08.03.1971

VERSICHERUNGEN / ENGLANDAbsturz in die Pleite

Mehr als 800 000 englische Automobilisten durften letzte Woche "auf keinen Fall das Kraftfahrzeug benutzen" (so die Britische Versicherungs-Vereinigung). Denn sie waren Opfer der größten Versicherungspleite geworden, die England je erlebte.
Am vergangenen Montag hatten die Direktoren der Vehicle & General Insurance Company (V&G), einer der größten Assekuranz-Firmen des Landes, die "totale Zahlungsunfähigkeit" ihrer Gesellschaft verkündet. Gleichzeitig beantragten sie das Konkursverfahren gegen V&G und fünf Tochtergesellschaften. Jeder zehnte britische Fahrzeughalter war damit ohne Versicherungsschutz.
"Zu einem solchen Desaster hätte es nicht kommen müssen", kommentierte ein Versicherungsmakler der Londoner City die Pleite, "wenn der Wettbewerb in der Branche nicht so halsbrecherisch geführt worden wäre."
Die Versicherungsfirma unterlag in einem Konkurrenzkampf, den sie selbst mitentfacht hatte. Denn noch bis in die sechziger Jahre hinein waren die großen "piekfeinen Versicherer wie Lloyds und General Accident" ("The Guardian") in einem Kartell unter sich. Dann gelang es immer mehr kleinen Assekuranten, ins lukrative Auto-Haftpflicht-Geschäft einzudringen.
Am erfolgreichsten war dabei die 1960 von dem ehemaligen Kampfflieger Tony Hunt und dem Londoner Geschäftsmann Reginald Burr übernommene Vehicle & General Insurance Company. Im ersten Jahr hatten Hunt und Kompagnon fast ausschließlich Fahrräder versichert und nur ein bescheidenes Prämienaufkommen von 88 000 Mark im Jahr verbucht. Bald aber jagten die V&G-Manager mit großzügigen Rabatten und niedrigen Prämiensätzen den alteingesessenen Konkurrenten immer mehr Kunden ab.
Überdies warben Hunt und Burr mit Höchstprovisionen von 17 1/2 Prozent -- anstelle der sonst üblichen zehn Prozent -- eine schlagkräftige Vertreter-Mannschaft an. Zuletzt holten die V&G-Herren Prämien in Höhe von 176 Millionen Mark herein -- das Zweitausendfache der Anfangseinnahmen.
Vor zwei Jahren allerdings mochten sich die großen Gesellschaften nicht länger von Außenseitern verdrängen lassen. Am 1. Januar 1969 lösten sie ihr auf Seriosität bedachtes Kartell auf und versuchten nun ihrerseits, mit den Methoden der Emporkömmlinge verlorene Kunden zurückzugewinnen.
Finanzielle Einbußen konnten die kapitalkräftigen Versicherungskonzerne dabei leichter verkraften als etwa V&G. Schon bald mußte daher V&G-Chef Hunt die Prämien erhöhen.
Trotzdem stand bereits im Juli vergangenen Jahres V&G so wackelig, daß Großbritanniens konservativer Minister für Handel und Industrie, John Davies -- Oberaufseher über alle Versicherungsunternehmen --, "beträchtliche Besorgnis" über die Firma verspürte. Diese Sorge hielt Davies gegenüber den Autofahrern freilich geheim.
Das Schweigen des Ministers ermöglichte es Exkampfflieger Hunt, noch rechtzeitig im Oktober vorigen Jahres von dem abschmierenden Unternehmen abzuspringen. Er verkaufte sein Paket von 403 619 V&G-Aktien an der Londoner Börse.
Nach dieser Transaktion allerdings begannen Börsenexperten die Finanzmisere zu ahnen. V&G-Aktien, vor zwei Jahren mit 362 Pence (31,78 Mark) gehandelt, rutschten bis Januar auf etwa 57 Pence (fünf Mark) ab. Anfang voriger Woche war das Papier nur noch 17 Pence (1,49 Mark) wert.
Erst in der vorletzten Woche eröffnete Handelsminister Davies den Managern der angeschlagenen Firma: Das Ministerium beabsichtige, der Firma innerhalb der nächsten 30 Tage den Geschäftsbetrieb zu untersagen. Daraufhin beantragten die V&G-Direktoren die Liquidation. Das ganze Ausmaß des Finanz-Debakels wollen sie erst beim Konkurstermin am 22. März offenlegen.
Großbritanniens Versicherungsgesellschaften reagierten erleichtert auf den Zusammenbruch. Endlich sahen sie das Ende der niedrigen Prämiensätze gekommen. Der größte private britische Automobilversicherer, General Accident, erhöhte bereits einen Tag nach der V&G-Pleitemeldung die Prämien bis zu 33 1/3 Prozent. Die Sun Alliance und London Insurance schlugen 20 Prozent auf. Andere Versicherer wollen nachziehen.
Urteilte ein Londoner Makler: "Solche Prämienaufschläge hätten V&G wahrscheinlich gerettet -- das ist wirklich Ironie des Schicksals."

DER SPIEGEL 11/1971
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