08.03.1971

SÜDAFRIKA / KIRCHENZu viel Respekt

Der Superintendent Gonville ffrench-Beytagh hatte gerade seine Morgenmesse beendet und verließ, kurz vor sieben Uhr, durch ein Seitenportal die Kathedrale der Heiligen Jungfrau Maria in Johannesburg.
Da traten zwei Herren auf ihn zu und zückten ihre Erkennungsmarken: Sicherheitspolizei. Die beiden begleiteten den Geistlichen in seine Büroräume und durchwühlten seine Akten. Nach zwei Stunden zogen sie wieder ab -- offenbar hatten sie das Gesuchte nicht gefunden.
Ffrench-Beytagh war an diesem Morgen, dem Donnerstag vorletzter Woche, nicht der einzige, der in Südafrika frühen Besuch von der Geheimpolizei erhielt. Nach einem minuziösen Plan waren Sicherheitsbeamte in allen Teilen Südafrikas zu 25 Sondereinsätzen ausgeströmt.
Ihr Ziel waren -- neben Journalisten und Studentenführern -- vor allem Kirchenmänner und kirchliche Organisationen. So durchsuchten die Polizisten die Büroräume des Südafrikanischen Kirchenrates in Johannesburg, Port Elizabeth und Kapstadt. Sie wühlten in den Aktenschränken des gemischtrassischen "University Christian Movement" wie des interkonfessionellen "Christian Institute".
Südafrikas Premier Balthazar Johannes Vorster hat offenkundig zum Großangriff auf jene Geistlichen geblasen, die seine Apartheid-Politik bekämpfen. Für den Direktor des "Christlichen Instituts" in Johannesburg, Beyers Naude, steht bereits fest, daß in Südafrika eine "religiöse Verfolgung" stattfindet.
Schon seit Jahren agitieren die englischsprachigen Kirchen Südafrikas gegen den Rassenwahn des Vorster-Regimes. Allein in den letzten fünf Jahren wurden 40 Geistliche für ihre Opposition gegen die Apartheid-Politik bestraft -- mit Paßentzug, mit der Verweigerung von Aufenthaltsgenehmigungen oder mit Landesverweis.
Der Kleinkrieg zwischen Kirchen und Staat spitzte sich voriges Jahr zu, nachdem der Weltkirchenrat seinen Mitgliedern empfohlen hatte, den Widerstand gegen rassische Unterdrückung mit Geld zu unterstützen. Aufgebracht über diesen Beschluß, forderte Vorster die südafrikanischen Mitglieds-Kirchen des Weltkirchenrats auf, aus der Weltorganisation auszuscheiden -- sonst werde er gegen sie vorgehen. Doch die Kirchen kuschten nicht, sie blieben im Weltkirchenrat.
Vorster steckte daraufhin scheinbar zurück. Öffentlich erklärte der Bure, der selbst Mitglied der weitgehend regierungsfrommen "Nederduitse Gereformeerde Kerk" ist: "Ich habe zu viel Respekt vor meiner eigenen Kirche, als daß ich gegen andere Kirchen kämpfen würde."
Doch tatsächlich hatte der Regierungschef nur die Taktik geändert. Im Kabinett gab er die Parole aus, jetzt nicht mehr gegen die Kirchen, sondern gegen einzelne Geistliche vorzugehen. Folge: Allein in den ersten zwei Monaten dieses Jahres straften die Kap-Rassisten 14 Kirchenmänner mit Paßentzug oder Landesverweis.
Prominentestes Opfer der neuen Vorster-Taktik wurde Superintendent ffrench-Beytagh aus Johannesburg, der am 20. Januar schon einmal von der Sicherheitspolizei aufgesucht worden war. Damals hatten die Polizisten den 59jährigen mitgenommen und eine Woche lang in Einzelhaft gesperrt. Er kam zwar gegen eine Kaution wieder frei, doch in drei Monaten soll ihm der Prozeß gemacht werden.
Angeblich hatte der Geistliche Kontakt mit kommunistischen Organisationen. Doch dafür mangelt es offenbar noch an Beweisen. Denn die Aktionen vom vorletzten Donnerstag waren, wie der Chef der Sicherheitspolizei, A. J. Venter, verriet, "im Zusammenhang mit dem Prozeß gegen den Superintendenten erfolgt".
Ein weiteres Razzien-Ziel waren Geistliche, die mit der "Dependence Conference" in Verbindung stehen, einer Organisation, die zur Unterstützung der über 800 politischen Häftlinge in Südafrika und ihrer Familien gegründet wurde.
Allein in Kapstadt beschlagnahmten die Vorster-Gehilfen 300 Mappen und einen vollen Archivkasten. Die Beute, so hoffen die Polizisten, soll Auskünfte über Spenden und Spender der "Dependence Conference" geben -- Adressen für neue Razzien.

DER SPIEGEL 11/1971
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