08.03.1971

EDUARD GOLDSTÜCKER

hat dem tschechoslowakischen Reformkurs geistig den Weg bereitet: seit 1963 mit seiner öffentlichen Rehabilitierung der Werke Kafkas und der deutschen Literaten von Prag auf den Schriftsteller-Kongressen im Schloß Liblice. Beim Prager Machtwechsel im Januar 1968 wählte der Schriftsteller-Verband Goldstücker zum Vorsitzenden und die Prager Karls-Universität den Ordinarius für Germanistik zu ihrem Rektor.
Im Kampf um die Regeneration der Partei stand er fortan in vorderster Linie, in zahllosen Diskussionen mit Arbeitern und Studenten versuchte er, dem von der Partei betrogenen Volk den Wandel begreifbar zu machen: "Der demokratische Sozialismus ist die gesetzmäßige Weiterführung der sozialistischen Revolution." Die französische "Le Monde" nannte ihn ahnungsvoll einen "kafkaesken Held" -- schon vor dem Einmarsch der Sowjet-Panzer in der CSSR erhielt Goldstücker von entmachteten Stalinisten Morddrohungen.
Goldstücker kannte den Terror. Als Prager Student hatte der Sohn eines Sägewerk-Arbeiters (Parteipresse 1971: "eines Sägewerk-Besitzers") 1939 mit dem letzten unkontrollierten Zug vor der Judenverfolgung der deutschen Besatzungsmacht nach England fliehen können; seine Familie kam in dem Konzentrationslager Auschwitz um. Nach seinem Studium in Oxford ging Goldstücker für die tschechoslowakische Exilregierung Benesch 1944 als Kulturattaché an die Pariser Botschaft; die kommunistische CSR vertrat er -- seit 1948 Parteimitglied -- als erster tschechoslowakischer Gesandter in Israel bis 1951, dann wurde er in Prag als "jüdischer bourgeoiser Nationalist" zu lebenslänglichem Kerker verurteilt -- der Ankläger hatte die Todesstrafe gefordert. 1956 wurde er rehabilitiert und erhielt einen Lehrstuhl an der Prager Universität.
Nach dem Panzereinmarsch der Russen ging Goldstücker -- von CSSR-Premier Cernik vor Repressalien gewarnt -- in den Westen. Der Untergrund-Parteitag der KPC wählte ihn am 22. August 1968 ins Partei-Präsidium. Im Januar 1969 kam Goldstücker für wenige Tage nach Prag zurück, um sich als Abgeordneter des Tschechischen Nationalrats vereidigen zu lassen. Der Schriftsteller-Verband wählte ihn noch im Juni 1969 "in Abwesenheit" erneut in seinen Vorstand.
Die Moskauer Führung aber, unterstützt von Warschau und Ost-Berlin, verteufelte den Kommunisten Goldstücker zum "Anführer der Konterrevolution" und "Agenten des Weltzionismus". Die KPC schloß ihn aus ihren Reihen aus.
Goldstücker, 57, lebt zur Zeit in Brighton und doziert an der University of Sussex. Nach Prag, so sagt er, ginge er "sofort zurück -- wenn die 1968 gewaltsam unterbrochene Entwicklung wieder möglich ist".

DER SPIEGEL 11/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 11/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EDUARD GOLDSTÜCKER

  • Polizei erwischt Raser: Ein Wheelie zum Dienstbeginn
  • Paris: "Fliegende" Wassertaxis auf der Seine
  • Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke
  • Süße Versuchung: Bär macht Kleinholz aus Bienenstock