08.03.1971

RÜSTUNG / SALT-GESPRÄCHEWie die Pille

Nach einer Weile in diesem Geschäft", konstatierte ein US-Abrüstungs-Spezialist, "scheinen die Profis zu vergessen, daß Hiroshima mit einer 20-Kilotonnen-Bombe* weggeblasen wurde."
Bei den "vielleicht wichtigsten Gesprächen, an denen die USA je teilnahmen" (US-Außenminister Rogers) und die am nächsten Montag in Wien in ihre vierte Runde gehen, stehen Megatonnen auf der Tagesordnung: Die Abgesandten der beiden atomaren Supermächte treffen sich zu Verhandlungen über die Begrenzung strategischer Waffensysteme (Strategic Arms Limitation Talks; Abkürzung: Salt).
Moskau und Washington wollen endlich herausfinden, ob sie sich auf einen Rüstungsstopp für Fernraketen und andere Trägersysteme von Nuklearwaffen einigen können, ohne das Gleichgewicht des Atomschreckens aus der Balance zu bringen.
Die zunehmende Vereisung, die in den letzten Monaten Kennzeichen des politischen Klimas zwischen den Vereinigten Staaten und Moskau war, ließ Salt fast unberührt. Das Interesse am Erfolg dieser Gespräche, der für beide Giganten Milliarden eingesparter Rüstungsgelder bedeuten würde, überwiegt. Ein Bonner Abrüstungs-Experte: "Keiner kann sich leisten, Salt auf ein Riff laufen zu lassen."
* Eine Kilotonne = 1000 Tonnen des herkömmlichen Sprengstoffs Trinitrotoluol (TNT); eine Megatonne = eine Million Tonnen TNT.
Indes, selbst die Hoffnung, nach erfolgreichem Konferenz-Abschluß Milliarden sinnvoller ausgeben zu können als für sinnlose Rüstung, vermag das nervenaufreibend langsame Tempo der Konferenzserie nicht zu beschleunigen. Averell Harriman, langjähriger Botschafter Washingtons im Kreml, klagte vorletzte Woche: "Ich bin sehr besorgt darüber, daß Salt so lange dauert, obwohl beide Seiten die Bedeutung der Gespräche anerkennen." Harrimans Sorge reflektiert eine Enttäuschung der Amerikaner.
Nur wenige Wochen zuvor hatten ihnen die "Samos"-Spionagesatelliten gemeldet, daß die Sowjet-Union den Ausbau ihrer wichtigsten Angriffswaffe, der superschweren Interkontinental-Rakete "SS-9", deutlich verlangsamte.
Mit einer Ladung von 25 Megatonnen -- 1250mal soviel wie die Hiroshima-Bombe, deren Sprengkraft heute schon von taktischen Gefechtsfeld-Waffen erreicht wird -- ist die SS-9 das Monstrum unter den Atomraketen der Welt. Sie wird, da eine derart große Sprengkraft zur Zerstörung von Bevölkerungs- oder Industriezentren unnötig ist, von den US-Strategen als direkte Bedrohung der eigenen, im Fels verbunkerten "Minuteman"-Interkontinentalraketen beurteilt. Auf der US-Prioritätenliste für Salt nimmt die SS-9 deshalb den ersten Platz ein.
Das Weiße Haus reagierte auf die vermeintliche gute Nachricht prompt mit der Ankündigung, die USA würden nunmehr auch den Ausbau ihres Anti-Raketen-Systems "Safeguard" drosseln, das die Minuteman-Basen vor der SS-9 schützen soll.
Damit schien erstmals näherzurücken, was Militärtheoretiker als einen möglichen Ausgang von Salt prophezeit hatten: Kein ausdrücklicher Vertrag, dafür die stillschweigende, von Himmelsspionen kontrollierte Übereinkunft zwischen den Supermächten, das Drohpotential nicht weiter zu vergrößern.
Die Hoffnung auf dieses erste Anzeichen von Vernunft im Wettrüsten schwand freilich bald. Neues Geheimdienstmaterial erklärte den Baustopp der Russen mit technischen Verbesserungen an den Sprengköpfen der SS-9, die nur deshalb nicht im alten Tempo verbunkert würden.
In den Hauptstädten der Nato-Partner Amerikas fühlten sich die Pessimisten bestätigt. Ein Spitzenmilitär in Bonn: "Daß man sich auf ungeschriebene Absprachen verläßt, ist angesichts des Mißtrauens zwischen den Großmächten undenkbar."
Zum erstenmal seit Beginn der Gespräche am 17. November 1969 herrscht bei den europäischen Alliierten der USA Skepsis, manchmal deutliches Unbehagen über Salt.
Zwar werden Minister und Nato-Diplomaten nicht müde, die gründlichen Konsultationen der Amerikaner mit der Brüsseler Bündniszentrale zu preisen. Doch die Europäer wissen, daß diesmal in Wien über ihre unmittelbaren Sicherheitsinteressen verhandelt wird -- ohne sie.
Die Sowjets wollen -- gemäß einer Definition aus den ersten Konferenzwochen, nach der strategische Waffensysteme diejenigen sind, mit denen die eine Supermacht das Territorium der anderen erreichen kann -- am Salt-Tisch auch über die in Europa stationierten Atomwaffen der USA und deren Trägersysteme reden. Außerdem wünscht der Kreml ein Abkommen, mit dem sich beide Seiten verpflichten, im Kriegsfalle Atomwaffen nicht als erste anzuwenden.
