08.03.1971

VERTRIEBENE / RUNDFUNKAuftrag vom Chef

Absender waren Männer, die "sich selbst seit 25 Jahren treu geblieben sind" -- wie Friedrich-Wilhelm Teschemacher, 57, Vertriebener aus Hinterpommern, Major des Zweiten Weltkrieges und nun Bauer auf dem 30-Hektar-Hof Eichhorst bei Plön im Ostholsteinischen.
Adressat war das "Königlich dänische Ministerium für auswärtige Angelegenheiten" zu Kopenhagen: Bei Versicherung "ausgezeichneter Hochachtung" gab die "Notverwaltung des deutschen Ostens" -- "Vereinigte Landesregierungen der selbständigen Länder Memelland, Ostpreußen, Westpreußen-Danzig, Pommern, Brandenburg, Niederschlesien, Oberschlesien, Sudetenland, Südböhmen und Südmähren" -- den Dänen am 28. Februar 1971 "Kenntnis" davon, "daß diesseits mit Wirkung vom heutigen Tage der Rundfunksender 'Deutsches Reich' die Welle 102 UKW in Anspruch nimmt".
Auf einen Lieferwagen montiert, rollt das Deutsche Reich seither über Schleswig-Holsteins Küstenstraßen -- nach Andeutung der Notverwalter von einem abgelegenen Ostseestrand-Plätzchen zum anderen, nach jüngster Peilung von Post- und Küstenfunkstellen aber auch entlang der Nordsee-Deiche Dithmarschens.
Zwar dauert es, so das Bundespostministerium, "etwas länger", den mobilen Sender einzukreisen. Doch schon am Mittwoch letzter Woche schnitt die norddeutsche Funkkontrollmeßstelle Itzehoe-Nordoe das Programm mit: Reden von einer Notverwaltungsveranstaltung Ende Februar in Godesberg und die Proklamation, daß "wir die Regierung des dritten deutschen Staates sind".
Freilich waren die Reichs-Töne nur schwach, und die Aufnahme gelang der Post nur Dank "der mit hohem Gewinn" (Fernmeldetechnisches Zentralamt Darmstadt) arbeitenden Itzehoer Antennen. Die Notverwalter selbst kurbelten bisher auf der Suche nach ihrem Sender vergeblich an den Rundfunkgeräten -- denn laut Landwirt Teschemacher, Delegierter für das selbständige Land Pommern, waren beim Sendebetrieb "technische Schwierigkeiten" aufgetreten.
Daß es "nur Anfangsschwierigkeiten" sind, davon ist Teschemacher überzeugt; er baut auf einen "von uns als Chef geachteten Mann". Dieser Mann heißt Dr. Günter G. Hoffmann, ist Legationsrat außer Dienst und schart seit Ende der sechziger Jahre eine "Gemeinschaft Ostdeutscher Grundeigentümer" (GOG) um sich, die nach eigenem Bekunden angeblich 500 000 Sympathisanten und "Mitarbeiter aus allen Parteien und Richtungen" (Teschemacher) hat: einen "ehemaligen Studiendirektor In Schleswig-Holstein, der noch bis vor einem Jahr SPD-Mitglied" war, ebenso wie "natürlich auch NPD-Leute. Ende September letzten Jahres rief Hoffmann seine GOG-Gefolgschaft nach Bonn zu einer "Nationalversammlung der Länder des deutschen Ostens", in deren Verlauf sich dann die Notverwaltung des deutschen Ostens etablierte. Die Exil-Regierung, die sich als "Treuhänder des Deutschen Reiches" versteht, beanspruchte für die proklamierten zehn ostdeutschen Bundesländer 140 Sitze im Bundestag und schließlich auch eine eigene Rundfunkanstalt, deren Programm Teschemacher, Hoffmanns Vertrauensmann in Deutschlands Norden, sich so vorstellt. "Der Sender 'Deutsches Reich' soll unzensierte Meldungen aus der ganzen Welt bringen, denn bei uns wird doch jetzt alles vorgesichtet, was in die Presse kommt."
Wahrheiten insbesondere über die Bonner "Ost-Politik der Rechtsbeugung" verspricht sich Teschemacher beispielsweise aus dem "amerikanischen oder russischen Rundfunk", Sprachkundige Notverwaltungsfreunde sollen deshalb solche Stationen mithören und Übersetzungen für Radit "Deutsches Reich" anfertigen.
Bei Bundesländern, so im Saarland, wo die Notverwaltung um eine Senderlizenz einkam, hatte sie keinen Erfolg, ebensowenig bei Verkehrs- und Postminister Leber, hei dem sie Ansprüche auf "unsere Heimatwellen" -- die Frequenzen der Ost-Sender Königsberg, Breslau und Reichenberg, auf denen nun unter anderem Radio Luxemburg und Rias Berlin senden -- anmeldeten.
So halfen sich die Abgewiesenen selbst. Die technischen Vorbereitungen nahm Hoffmann, unterstützt von einem "Funkentwicklungsingenieur" selbst in die Hand. Weltkrieg-TI-Major Teschemacher wurde vom Chef beauftragt, "Geländeerkundung für den Sender durchzuführen".
"Weil wir unsere Tätigkeit legal ausüben" und um nicht mit der Länderrundfunkhoheit zu kollidieren, unternahm Reichs-Treuhänder Teschemacher die Geländeerkundung "unter dem Gesichtspunkt, daß der Sender sich außerhalb der Landeshoheit befinden soll, also in der Hoheit des Deutschen Reiches, von der die Bundesrepublik ein Teil ist".
Solche Voraussetzungen glaubt er am deutschen Meeresstrand gefunden zu haben, denn laut Teschemacher "handeln in der sogenannten Strandzone die Länder im Auftrag des Bundes". Das ist freilich eine rein private Rechtsauffassung.
Der Rundfunkrechtler und wissenschaftliche Assistent an der Universität Kiel, Dr. Günter B. Krause-Ablaß dagegen: "Es besteht kein Zweifel daran, daß das Landesgebiet ebensoweit wie das Bundesgebiet reicht."
Schlecht beraten waren die Notverwalter auch bei der Wahl des Adressaten für die Bekanntgabe der Okkupation der UKW-Frequenz 102 Megahertz durch das "Deutsche Reich". In Kopenhagen tagte die von ihnen in Dänemark vermutete Wellenkonferenz, auf der die Mittel- und Langwellenbereiche aufgeteilt wurden, zuletzt im Jahre 1948.

DER SPIEGEL 11/1971
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