08.03.1971

LAOS / KRIEGAuf Feuer wandeln

Clarence J. Romero, Pilot eines leichten US-Beobachtungs-Hubschraubers, führte Tagebuch. "Dies ist doppelt, vielleicht sogar dreimal so schlimm wie Kambodscha", notierte er unter dem 12. Februar 1971. "Laos ist ein Fall für sich."
Zwölf Tage später hatte Romero, gemessen an seinen sonstigen Notizen keineswegs ein Kriegsverächter, vollends die Lust am Unternehmen Laos verloren: "Die guten alten Tage sind vorüber. Es mag wirklich keiner mehr da 'rüberfliegen."
Wie Romero, der Junge aus der Bronx, denken mittlerweile -- in der vierten Woche der alliierten Laos-Invasion -- Hunderte von Amerikanern. Und einige von ihnen zogen sogar entsprechende Konsequenzen: Sie weigerten sich, ihre Helikopter über die Grenze nach Laos zu fliegen. Doch die Befehlsverweigerung blieb bislang ohne Folgen.
Denn kaum je zuvor ist den jahrelang unbestrittenen Herrschern der indochinesischen Lüfte so konzentriertes Abwehrfeuer entgegengeschlagen wie jetzt in Laos. Die Kommunisten verteidigen sich mit Maschinengewehren und Fla-Kanonen, mit Handfeuerwaffen und neuerdings auch mit modernsten sowjetischen Sam-Raketen. "Das Flakfeuer ist so dicht", klagte ein US-Pilot, "daß man darauf wandeln kann."
Erstmals seit Beginn des US-Engagements in Indochina wollte Washington eine Schlacht nur mit fremden Heeren gewinnen und höchstens Hilfe aus der Luft gewähren.
Doch die Hilfe von oben war schwieriger als erwartet; denn der Gegner war gewarnt und gewappnet: Südvietnams Soldaten auf dem Boden kamen viel langsamer voran als vorgesehen, und deshalb mußten Amerikas Piloten häufiger fliegen, als ihnen lieb war -- bislang über 20 000 Hubschrauber-Einsätze.
Sie transportierten Südvietnamesen in die Schlacht und Leichen zurück nach Südvietnam; sie lieferten ihren Verbündeten Waffen und Munition, Sanitäter, Berater -- und sie leisteten aus ihren Cobra-Kampfhubschraubern auch wirkungsvolle Schützenhilfe.
Innerhalb weniger Tage, so brüsteten sich die US-Militärs, hätten amerikanische Hubschrauber in Laos 500 gegnerische Soldaten getötet; außerdem seien vernichtet worden: 120 Nachschub- und Waffenlager, 330 Fahrzeuge, 115 Bunker, 420 Gebäude, 35 Geschützstellungen.
Ihre südvietnamesischen Waffenbrüder, auch im Umgang mit Zahlen gelehrige Schüler, boten als Beute: 12 sowjetische Panzer, 87 Lastwagen, 400 Fahrräder, 550 Häuser, 500 280 Liter Benzin, 12 703 Tonnen Munition, außerdem ein Lagerhaus mit Stiefeln und Handschuhen aus Segeltuch, mit 2100 Kochtöpfen, zwei Tonnen Druckschriften, 2000 Hühnern, 20 Schweinen, 1030 Schaufeln und vielen Tonnen Lebensmitteln.
Bei der Angabe der eigenen Verluste aber waren die Invasoren zurückhaltend wie selten zuvor.
Journalisten auf dem Kriegsschauplatz erlebten, wie bis zu acht Hubschrauber an einem Tag abgeschossen wurden. Schon zwei Wochen nach Beginn der Laos-Operation waren nach ihren Zählungen mindestens 60 US-Helikopter verlorengegangen -- vor allem "Hueys" (Stückpreis 1,85 Millionen Mark), "Chinooks" (5,8 Millionen Mark) oder "Sen Stallions" (7,3 Millionen Mark).
Mindestens ebenso viele Maschinen kehrten so schwer beschädigt zurück, daß an eine Reparatur nicht mehr zu denken ist. Andere wurden mutwillig zerstört, damit sie nicht in die Hände des Feindes gerieten: Als südvietnamesische Rangers den Stützpunkt "Hotel 2" räumten, sprengten sie eine beschädigte "Sea Stallion" in die Luft.
Gleichwohl vermittelte das Pentagon, das nach der offiziellen Statistik seit 1961 in Indochina 3523 Jagdbomber und 4199 Helikopter verloren hat, ein relativ rosiges Bild: Bis zum Mittwoch voriger Woche seien Im Zusammenhang mit der Laos-Operation lediglich 38 Hubschrauber und zwei Flugzeuge vom Himmel geholt worden. Die Zahl der Beinahe-Wracks wurde nicht genannt.
Wie verlustreich die neue Kriegsphase bislang tatsächlich war, ließ sich besser aus einem Eingeständnis der vietnamesischen Militärs ablesen: Niemals seit der kommunistischen Tet-Offensive im Frühjahr 1968 verlor Saigons Armee so viele Soldaten wie allein in der vorletzten Woche: 898 Tote, 2222 Verwundete, 133 Vermißte.
Und auch die Zahl der US-Toten, um die Jahreswende noch niedrig wie nie, schnellte wieder empor: In der vorletzten Woche fielen 69 GIs, 281 wurden verwundet.
Die Operation, mit der Richard Nixon das amerikanische Engagement in Indochina zu einem möglichst schnellen Ende führen wollte, hat jedoch nach Meinung seiner Waffenbrüder gerade erst begonnen.
Amerika, so beschwerte sich Saigons Vizepräsident Ky, müsse seine Hilfe aus der Luft noch gewaltig intensivieren und vor allem Nordvietnam selbst bombardieren. Sonst "kommen unsere Truppen in Laos in eine schwierige Situation".
Für diesen Fall ist bereits vorgesorgt -- anders möglicherweise, als dem kriegerischen Ky lieb ist: Nahe der laotischen Grenze steht -- vorbereitet auf den Ernstfall -- eine Armada von US-Maschinen bereit: für die Evakuierung der südvietnamesischen Bodentruppen.

DER SPIEGEL 11/1971
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