Ein Gastarbeiter aus der Türkei lebt in der Bundesrepublik dreimal so gefährlich wie sein deutscher Kollege. Das Risiko eines Italieners, an Drehbänken und Fließbändern in Herne und Herford einen Unfall zu erleiden, ist zweieinhalbmal größer als bei einheimischen Werktätigen. Und die Wahrscheinlichkeit, daß spanische Werktätige an Leib und Leben Schaden nehmen, ist doppelt so groß.
Doch auch die 26 Millionen westdeutschen Arbeiter und Angestellten sind Bonns Arbeitsminister Walter Arendt dem Unfalltod zu nahe: "Es ist unbestreitbar, daß seit drei Jahren die Unfallkurve wieder nach oben zeigt." In seinem bislang vertraulichen Bericht "über den Stand der Unfallverhütung und das Unfallgeschehen", den Arendt am Dienstag letzter Woche den Kabinettskollegen zustellte, berichtete der frühere Bergarbeiterführer, daß mit dem wirtschaftlichen Aufschwung die Zahl der Arbeitsunfälle seit 1967 wieder kontinuierlich zunimmt. 1969 wurden den Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung 2,6 Millionen Unfälle angezeigt, über 200 000 mehr als 1967.
Jeder zehnte Erwerbstätige muß damit rechnen, am Arbeitsplatz verletzt oder getötet zu werden. Allein 1969, dem Referenzjahr des Arendt-Reports, starben 6247 Menschen, als sie ihrer Arbeit nachgingen.
Viele Berufe weisen spezifische Verletzungs-Risiken auf. Bei der Hälfte aller Unfälle an Hochöfen und Walzstraßen nahmen die Stahlkocher Schaden an ihren Händen. Bei jedem vierten verunglückten Bundesbahner wurden Fußblessuren festgestellt, Hals und Kopf riskierten vor allem die Bauarbeiter.
Die starke Unfallgefährdung der Gastarbeiter führen die Autoren des Berichts insbesondere auf Sprach- und Anpassungsschwierigkeiten zurück, Türken sind dabei naturgemäß noch mehr benachteiligt als Italiener. Als hauptverantwortlich für das Unfallgeschick deutscher Arbeitnehmer bezeichneten die Unfallforscher das "Dilemma der Aufsichtsdienste". In den 1,6 Millionen westdeutschen Betrieben überprüften lediglich 738 technische Aufsichtsbeamte die Sicherheit am Arbeitsplatz. Hätten die Kontrolleure ihre gesamte Arbeitszeit zur Überwachung aller Firmen verwandt, hätten sie nach einer Rechnung der Arendt-Beamten in keinem Betrieb länger als 50 Minuten pro Jahr zubringen dürfen.
Als nach einem Großbrand in Hamburg Beamte der hanseatischen Gewerbeaufsicht 322 Großlager und Hallen untersuchten, forschten sie bei 138 vergeblich nach den vorgeschriebenen Fluchtwegen. Schwäbische Sicherheitsbeamte entdeckten auf 10 000 Baustellen 24 500 Mängel wie "nicht oder nur unzureichend gesicherte Arbeitsplätze und Verkehrswege, fehlende oder fehlerhaft ausgeführte Gerüste sowie ungesicherte Luken und Schächte".
Auch die 72 staatlichen Gewerbeärzte sind nach Ansicht der Arendt-Beamten hoffnungslos überlastet. Denn diese sechs Dutzend Mediziner sollen nicht weniger als 1,34 Millionen Betriebe mit 17,3 Millionen Arbeitnehmern beaufsichtigen.
Noch in dieser Legislaturperiode will Arendt deshalb dem Bundestag einen Gesetzentwurf "über den Ausbau des Arbeitsschutzes durch sicherheitstechnische Fachkräfte und Betriebsärzte" vorlegen. Mit diesem Anti-Unfall-Gesetz will der Kumpel im Kabinett der Industrie mehr Sicherheitsingenieure und Werksärzte aufzwingen.

DER SPIEGEL 11/1971
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