Ließen sich aber die Amerikaner auf den Abzug ihrer "Phantom"-Bomber von den im Mittelmeer operierenden Flugzeugträgern der 6. Flotte oder den Nato-Luftbasen ein, so wäre die Bündnisdoktrin der "abgestuften Antwort" (flexible response) teilweise ausgehöhlt. Denn:
* Wie alle anderen Jagdbomber der westlichen Luftstreitkräfte sind die potentiellen Atomwaffenträger vom Typ F-4 "Phantom" auch für konventionelle Aufgaben (Beispiel: Erdkampfunterstützung) geeignet. Ein Rückzug würde demnach die konventionelle Abwehrkraft der Nato schwächen.
* Zum Abschreckungswert der flexible response gehört die möglicherweise -- je nach Art des Angriffs -- frühzeitige Verwendung taktischer Atomwaffen. Zögen die Amerikaner ihre Flugzeuge aus Europa ab, so müßten sie auch die taktischen Atombomben mitnehmen, die bislang in streng bewachten Depots nahe den Luftbasen liegen.
Für die westliche Abschreckungstheorie wäre diese Entwicklung nach Meinung der Nato-Militärs ebenso zerstörerisch wie der Kreml-Wunsch nach einem Abkommen, das beiden Supermächten den Ersteinsatz von A-Waffen verbietet. Der Warschauer Pakt ist der Nato konventionell weit überlegen. Im Ernstfall ist deshalb, so rechnen Brüsseler Generale, der Ostblock auf den Ersteinsatz von Atomwaffen nicht angewiesen. Für den Westen dagegen sei diese Möglichkeit unverzichtbarer Bestandteil der Abschreckungsdoktrin. Ein Bonner Bündnisstratege zum Sowjet-Angebot: "Völlig unakzeptabel."
Wie empfindlich gerade die Bundesregierung auf die Taktik des Kremls reagiert, bewies Bonns Verteidigungsminister bei der letzten "Wehrkunde-Begegnung" in München. Helmut Schmidt, engagierter Vertreter einer Politik des militärischen Gleichgewichts in Europa, zielte direkt auf Salt: "Sollten die in Europa stehenden nuklearen Trägerwaffen in eine Reduzierung einbezogen werden, oder sollte ein Verbot des Ersteinsatzes nuklearer Waffen vereinbart werden, so würde dies direkt ins Herz der Allianz zielen."
Die Sowjets aber wollen von diesen Verhandlungspunkten nicht lassen. Anfang Februar witterte ein "Prawda" -Kommentator hinter dem westlichen Widerstand gegen den Abzug der US-Flugzeuge "einen direkten Auftrag der amerikanischen Militaristen". Die Sowjets bestehen auf Gesprächen über diesen Punkt in Wien; denn, so die "Prawda" Sollten einige Strategen der amerikanischen Außenpolitik hoffen, von der Sowjet-Union Vereinbarungen zu erreichen, die dem Prinzip der gegenseitigen Sicherheit widersprechen und die den USA einseitige militärische Vorteile gewähren, so irren sie sich gewaltig."
Angesichts dieser unnachgiebigen Position hat die Bundesregierung mittlerweile eine vor allem von Helmut Schmidt jahrelang gehaltene politische Stellung geräumt: Noch vor zehn Monaten hatte Schmidt erklärt, Sah dürfe überhaupt nur ein Erfolg werden, wenn dabei auch das Problem der 630 auf Westeuropa gerichteten sowjetischen Mittelstreckenraketen gelöst würde. Diese Waffen räumten der UdSSR einen Vorteil ein, der im Westen durch nichts ausgeglichen werde.
Die Sowjets hatten bislang die Behandlung dieses Themas bei Salt verweigert, weil es sich nicht um strategische Waffen handle: Mit diesen Raketen, so Delegationsleiter und Vizeaußenminister Wladimir S. Semjonow, könne man das Gebiet der USA nicht erreichen.
Während der dritten Salt-Runde Ende letzten Jahres ließen die Russen dann plötzlich erkennen, daß sie über Mittelstreckenraketen doch zu reden bereit seien -- wenn die Amerikaner im Tausch dafür ihr europäisches Atompotential zur Diskussion stellten.
Und auf einmal scheint Bonn die russischen Mittelstrecken nicht mehr für so gefährlich zu halten. Ein Planungsexperte im Verteidigungsministerium möchte nun die Supermächte am liebsten auf die gegenseitige Kontrolle ihrer Hauptwaffensysteme SS-9 und Safeguard beschränkt sehen: "Lieber ein bißchen weniger Erfolg bei Salt, weniger abrüsten und dafür mehr Sicherheit."
Ein britischer Brigadier beschrieb das gleiche Problem kürzlich drastischer: "Rüstungskontrolle ist wie die Pille -- jedermann mag sie. Abrüstung ist wie Entmannung -- das will niemand."

DER SPIEGEL 11/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 11/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

RÜSTUNG / SALT-GESPRÄCHE:
Wie die Pille

  • Atommüll-Endlager: Wie Morsleben stillgelegt werden soll
  • Anti-Brexit-Demo: "Ich mache das für meine Kinder"
  • Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr
  • Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen