08.03.1971

MÄRKTE / PHOTOAPPARATESchlag von Mao

Die Geschäftsleitung der Stuttgarter Zeiss Ikon AG bedauerte, "außergewöhnliche Wege zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit und zur Verbesserung der Ertragslage" beschreiten zu müssen. Wegen der "sich ständig verschärfenden Wettbewerbslage auf dem internationalen Markt" beschlossen die Kamerabosse, in der Photo-Optik-Abteilung ihres Braunschweiger Voigtländer-Werkes ab Anfang März Kurzarbeit einzuführen.
Die Absatzschwierigkeiten einer der ältesten Photofabriken der Welt -- Voigtländer baute 1840 die "erste Metallkamera mit mathematisch errechnetem Objektiv" -- signalisieren eine Strukturkrise der deutschen Photobranche. Für das Jahr 1971 entwarfen Marktexperten "ein recht trauriges Schwarzweißbild" (Foto-Quelle-Direktor Lothar Schmechtig).
Durch die harte Konkurrenz aus Japan, Hongkong und der Sowjet-Union ist vor allem der Export deutscher Firmen gefährdet, die rund 50 Prozent ihrer Kameraproduktion im Ausland absetzen. Besonders in den Vereinigten Staaten, einem der besten Kunden der deutschen Photoindustrie, kann wegen der Rezession immer weniger verkauft werden. Bei Zeiss Ikon AG zum Beispiel sackte der Exportanteil 1970 um acht bis zehn Prozent.
Auch die Kostenexpansion macht den Branchen-Funktionären Sorgen. Nach Betriebsuntersuchungen lagen die Lohn- und Sozialkosten in vielen Betrieben der Photoindustrie im Januar 1971 bis zu 30 Prozent über denen des Vorjahres. Auch die Materialpreise stiegen im gleichen Zeitraum um 10 bis 15 Prozent. "Es ist nicht gelungen, diese Erhöhungen voll auf die Preise abzuwälzen", konstatierte die Fachpostille "Photo-Technik und -Wirtschaft".
Auf dem deutschen Markt mußten sich die Kamerabosse überdies mit zusätzlichen Schwierigkeiten herumplagen. Nachdem sie den Photohandel jahrelang in einem "starken Abhängigkeitsverhältnis" (Rainer Sadter, Geschäftsführer der Frankfurter Fotoco-Handelsgesellschaft) gehalten hatten, hoben sie Ende 1969 auf Drängen des Bundeskartellamtes die Preisbindung auf. Eine Untersuchung der Berliner Kartellbeamten ermittelte daraufhin Preissenkungen bis zu 20,5 Prozent. So sackte beispielsweise der Preis der vollautomatischen "Agfa-Optima 500" von 286 auf 259 Mark, die "Rollei 35" von 578 auf 505 Mark und die "Icarex 35" von 700 auf 557 Mark.
Freilich waren die Photofabrikanten schon vor dem Eingreifen der Kartellbeamten einem starken Preisdruck ausgesetzt. Außenseiter des Handels hatten nämlich bereits Anfang der 60er Jahre damit begonnen, sich aus dem Griff der Markenartikelhersteller zu befreien. Am erfolgreichsten müpfte der Nürnberger Versandhaushändler Gustav Schickedanz gegen das Photo-Establishment auf. Mit seiner Konzerntochter Foto-Quelle GmbH, die im vergangenen Jahr 141,2 Millionen Mark umsetzte, machte er bei Westdeutschlands Photographen und Photoamateuren japanische Kameras salonfähig. Heute besteht das Quelle-Sortiment bereits zu 80 Prozent aus Apparaten japanischer, russischer und hongkongscher Provenienz. Jüngster Quelle-Schlager ist eine Kollektion russischer Modelle, die das Versandhaus der Kundschaft als "russische Weltraumtechnik" anpreist.
Die Nürnberger Photohändler hatten mit ihrem Billig-Sortiment so viel Erfolg, daß sie einen Marktanteil von acht Prozent erobern konnten. Damit rangieren sie nach Agfa (28 Prozent Marktanteil), Kodak (27 Prozent) und Zeiss Ikon (9 Prozent) an vierter Stelle.
Den Aufstieg der fränkischen Versandhändler in die Spitzengruppe konnten die Industrieherren freilich nicht einmal durch rigorose Liefersperren stoppen. Erinnert sich Foto-Quelle-Direktor Lothar Schmechtig: "Einige Firmen nannten als Gründe Produktionsschwierigkeiten, andere sagten ganz freimütig, daß sie Versandhäuser nicht beliefern wollten."
Nach und nach versuchten auch andere Händler, sich aus der Bevormundung der Industrie zu lösen. So entstanden Zusammenschlüsse wie die Wiesbadener Ringfoto-Gruppe, eine Kooperative von 75 Photofirmen, die im letzten Jahr schon rund 100 Millionen Mark umsetzte.
Stärkster Händlerblock Ist zur Zeit die Frankfurter Fotoco GmbH & Co. KG, zu der 27 Mitgliedsfirmen mit 93 Läden gehören. Die Gesellschaft, die 1970 für rund 140 Millionen Mark Waren umsetzte, ist inzwischen so stark, daß sie sich bei ihren Unternehmensentscheidungen von einem Computer unterstützen läßt.
Um von den Fabrikanten noch unabhängiger zu werden, legten sich die Kamera-Höker in den letzten Jahren eine Reihe von Handelsmarken zu. So schmückt sich Quelle mit der Handelsmarke "Revue", Fotoco mit "Universa" und Photo-Porst mit "Porst". Selbst Deutschlands Kaufhäuser wollten auf eine Hausmarke nicht verzichten. Ihr Photo-Sortiment trägt den Namen "Reporter".
An dem schwungvollen Handelsmarkengeschäft sind Deutschlands etablierte Photofabrikanten nur schwach beteiligt. Fotoco und Kaufhäuser zum Beispiel holen sich ihre Modelle zu über 50 Prozent aus dem Ausland, Photo-Porst zu 70 Prozent.
Auf der Jagd nach preiswerten Knipskästen außerhalb der deutschen Landesgrenzen taten sich besonders Quelle-Einkäufer hervor. Im nächsten Jahr wollen die Fürther zusammen mit rotchinesischen Handelsfunktionären zu einem neuen Schlag gegen deutsche Fabrikanten ausholen. Der Knüller des Quelle-Katalogs 1972 soll eine Spiegelreflexkamera aus dem Reiche Mao Tse-tungs sein. Schmechtig:"Der Preis wird eine Sensation. Mindestens 35 Prozent billiger als vergleichbare Spitzenfabrikate."

DER SPIEGEL 11/1971
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