08.03.1971

INDIEN / GOLDSchwarzer Handel

Das Land der Hungersnöte schwimmt in Gold. Indien, wo jeder dritte Einwohner am oder gar unter dem physischen Existenzminimum dahinvegetiert, besitzt den größten privaten Goldschatz der Welt. Sein -- vorsichtig geschätzter -- Wert: 20 Milliarden bis 30 Milliarden Mark, etwa doppelt soviel wie die Goldreserve der Deutschen Bundesbank.
Die Vorliebe der Inder für das gelbe Metall drosselt das ohnehin unzureichende Wachstum der indischen Wirtschaft. Denn die Sucht indischer Geschäftsleute, Handwerker, ja sogar kleiner Bauern, jede gesparte Rupie in Gold zu investieren, legt Kapital brach, das zur Entwicklung des Landes dringend benötigt wird. Da das gehortete Gold wegen der geringen indischen Goldproduktion und mangelnder offizieller Reserven im Ausland gekauft werden muß, büßt Indien zudem Jahr für Jahr mehrere hundert Millionen Mark knapper Devisen ein.
Zwar versuchten alle indischen Regierungen von Nehru bis Indira Gandhi, die für moderne Kreditwirtschaften archaische Sparform des Goldhortens einzuschränken und die verborgenen Edelmetallschätze für die Entwicklung des Landes zu mobilisieren. Aber alle Anstrengungen scheiterten bisher am Traditionsbewußtsein der Inder und an ihrem Mißtrauen gegenüber der ökonomischen und politischen Stabilität des Hindu-Staates.
So legt noch heute der kleine indische Bauer den bescheidenen Erlös, den ihm eine außergewöhnlich gute Ernte einbringt, wie vor hundert Jahren in einigen Goldkörnchen an -- die ihm dann als Reserve für die nächste Hungersnot dienen. Und selbst der reiche Geschäftsmann verwendet trotz steigender Investitionsmöglichkeiten und fortschreitenden Ausbaus des Bankensystems seine Gewinne vor allem dazu, das ererbte Familiengold zu mehren.
Denn Gold ist für den Inder nicht nur die sicherste Kapitalanlage, sondern auch Statussymbol. Das Gros des gehorteten Goldes wird daher zu Schmuck verarbeitet, mit dem dann Indiens Bräute -- etwa vier Millionen pro Jahr -- herausgeputzt werden. Die standesgemäße Mitgift eines Mädchens aus wohlhabender Familie schmälert den Gold- und Juwelenvorrat des Brautvaters um rund 50 000 Mark.
Neben den jungen Ehemännern profitieren vor allem Indiens Götter von der Landessitte, vornehmlich Gold und Pretiosen zu schenken. So nahm allein der Gott Venkateswara, der im Tempel von Tirupathi (Südindien) verehrt wird, im vergangenen Jahr etwa 2,8 Millionen Mark an Gold- und Diamantenspenden gläubiger Hindus ein.
Da die Inder aus jahrhundertealter Tradition nur hochkarätigen Goldschmuck schätzen, hatte bereits 1963 der damalige Finanzminister Morardschi Desai mit einem Trick versucht, seinen Landsleuten den Erwerb von Gold zu verleiden. Er erließ ein Gesetz, wonach nur noch die Verarbeitung von Gold zu vierzehnkarätigem Schmuck erlaubt sein sollte -- statt der landesüblichen 22 Karat.
Stürmische Proteste der Bevölkerung, vor allem der über 300 000 Goldschmiede, von denen Tausende vor dem Parlament in Neu-Delhi demonstrierten, erweckten bei einem indischen Journalisten den Eindruck, "als werde den indischen Frauen zugemutet, nun nur noch Halsschmuck aus Dosenblech zu tragen". Drei Jahre später, kurz vor den Parlamentswahlen, wurde der unpopuläre Gold-Erlaß aufgehoben.
Auch Appelle an vaterländische Gefühle verfingen bei Indiens Goldhamsterern nicht. So versuchte die Regierung 1962 nach dem Konflikt mit China und 1965 während des Krieges mit Pakistan, den Indern durch Emission von Gold-Anleihen ihre sorgsam gehüteten Schätze zu entlocken. Doch Indiens Patrioten zeichneten nur Papiere im Werte von 75 Millionen Mark.
Ebenso vergeblich bemühte sich die indische Verwaltung, den -- seit 1939 verbotenen -- Import von Gold zu unterbinden. Zwar beschlagnahmten die indischen Zöllner im vergangenen Jahr geschmuggeltes Gold im Werte von rund 28 Millionen Mark -- gegenüber nur 6,1 Millionen Mark 1965. Aber Regierungsbeamte in Neu-Delhi gestehen ein, daß diese Zahlen lediglich den Anstieg des illegalen Goldhandels widerspiegeln.
Indiens 5689 Kilometer lange Küste und seine Landgrenze von 15 168 Kilometern Länge machen eine umfassende Kontrolle ohnehin unmöglich. Das Risiko der Entdeckung für Schmuggler ist gering und sogar versicherungsmathematisch kalkulierbar. Assekuranz-Gesellschaften in dem kleinen arabischen Scheichtum Dubai am Persischen Golf, über das 80 Prozent der Schmuggelware nach Indien eingeführt werden, versichern das Gold gegen Beschlagnahme (durchschnittliche Versicherungsprämie: 10 Prozent).
Der schwarze Handel mit dem gelben Metall bringt hohen Gewinn. Denn wegen des Gold-Embargos, das den indischen Goldmarkt vom Weltmarkt abschirmt, schlagen die Schmuggler ihre Ware In Indien zum doppelten Weltmarktpreis los.
Als Finanzierungsquelle für den Gold-Schwarzhandel kommt allein die ausländische Kapitalhilfe in Betracht. Denn da die Devisen, mit denen das Gold bezahlt werden muß, nicht durch Exportüberschüsse erwirtschaftet werden, werden mithin offensichtlich Entwicklungshilfe-Millionen, die zur Finanzierung von Investitionen dienen sollten, im Illegalen Goldgeschäft verschoben.
So erklärt sich denn auch, daß trotz massiver Auslandshilfe die Produktion je Einwohner seit rund zehn Jahren nahezu stagnierte und die Massenarmut in den Städten und auf dem Land sogar zunahm.
In der gleichen Zeit dagegen mehrten Händler, Industrielle, Großbauern, Landbesitzer und korrupte Politiker nicht nur den goldenen Familienschatz. Laut amtlicher Statistik stieg auch der Absatz von Personenautos, Kühlschränken, Klimaanlagen und Rundfunkgeräten -- in Indien keineswegs Güter des Massenkonsums.

DER SPIEGEL 11/1971
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