08.03.1971

BUNDESWEHR / JUGEND-OFFIZIEREKlinken putzen

Von den 28 222 Bundeswehr-Offizieren stehen 727 ständig im Fronteinsatz als "Prügelknaben der Armee".
So sieht Hauptmann Wolf Eberhard von dem Hagen, 33, das Schicksal der sogenannten Jugendoffiziere, die den dienstlichen Auftrag haben, im Kontakt mit der kritischen und wehrunwilligen Jugend "Klimawerbung" und "Imagepflege" für die Bundeswehr zu betreiben. Woche für Woche müssen sich die Leutnants und Hauptleute, nur flüchtig in Jugendsoziologie, Jugendpsychologie und Didaktik geschult, per Diskussion in Frage stellen lassen.
Viel Anerkennung ernten sie dafür nicht: Altgediente Troupiers in den eigenen Reihen tun die Rednertruppe als "Gruppe 47" und "Laber-Heinis" ab. Hauptmann von dem Hagen, bis vor kurzem Jugendoffizier des 1. Korps in Münster, mißt seinen Kollegen die Rolle des "Feigenblatts" für einen diskussionsscheuen Berufsstand zu.
Ähnlich sehen es auch linke Kontrahenten, mit denen sich die Offiziere ständig auseinandersetzen müssen. Udo Thöle, 28, Soziologie-Assistent, Obergefreiter der Reserve und Sprecher der Göttinger Basisgruppe sozialistischer Erzieher und Sozialarbeiter, über die Funktion der uniformierten Goodwill-Agenten: "Ein übler Verschleierungstrick. Sie erwecken den Eindruck einer liberalen, toleranten, verständnisvollen Armee."
Eben das wollte Adolf Heusinger erreichen, der 1958 als erster Bundeswehr-Generalinspekteur junge Offiziere und Unteroffiziere in Schulen, Universitäten und Jugendverbände schickte. Sie fanden zunächst kaum Einlaß. Oberleutnant Werner Widder von der 3. Panzerdivision in Buxtehude: "Wir mußten Klinken putzen, um überhaupt in die Schulen reinzukommen." Und noch 1967 bekam ein Jugendoffizier, der acht Hamburger Schulleitern seine Aufklärungsdienste anbot, nicht einmal eine Antwort.
Erst im Herbst 1968, nach den Springer- und Notstands-Unruhen, kamen in wachsender Zahl Einladungen von Lehrern für Gemeinschaftskunde, Sprechern der Schüler-Mitverantwortung und Jugendring-Funktionären. Widder deutet den Umschwung so: "Von der einseitigen Information durch die Apo hatten die die Nase voll."
Links-Opponent Udo Thöle, den der Jugendoffizier der 1. Panzergrenadierdivision als "unseren härtesten Gegner in Norddeutschland" bezeichnet, wundert sich nicht darüber, "wie schnell die Jugendoffiziere in den Schulen Fuß fassen". Durch Erlasse der Kultusminister sind die Lehrer der meisten Bundesländer dazu verpflichtet, ihren Schülern Auftrag und Stellung der Armee zu erläutern. Ein Divisions-Jugendoffizier in Norddeutschland empfahl deshalb seinen Gehilfen, den "Gemeinschaftskunde-Lehrern Unterstützung anzubieten". Die Lehrer würden die Hilfe "des Fachmannes in Verteidigungsfragen kaum ablehnen".
Ausnahmsweise ist Udo Thöle gleicher Meinung: "Die nehmen dem Lehrer die Arbeit ab, ist ja klar. Apos sind nicht so gerne gesehen."
Außerhalb der Schulen aber erscheinen Thöle und seine Genossen bei öffentlichen Debatten regelmäßig auf den Diskussionspodien. Dort erleben es die jungen Goodwill-Agenten der Bundeswehr auch häufig, daß sie schon bei der Vorstellung ausgebuht werden oder daß "Sieg Heil" -Rufe und rhythmisches "Ho Ho Ho Tschi-minh"-Klatschen ihren Vortrag unterbrechen. Hauptmann von dem Hagen: "Wenn die mal keinen Krach schlugen, war ich in Sorge, ob ich was falsch gemacht hatte."
In Not geraten die Jugendoffiziere, wenn in der Debatte prinzipielle Fragen erörtert werden, beispielsweise nach dem Zusammenhang von Kapitalismus, Rüstungsgeschäft und Krieg. Dafür hat Widder die milde Replik parat: "Auf die Frage der Verflechtung und die Behauptung, die Bundeswehr diene den Interessen des Großkapitals, also den Wirtschaftsinteressen, kann ich Ihnen von der Sache her sehr wenig entgegenhalten."
Der Linke Thöle hält solche Bekenntnisse "für echt -- aus Naivität". Thöle: "Sie sind intellektuell nicht fähig, versierten Apos standzuhalten. Mit diesen Papiertigern sind wir bisher fertig geworden, und so wird es auch bleiben."
Intellekt wird von den PR-Soldaten auch nicht ausdrücklich gefordert. Wie ein Jugendoffizier sein soll, sagt die Bundeswehr-Broschüre "Dokumente und Kommentare": "Er hat seine eigene Auffassung und Entscheidung glaubhaft und ehrlich darzulegen und sie anderen Auffassungen gegenüberzustellen. Gerade diese Aufgabe erfordert von den jungen Offizieren ein überdurchschnittliches Maß an Überzeugungskraft, Selbstdarstellung, Zivilcourage und Toleranz."
Die positive Wirkung solcher Qualitäten unterschätzt der Göttinger Sozialwirt Thöle dennoch nicht: "Diese im bürgerlichen Sinne sympathischen Jungen sammeln bei ihrem Auftreten ein Wohlwollen, das unbewußt von der Person auf die Bundeswehr übertragen wird und so deren Sozialisationsfunktion dient."
Leichter als mit wissenschaftlich geschulten Linken tun sich die Imagepfleger mit einer Opposition, auf die sie seit Anfang 1969 immer wieder stoßen: mit den Kriegsdienstverweigerern. Hier vertreten die Offiziere die Linie des geringsten Widerstandes, etwa: "Wehrdienst und ziviler Ersatzdienst sind die Alternative ein und desselben Dienstes, des echten Dienstes am Frieden, mit und ohne Waffe, beides in voller Gewissensfreiheit" (Oberleutnant Gert von Arnim).
Der Dialog in Permanenz zwischen Wehraufklärern und Wehrverweigerern ist längst zur Routine erstarrt. Ein Hauptmann: "Ich habe ein Dauer-Manuskript mit zehn auswechselbaren Anfängen und zehn Schlußworten. In meinen Versammlungen treffe ich immer auf denselben Funktionär der Kriegsdienstverweigerer, der auch immer vom gleichen Blatt abliest." Spannung gibt es nur, wenn eine Seite die inoffizielle Spielregel verletzt und ein Argument anführt, das der anderen noch nicht geläufig ist.
Trotz solch kräfteschonender Kungelei mißt die Bundesregierung den Jugendoffizieren laut Verteidigungs-Weißbuch "große Bedeutung bei". Minister Helmut Schmidt will ihre Zahl erhöhen, ihre Ausbildung verfeinern.
Bislang, halten die militärischen Jugendpfleger sich vorwiegend mit der Lektüre linker Bilderblätter auf dem laufenden: Regelmäßig lesen sie "Konkret" und "Pardon".

DER SPIEGEL 11/1971
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