08.03.1971

MANAGER / VW/AUDI NSUViel gestritten

In der Empfangshalle des Frankfurter Airport-Hotels begrüßten sich Mitte letzter Woche zwei deutsche Automobil-Manager mit stürmischer Umarmung. Paul G. Hahnemann, Verkaufschef bei BMW, klopfte seinem Kollegen Friedrich Pollmann, Finanzchef bei Audi NSU und davor von 1963 bis 1969 Vorstandsmitglied der Bayerischen Motorenwerke, auf die Schulter. Hahnemann: "Na, bei BMW war es doch seinerzeit gar nicht so übel."
Hahnemanns ironische Bemerkung zielte auf die jüngste Personal-Bewegung im NSU-Management: Wenige Minuten zuvor hatte mi palisandergetäfelten Konferenz-Zimmer Nummer zwei des Airport-Hotels Friedrich Pollmann dem Aufsichtsrat der Neckarsulmer Audi NSU Auto Union AG. seine Demission als Vorstandsmitglied überreicht. Mit Pollmann scheiden aus dem Vorstand:
* der langjährige Generaldirektor des Unternehmens, Gerd Stieler von Heydekampf, 66, der am 31. März vor Ablauf seines Vertrages "aus gesundheitlichen Gründen" (interne Begründung) in den Ruhestand tritt;
* Vertriebschef Hans Zimmermann, 45, der am 1. April als Generalbevollmächtigter zum Kölner Maschinenbau-Konzern Klöckner-Humboldt-Deutz überwechselt, und
* Philipp Wesp, 59, Chef der Einkaufsabteilung, der Ende Juni ebenfalls in den Ruhestand tritt.
Der Massenauszug von Führungskräften aus dem Audi-NSU-Vorstand überraschte letzte Woche die Manager in der gesamten deutschen Automobilindustrie. Denn Friedrich Pollmann, vor kurzem noch von Insidern als potentieller Anwärter für den Sessel des Generaldirektors angesehen, verläßt schon zum 30. Juni das Unternehmen, ohne bislang einen neuen Vertrag in der Tasche zu haben. Grund: eine seit langem schwelende Kontroverse zwischen dem Audi-NSU-Vorstand und VW-Chef Kurt Lotz, Aufsichtsratsvorsitzender bei Audi NSU, dessen Wolfsburger Käferfabrik mit über 75 Prozent Mehrheitsaktionär der schwäbischbayrischen Autounion ist.
Der Streit des VW-Generals mit dem Neckarsulmer Vorstand entzündete sich bereits im Frühjahr 1969, als VW seine Tochtergesellschaft Audi mit NSU fusionierte. Seither kreiden die schwäbischen Manager dem VW-Chef Lotz vor allem seinen autoritären Führungsstil an.
So mußte der Neckarsulmer Konzern bei der Fusion mit Audi ohne Kenntnis seiner Aktionäre und seines Aufsichtsrats einen sogenannten Know-how-Vertrag übernehmen, der mittlerweile zu einer noch nicht abgeschlossenen Sonderprüfung führte.
Nach diesem Vertrag soll das fusionierte Unternehmen Audi NSU als Entgelt für die Nutzung des bei VW erarbeiteten technischen Konzepts Millionenbeträge an die Wolfsburger Konzernkasse abliefern.
Just dieser Streit um den Knowhow-Vertrag hatte auch zu ersten Spannungen zwischen Pollmann und dem Konzern-Chef Lotz geführt. Als aber der VW-Chef in den vergangenen Wochen sachverständige Buchprüfer in die Audi-NSU-Verwaltung schickte, fiel Pollmanns Entscheidung für seinen Abschied. Die Prüfer nämlich sollen die Grundlagen für einen vom Großaktionär diktierten Beherrschungsvertrag schaffen, der die rechtlich selbständige Aktiengesellschaft Audi NSU zu einem Wolfsburger Zweigbetrieb degradieren würde.
Denn laut Aktiengesetz kann ein Mehrheitsaktionär wie VW im Falle Audi NSU durch Abfindung der Kleinaktionäre die Alleinherrschaft an sich bringen, wenn er mehr als 75 Prozent des Grundkapitals einer anderen Gesellschaft besitzt.
Schon vor Monaten wußte Finanzchef Pollmann, daß er dank der Differenzen mit Lotz keine Chance mehr hatte, von Wolfsburg als Nachfolger des langjährigen Vorstandschefs Heydekampf berufen zu werden. Statt dessen bot VW-Boß Lotz dem ehemaligen NSU-Kronprinzen unlängst die Geschäftsführung seiner südamerikanischen Tochter Volkswagen do Brasil an. Pollmann lehnte ab.
Den neuen Heydekampf-Nachfolger stellte Lotz dem Aufsichtsrat von Audi NSU in der letzten Woche im Frankfurter Airport-Hotel vor: Rudolf Leiding, 56, derzeit Chef der brasilianischen Käferfabrik. Leiding, der erst 1968 von VW nach Brasilien beordert wurde, trat bereits 1945 "in die Dienste des Volkswagenwerkes" (so die offizielle Mitteilung), wo er sich bis 1958 zum Leiter des damals neuerrichteten VW-Werkes in Kassel hochdiente. 1965 schließlich erklomm Leiding den Stuhl des verantwortlichen Geschäftsführers der Auto Union GmbH in Ingolstadt.
Aber auch Leiding muß schon heute mit Schwierigkeiten rechnen. Denn noch in diesem Frühjahr will Lotz seiner süddeutschen Tochtergesellschaft den Beherrschungsvertrag diktieren und den Restaktionären ein Abfindungsangebot unterbreiten. Der Münchner Rechtsanwalt und Aktionärsvertreter Lois Erdl erwartet, daß diese Offerte für die alten NSU-Teilhaber ungünstig ausfallen wird und erklärte: "Dann werde ich klagen."

DER SPIEGEL 11/1971
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