08.03.1971

HOCHSCHULEN / BREMENViel gerudert

Ein Professor aus Bayern meldete spezielle Wünsche an: Er werde nur nach Bremen kommen, so schrieb er in seiner Bewerbung um einen Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft, wenn die Universität ihm auch zu einem Häuschen am Stadtrand verhelfe. Begründung: Er habe schließlich einen Hund, der ausgeführt werden müsse.
Den Bayern mochten die Bremer nicht. Sie bedankten sich für sein Interesse, baten ihn aber erst gar nicht zu einer persönlichen Vorstellung.
Der Soziologe György Széll aus West-Berlin legte spezielle Pläne vor. Er wolle, so verriet der Kandidat, mit Pädagogik-Studenten nach dem Muster des West-Berliner Schüler-Ladens "Rote Freiheit" so etwas wie "Stadtteil- und Betriebsarbeit" leisten. Mathematik-Kenntnisse sollten die angehenden Lehrer hingegen "mal eben in Intensivkursen erwerben", denn: "Mathematik isoliert zu vermitteln" sei "völlig idiotisch".
Der Tierfreund aus Bayern und der volksnahe Assistent markieren die Extreme unter den Interessenten für 42 Hochschullehrerstellen, die an Bremens neuer Universität zu besetzen sind. Doch an der Weser ist weder "platter Hau-ruck-Marxismus" (so Jura-Assistent Detlev Albers, ehedem Mitbegründer der Bremer Uni) noch jener "Professoren-Typ gefragt, der mit einem Schwall von Assistenten und so'n Zinnober herkommen möchte" (so Gründungsrektor Thomas von der Vring).
Daß Westdeutschlands jüngste Hochschule nach einem neuen Typ sucht, wurde letzte Woche offenbar, als sich in den Seminarräumen der Pädagogischen Hochschule rund 120 Bewerber den aus je zwei Professoren, Assistenten und Studenten bestehenden Berufungskommissionen stellten -- "in einem barbarischen Verfahren", wie der Tübinger Pädagogik-Professor und Kommissionsvorsitzende Hans Thiersch befand. Es war ein Testfall für die künftige Position dieser Universität, die -- mal Wunsch-, mal Alptraum -- schon vorweg als "Brutstätte der Revolution" galt und nun, nach über zehn Jahren bürokratischen und ideologischen Gerangels, das Personal für den Lehrbetrieb sucht, der im Herbst beginnt.
Um den Zeitplan einzuhalten, blieb den sechs Kommissionen keine andere Wahl, als das öffentliche Verhör jeweils nach einer Stunde oder schon früher rigoros abzubrechen. "Jetzt wird's ja gerade erst interessant", räumte Kommissionschef Thiersch dem Münchner Privatgelehrten Dr. Ulrich Sonnemann ein, der sich um eine Professur für Psychologie bewirbt, "aber die Zeit ist um." Immerhin reichte in den meisten Fällen die Zeit aus, um die "ganz Flauen auszusondern" (von der Vring).
Zeit kosteten zum Beispiel Kandidaten wie der Jurist Dr. Ulrich Eckhardt von der Bonner Stadtverwaltung, der eine Professur für Bildungsrecht im Rahmen der Lehrerbildung anstrebt. Er möchte an der Weser "Politik machen und Strategien entwickeln" und bietet als Beispiel dafür an: Vermittlung juristischer Kenntnisse, damit die Lehrer später "besser mit der Schulverwaltung umgehen können".
Ungewöhnlich verlief auch die Vorstellung des Zürcher Architekten Jörn Janssen, der im kleinsten Bundesland Sozialwissenschaftler werden möchte. "Ich lernte ein Mädchen kennen", plauderte Janssen mit der Berufungskommission, "mit dem ich viel über den Chiemsee gerudert bin, und die hat viel von Architektur erzählt, und dann habe ich Architektur studiert." Als Janssen nach dem Studium seine Kenntnisse in die Praxis umsetzen wollte, ist er nach eigenem Bekunden "radikal gescheitert".
Sinnvoller erschien den Bremer Kommissaren der Disput mit solchen Bewerbern, die neben der fachlichen Qualifikation die "Fähigkeit zur interdisziplinären Kooperation" mitbringen und dabei "die gesellschaftlichen Implikationen von Forschung und Lehre beachten" (von der Vring).
Kooperieren und gesellschaftskritisches Reflektieren aber fällt, wie das Fünftage-Hearing erwies, jungen Assistenten offensichtlich leichter als älteren Ordinarien, die es zumeist versäumt haben, die Grenzen ihrer Spezialdisziplin zu überschreiten.
"Ich mußte schon seit Jahren", versichert der Hamburger Dozent für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Hans-Jürgen Teuteberg, "über die Zäune meines Faches hinwegschauen." Dennoch ist fraglich, ob Teuteberg einen Ruf erhält, und er meint auch zu wissen, woran es bei ihm hapert: "Ich bin ja kein Marxist, und darum sind meine Chancen gleich Null."
In der Tat gehörte Teuteberg zu den wenigen Kandidaten, die nicht mit Linksbekenntnissen auftraten. Gründungsrektor von der Vring, der sich immer noch müht, das von der bürgerlichen Presse geprägte Klischee von der "roten Bremer Kaderschule" zu beseitigen, räumt ein: "Ein Drittel der Bewerber geht von der materialistischen Erkenntnistheorie aus."
Doch ob dieses Drittel nun in Bremen auf die Lehrstühle rückt, steht dahin. Denn die Berufungskommissionen können nur Kandidaten vorschlagen -- die Entscheidung hingegen liegt beim Gründungssenat der Universität und dem politischen Senat der Hansestadt.
"Wir werden darauf achten", verspricht Thomas von der Vring schon jetzt, "daß wir bei der endgültigen Besetzung zu einem Pluralismus kommen." Wenn es anders kommt, will Bürgermeister Hans Koschnick zur Stelle sein. Vorsorglich ließ er vor dem Hearing wissen: "Oktroyieren kann man mir keinen Hochschullehrer."

DER SPIEGEL 11/1971
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