08.03.1971

TSCHECHOSLOWAKEI / PLOGSTEDT-PROZESSSergeant Wassja

In der Wohnung der Prager Postbeamtin Petruska Sustrová, 22, arbeitete eine geheime Druckerei. Nur wenige der Verschwörer wußten genau, daß dort, in der unauffälligen Klein-Wohnung in Prag 3, Kolínská 15, die Bulletins der "Bewegung der revolutionären Jugend" hergestellt wurden: Ganz im geheimen brachten Mitglieder einer Zelle mit dem tschechoslowakisch-deutschen Namen "Lev Ackermann aus Böhmen" (Lev bedeutet "Löwe") Manuskripte, Papier und Farbe dorthin und holten fertiges Material ab.
Damals, im Frühling 1969, war die Druckerei überlastet; neben der Arbeit an einem dicken Buch, "Bürokratie nein -- Revolution ja" (Auflage: 400), mußten die Illegalen auch noch einer befreundeten Gruppe in Warschau aushelfen: In der Prager Wohnung wurde "Das unzensurierte Bulletin" in polnischer Sprache gedruckt. Die gesamte Auflage holte der polnische Archäologie-Student Maciej Kozlowski ab. Am 30. Mai wurde er in Stary Smokovec an der polnischen Grenze verhaftet.
Die Geheimgesellschaft in Prag hielt länger aus. Als erste fiel die West-Berliner Studentin Sibylle Plogstedt in die Hände der tschechischen Staatspolizei -- am Samstagnachmittag, dem 13. Dezember 1969 (SPIEGEL 7/1971). Sonntags wird in der CSSR nicht verhaftet; Sibylles Freunde, darunter Petruska, Sustrová, wurden erst am Montag, dem 15. Dezember, ins Prager Polizeigefängnis Ruzyne gebracht.
Nach 13 Monaten Haft klagte sie im Januar 1971 der Prokurator von Prag, Dr. Frantisek Stilip, unter Aktennummer 2 Kv 310/69 an -- wegen "Umsturz der Republik" (Paragraph 98, Absatz 1 StGB/CSSR). Strafe: von einem Jahr bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug.
19 Umstürzler hatten sich laut Anklageschrift nach den Regeln erfahrener Revolutionäre in Zellen organisiert: Allein in der landwirtschaftlichen Hochschule in Prag gab es drei solcher Untergrund-Gruppen. Die Zelle des angeklagten Philosophiestudenten Vavrinec Korcis, 22, trug den (russischen) Decknamen "Sergeant Wassja". Die Revolutionäre um das SDS-Mitglied Sibylle Plogstedt und ihren Freund, den Diplom-Ingenieur Petr Uhl, 29, hatten sogar einen legalen Treffpunkt: Als Mitglieder des polizeilich registrierten "Historisch-soziologischen Klubs mit dem Aspekt der Futurologie" erhielten sie unter dem Schutz der parteieigenen Jugendorganisation ein Klublokal.
Die ideologische Anweisung zum Handeln entnahm die Gruppe ihrem antibürokratischen Revolutions-Kompendium: darunter eine Sammlung von Artikeln der linken Klassiker Trotzki, Alexandra Kollontaj, Bucharin und Djilas und ein Plogstedt-Kommentar zum Buch des jugoslawischen Philosophen Mihajlo Markowic: "Dialektik der Praxis".
Die illegale Druckerei produzierte auch einen Extrakt aus dem "Offenen Brief an die Partei" der polnischen Oppositions-Marxisten Kuron und Modzelewski (SPIEGEL 48/1967), mehrere Manifeste und Proklamationen und einen "Teilbericht zu den durch repressive Kräfte verursachten Morden, die in der Nacht vom 21. auf den 22. August 1969 stattgefunden haben".
Polizisten und Staatsanwälte wurden von der Vernehmung sozialistischer Feinde des sozialistischen Staates offensichtlich irritiert. Laut Anklage übte Sibylle Plogstedt "Kritik an den politischen Zuständen in der CSSR, um die Lage zu verbessern; ihre Sympathien zu der KPC sind nach der Ankunft der verbündeten Truppen im August 1968 gesunken".
Staatsanwalt Stilip kam zu dem Ergebnis, daß die Angeklagten "objektiv das Bestreben der inneren und ausländischen Reaktion nach wirtschaftlicher und politischer Zersetzung der Republik unterstützten". Der letzten Montag eröffnete Prozeß mußte auf diese Woche vertagt werden, weil der Sibylle Plogstedt die Anklageschrift noch nicht in deutscher Sprache vorgelegen hatte.
Unter sozialistischen Intellektuellen hatte bereits die Verhaftung der linksradikalen CSSR-Oppositionellen Aufsehen erregt: "Dazu kann weder die fortschrittliche Öffentlichkeit in Westeuropa schweigen noch ein aufrichtiger Kommunist und Sozialist", hieß es in einem "Offenen Brief", der sofortige Freilassung der Inhaftierten und öffentliche Diskussion ihrer Ansichten forderte. Unterschrieben war der Protest vom Gehirntrust des europäischen Sozialismus -- unter anderem von Ernst Bloch, Margherita von Brentano, Ekkehart Krippendorf, Allaine Krivine, Klaus Meschkat, Oskar Negt, Luigi Nono, Rossana Rossanda und Jean-Paul Sartre.

DER SPIEGEL 11/1971
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