08.03.1971

BILDUNG / BEGABTEN-ABITURKalter Weg

Die Polit-Kampagnen, mit denen junge Linke die Zwänge dieser verzwickten Welt abbauen wollen, haben jetzt in West-Berlin Ungewolltes bewirkt: Der zweite Bildungsweg droht zu verstopfen.
Immer mehr junge Erwerbstätige ohne Abitur, die bislang ratlos dem Soziologen-Slang gelauscht haben, wollen den Sinn des Gesagten nicht mehr länger mit der Seele suchen. Sie streben nachträglich Hochschulreife an. Ihre Berufe reichen laut Professor C. Wolfgang Müller (Pädagogische Hochschule Berlin) "vom Betonhilfsarbeiter bis zur bei Mary Wigman ausgebildeten Kunsttänzerin".
Da private Kollegs und Abendgymnasien schon von Abi-Aspiranten überquellen, will Berlin im nächsten Jahr sogar Abitur-Lehrgänge in Volkshochschulen einrichten.
Doch der zweite Bildungsweg ist nicht nur überlaufen -- er wird in West-Berlin auch immer häufiger von bildungsbereiten Spätberufenen unterlaufen. Und ein zur Zeit noch offenes Schlupfloch zur Hochschulreife gedenkt Berlins SPD-Schulsenator Gerd Löffler, 43, zu verrammeln: Unlängst beschloß Löffler, die Mindestaltersgrenze für die Zulassung zur Begabtenprüfung "von z. Z. 25 Jahren heraufzusetzen" -- ab 1972 um fünf Jahre.
Mit dem sogenannten Begabten-Abitur können, in Berlin wie anderswo in der Bundesrepublik, nach einem Beschluß der Kultusministerkonferenz (KMK) aus dem Jahre 1959 "Personen, die für ein bestimmtes Fachgebiet eine hervorragende Befähigung besitzen", ohne das herkömmliche Reifezeugnis zum Hochschulstudium zugelassen werden. Sie müssen lediglich zwei Gutachten von Hochschullehrern vorlegen und in einem selbstgewählten fachlichen sowie in einem überfachlichen Gebiet je eine Klausur und eine mündliche Prüfung absolvieren.
Dieser Zugang zur Universität, gedacht für "hervorragend Befähigte", denen "eine Reifeprüfung nicht zumutbar ist" -- so die einschlägige Rechtsverordnung für Berlin -, wurde zunächst nur selten benutzt. Doch Ende der sechziger Jahre brachten Erwachsene, die auf diesem Wege hochschulreif geworden waren, nützliche Tips unter die Leute. So kursierte an Berlins Pädagogischer Hochschule 1970 ein hektographiertes Schreiben ("Es ist für jeden zu schaffen"), in dem ein Genosse namens Achim Freitag auf drei Seiten "Hinweise" erteilte, wie es zu schaffen sei. Textbeispiel: "Gutachter: Da braucht man zwei ... Am besten sucht man nach Personen, die sich der Beschränktheit unseres Bildungssystems bewußt sind."
Folge: Alsbald bestürmten die Spätberufenen -- meist solche, die Lehrer werden wollten -- das wissenschaftliche Landesprüfungsamt mit Anträgen. Waren es in den sechziger Jahren in Berlin alljährlich nur jeweils ein Dutzend, so bewarben sich 1969 schon 60, im Jahr darauf hundert Kandidaten, und für 1971 erwartet das Landesprüfungsamt die Anträge von rund 200 Hochbegabten.
Obgleich der KMK-Beschluß vorsieht, daß die Prüfung "vor Beginn des Studiums abzulegen" ist, hat es sich an Berlins Hochschulen eingebürgert, daß die Prüfungsaspiranten sich auf das Begabten-Abitur vorbereiten und gleichzeitig schon mit sogenannter "Kleiner Matrikel" zu studieren anfangen*.
An der Pädagogischen Hochschule waren im jetzt beendeten Wintersemester die Kolloquien zur "Vorbereitung auf das Hochschulstudium" sogar im Vorlesungsverzeichnis aufgeführt: donnerstags von 18 bis 20 Uhr, bei Professor C. Wolfgang Müller.
Dem Schulsenator fiel diese "rechtlich äußerst problematische" Handhabung auf, wie Löffler den Immatrikulationsbüros der Berliner Hochschulen brieflich mitteilte. Ein Schulverwaltungssprecher äußerte die Befürchtung, das Abitur werde durch das Sofortstudium von Nicht-Abiturienten "auf kaltem Wege" umgangen. Daher dekretierte der Schulsenator, hervorragende Befähigung sei in Zukunft nur noch Bildungsbeflissenen über 30 zuzutrauen.
Berlins Jungsozialisten, die dagegen keinem über 30 so recht trauen, bezichtigten Löffler sogleich des "Zynismus". Denn: "Mit 30 Jahren Ersatz-Abitur, mit 35 Jahren Abschluß des Studiums", das bedeute, "die ohnehin sozial und gesellschaftlich Benachteiligten" -- zwei Drittel der Bewerber sind Frauen -- "in noch stärkerem Maße zu diskriminieren".
Auch der Akademische Senat der Pädagogischen Hochschule protestierte gegen Löfflers pragmatischen Alleingang: "Berlin setzt ... den Beschluß der KMK praktisch außer Kraft." Und: "Das sind keine Lösungen für Menschen, die keine Zeit zu verschenken haben."
Schließlich schaltete sich sogar Bundespräsident Gustav Heinemann ein, um Löffler zu bewegen, die Altersgrenze wieder herabzusetzen. Und in der vergangenen Woche teilte Löffler der PH brieflich mit, er wolle bei der Kultusministerkonferenz "erst eine neue Meinungsbildung ... veran-
* Diese Möglichkeit, ein Studium zu beginnen und die Hochschulreife erst nach spätestens vier Semestern nachzuweisen, war in West-Berlin ursprünglich geschaffen worden, um den aus der DDR kommenden Studenten, deren Abitur nicht anerkannt wurde, den Start zu erleichtern.
lassen". So lange solle die alte Altersgrenze noch gelten.
Doch der Schulsenator hat nur scheinbar eingelenkt: Zuvor war dem gelernten Lehrer Löffler nämlich ein anderer Dreh eingefallen, um die meist kritisch eingestellten Lehrer-Aspiranten von der Begabtenprüfung und mithin später von seinen Schulen fernzuhalten.
Bereits Mitte Februar hatte Werner Stein, als Senator für Wissenschaft und Kunst auch für Hochschulen zuständig, auf Wunsch des Kollegen Löffler die Pädagogische Hochschule nachdrücklich ersucht, Bewerber mit Kleiner Matrikel für das kommende Sommersemester nicht mehr einzuschreiben.

DER SPIEGEL 11/1971
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