08.03.1971

NAHER OSTEN / FRIEDENSGESPRÄCHEStunde der Wahrheit

Wir haben lediglich eine Schlacht verloren", tröstete sich Gamal Abd el-Nasser 1967, als seine Krieger, von den Israelis vernichtend geschlagen, durch die Sinai-Wüste flüchteten.
Heute, 45 Monate später, erscheint die Zuversicht des verstorbenen Rais fast berechtigt: Die Verlierer von einst haben die Sieger in die Defensive gedrängt -- an der diplomatischen Front.
Was die Israelis seit zwanzig Jahren vergeblich fordern, bot ihnen Nasser-Nachfolger Sadat vor drei Wochen erstmals an: eine Friedensvereinbarung und offizielle Anerkennung. Doch die Offerte des Ägypters fand in Jerusalem kein Echo.
Im Gegenteil: Erstmals bekundeten die Israelis jetzt amtlich -- in einem Schreiben an Uno-Vermittler Jarring -, daß sie auf keinen Fall gewillt sind, die Sinai-Halbinsel voll zu räumen.
"Die Stunde der Wahrheit naht", warnte die Tel Aviver Zeitung "Al Hamischmar" die Regierung Golda Meir. Doch statt, wie "Al Hamischmar" forderte, "in territorialen Fragen die Karten auf den Tisch zu legen", wiederholte die Regierungschefin letzte Woche in einem "Newsweek"-Interview stereotyp Israels Forderung nach "sicheren und anerkannten Grenzen" -- ohne jedoch mit einem Satz den Verlauf solcher Grenzen anzudeuten.
Entschieden lehnte sie sogar die Anregung ab, das Palästinenser-Problem durch die Gründung eines Palästinenser-Staates in Westjordanien zu lösen: "Wir glauben nicht", so die Regierungschefin, "daß zwischen dem Mittelmeer und der irakischen Grenze Raum für drei Staaten ist."
Die, laut "Le Monde", "starre Haltung" der Israelis treibt den Judenstaat immer mehr in eine weltpolitische Isolierung:
* Zwischen den USA und Israel, so gab der israelische Staatsminister Galili jetzt zu, bestehen "ernsthafte Meinungsverschiedenheiten": Die USA fordern von Israel, endlich ein Zeichen des guten Willens zu geben.
* Englands Außenminister Douglas-Home lobte die Ägypter für "das unbedingte Bemühen mit Israel zu verhandeln", und tadelte die Israelis.
* Rumänien, das einzige Ostblockland, zu dem Israel diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen unterhält, begrüßte "mit Zufriedenheit die Bemühungen Ägyptens um eine politische Lösung des Konflikts". Gleichzeitig beschuldigten die Rumänen Israel, "Bedingungen zu stellen, die eine solche Lösung verhindern".
Ungeachtet der negativen internationalen Resonanz vertritt Israels Chefstratege Mosche Dajan nach wie vor den Standpunkt: "Israels Präsenz in Scharm el-Scheich* ist für unsere staatliche Zukunft wichtiger als ein Friedensvertrag mit Ägypten." Mit anderen Worten: Politische Zugeständnisse, die auch in den Augen gemäßigter Araber an die Grenze des Zumutbaren gehen, gelten den Israelis wenig -- sie bestehen auf territorialen Absicherungen.
"Vergessen Sie nicht, daß dies eine Frage von Leben oder Tod für uns ist", erläutert ein Jerusalemer Beamter das israelische Mißtrauen, "wir wissen, wie sich die Araber an Worten berauschen: Gestern noch schwärmten sie von einem Blutbad, heute reden sie von Frieden. Wer weiß, womit sie uns morgen überraschen?"
Dennoch hat Sadats Mäßigung und Friedfertigkeit die Israelis verwirrt.
* Stützpunkt am Eingang vom Golf von Akaba.
"Israel hatte bisher zwei zuverlässige Verbündete", spottete der israelische Satiriker Ephraim Kishon, "die hilfsbereiten Juden in aller Welt und die säbelrasselnden Araber. Nun scheint plötzlich auf letztere kein Verlaß mehr zu sein."
Kein Zweifel: Die ägyptische Konzilianz hat die Israelis verunsichert, hat sie ratlos gemacht. "Israel ist heute in einem Schockzustand", berichtete der Washingtoner "Evening Star" aus Israel.
Ganz schließen offenbar auch die Israelis jetzt nicht mehr aus, daß der Nasser-Nachfolger ernsthaft einen Ausgleich mit dem Judenstaat anstrebt. Denn nur so läßt sich erklären, daß prominente Israelis Zugeständnisse vor allem mit dem Argument verweigern, Sadat sei nur ein Übergangs-Präsident, auf den man nicht setzen dürfe.
"Wer weiß", fragt Verkehrsminister Schimon Peres, "welches Regime in fünf Jahren in Kairo an der Macht sein wird?" Ein israelischer Ägypten-Spezialist: "Der Machtkampf in Ägypten beginnt gerade erst, Sadat wird möglicherweise über Nacht wieder abgehalftert, und dann haben wir es vielleicht wieder mit einem neuen Nasser zu tun."
Wer so denkt, dürfte sich freilich mit den Ägyptern nie an einen Verhandlungstisch setzen.

DER SPIEGEL 11/1971
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