08.03.1971

FERNSEHEN / ZDFHundertprozentig korrekt

Im Gasthaus "Bobbeschänkelche" in Wiesbadens Röderstraße 39, jeden Mittwoch Treffpunkt zechender TV-Leute vom Zweiten Deutschen Fernsehen, blieben Mitte letzter Woche Stammgäste aus. Von den Redakteuren der Mainzer Aktualitäten-Sendung "ZDF-Magazin", die sich sonst nach getaner Bildschirmarbeit nebst Anhang zu gelockerter "Magazin"-Kritik versammeln, hatten die meisten auf den Umtrunk verzichtet.
Denn diesmal war das Programm-Palaver schon vorher in einen erbitterten politischen Zwist umgeschlagen: In der Abteilung des "Magazin"-Moderators Gerhard Löwenthal, 48, hatten sich die schon lange währenden Reibereien zwischen Rechtsgestimmten und Gemäßigten in einem offenen Konflikt entladen.
Das "Magazin"-Klima war zusehends getrübt, seit Löwenthal seinen Widerwillen gegen die Bonner Koalition mit immer gröberem Vokabular vortrug. Und immer weniger Redakteure mochten den polemischen Parolen des Chefs gegen Linke und Liberale folgen.
Der Verdruß einte Kollegen unterschiedlicher Position: Mitglieder und Anhänger der CDU, Genossen und Sympathisanten der SPD. Schließlich genügte ein nichtiger Anlaß, dieses Gros der "Magazin"-Männer gegen die militante Minderheit um Löwenthal aufzubringen.
Zehn Wochen nach dem Clinch ihres Moderators mit "Stern"-Chef Henri Nannen begann das Spektakel beim Mittagessen. In einer Redaktionskonferenz im Wiesbadener ZDF-Haus war soeben darüber diskutiert worden, ob man wohl einen Film über die Mahler-Baader-Meinhof-Gruppe für das "ZDF-Magazin" drehen solle.
Die Redakteure Günter Ederer, 29, Ekkehard Kuhn, 32, Dr. Hermann Kümhoff, 37, Knut Terjung, 30, sowie der freie Mitarbeiter Helmut Kamphausen, 46, spannen beim Boulettenessen in der Kantine den Faden weiter. "Magazin"-Mann und CDU-Mitglied Ederer wollte vom Kollegen Kamphausen wissen, wem er notfalls den Vorrang geben würde -- der NPD oder den Jusos. "Ohne Zögern", notierte Kuhn später in einem Gedächtnisprotokoll, "entschied sich Herr Kamphausen für die NPD", die "ja nicht das Grundgesetz der BRD in Frage" stelle und "eine demokratische Partei" sei.
Auch Löwenthal-Gefolgsmann Hermann Kümhoff, CDU-naher Philologe und vom ersten Tag an beim ZDF, wählte nach einigem Zögern "dann schon lieber die NPD als das kleinere Übel". Und schließlich ging es noch um Griechenland oder Sowjet-Union.
Kamphausen erinnert sich: "Ich entschied mich für Griechenland. Aber niemals habe ich in dem Gespräch etwa gesagt, daß die NPD eine demokratische Partei sei." Gleichwohl lieferte das Frikadellen-Geplänkel den Vorwand, Gerhard Löwenthal den Kleinkrieg zu erklären.
In der Redaktionskonferenz am Donnerstag vorletzter Woche erbat Redakteur Dr. Günter Schubert, 41, Historiker und SPD-Mitglied (Löwenthal-Stellvertreter Wolfgang Weinert: "Schubert ist der Atomkern, die anderen sind die Atome"), von seinem Chef ein politisches Bekenntnis: "Uns geht es darum, ob eine derartige politische Gesinnung, wie sie sich in den Äußerungen der Herren Kamphausen und Dr. Kümhoff offenbart, in dieser Redaktion vertretbar ist und wie Sie sich als Redaktionsleiter dazu stellen."
Löwenthal stellte sich stur: "So könnt ihr mit mir nicht verfahren." Er nannte die beim Essen gestellte Frage nach der NPD und den Jusos "dumm und unzulässig" und lehnte es ab, sich "von einem Gespräch zu distanzieren, bei dem ich nicht dabei war und über das es verschiedene Versionen gibt".
Als der "Magazin"-Verwalter sich schließlich erkundigte: "Gibt es jemanden in diesem Raum, der Mitglied der NPD ist, der sich zur NPD bekennt, sich mit ihrem Gedankengut identifiziert?", marschierte SPD-Mann Schubert ("Die Situation ist für mich unerträglich") zur Tür hinaus. Mit ihm zogen acht Männer und eine Frau, Redakteure und Mitarbeiter -- darunter auch Jürgen R. Meyer, der für Löwenthal den Bevilacqua-Film gegen Henri Nannen recherchiert hatte.
Noch am selben Nachmittag formulierten die Aufrührer einen Brief an den ZDF-Intendanten Professor Karl Holzamer (CDU) und baten: Da Löwenthal es ablehne, möge er, Holzamer, "für unsere Redaktion und darüber hinaus für das ZDF" eine Distanzierung von den Äußerungen Kamphausens und Kümhoffs besorgen. "Die Unterzeichneten" -- zwölf Löwenthal-Mitarbeiter, darunter neun Redakteure -- "sind der Meinung, daß es keine Alternative, keine Fragestellung und keine Situation geben kann, die einem politischen Redakteur in einer öffentlich-rechtlichen Anstalt eine Stellungnahme zugunsten der NPD gestattet".
Doch das Schreiben gelangte auf dem Dienstweg nur bis zum Schreibtisch des CDU-nahen Chefredakteurs Dietrich, der die Bittsteller beschwor, den Brief samt Inhalt noch einmal gemeinsam mit Löwenthal und der übrigen Redaktion zu überdenken. Öffentlich spielte Dietrich herunter: "Das sind scheißkleine Differenzen. Wo kämen wir hin, wenn jeder, der im Suff die Internationale singt, zur Rechenschaft gezogen würde."
Das Überdenken endete abrupt, als sich am Dienstag letzter Woche beim ZDF Journalisten nach dem Fernsehzwist erkundigten. Chefredakteur Dietrich drohte, von Paragraph acht des Manteltarifvertrages für Redakteure Gebrauch zu machen, nach dem jeder, der Interna außer Haus trägt, mit fristloser Entlassung rechnen muß.
Und noch am selben Tag ließ sich einer der aufmüpfigen Redakteure, Wolfram H. Pabel, vernehmen: "Herrn Löwenthals Verhältnis zur NPD ist für uns unbestritten. Sein Verhältnis zu den Rechtsradikalen ist hundertprozentig korrekt." Nach Pabel bekundeten auch andere Frondeure Loyalität.
Gleichwohl war es dem "Magazin"-Moderator nicht vergönnt, sich ob des Waffenstillstandes so recht zu freuen. Am letzten Donnerstag verlieh die Mainzer Anstalt für die bislang höchste Einzelspende zugunsten der "Aktion Sorgenkind" eine ZDF-Verdienstmedaille. Medaillenträger: Henri Nannen, Löwenthals ärgster Widersacher.

DER SPIEGEL 11/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 11/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FERNSEHEN / ZDF:
Hundertprozentig korrekt

  • Waldbrand in Brandenburg: Feuer auf ehemaligem Truppenübungsplatz
  • Kicken für die Karriere: Ein neuer Özil für Rot-Weiß Essen?
  • Hessen: Weltkriegsbombe hinterlässt riesigen Krater auf Getreidefeld
  • Stunt-Video aus Thailand: Mit dem Wakeboard über den Wochenmarkt