08.03.1971

ALGERIEN / VERSTAATLICHUNGZoll auf Blut

Die Rolle des französischen Kapitals besteht darin", forderte Algeriens Industrieminister Belaid Abd el-Salam, 43, "uns das zu verschaffen, was wir brauchen. Punkt! Aus!"
Mitte vorletzter Woche verschaffte sich Algeriens Staatschef Houari Boumedienne, was er brauchte: die Macht über den größten Besitz des Landes -- Erdgas und Erdöl aus der Sahara.
Boumedienne dekretierte, daß künftig der algerische Staat einen Anteil von 51 Prozent an allen französischen Unternehmen haben wird, die Sahara-Öl fördern und exportieren. Die Erdgasproduktion und sämtliche Pipelines übernahm Algerien ganz in eigene Regie. Dafür versprach Boumedienne, die französische Industrie zu entschädigen. Boumedienne: "Und ich halte meine Versprechen."
Mit den Einkünften aus dem Ölexport will Algerien zu 70 Prozent seinen laufenden Vierjahresplan für die wirtschaftliche Entwicklung finanzieren. 32,8 Millionen Tonnen von insgesamt 47,5 Millionen Tonnen geförderten Öls aber wurden im vergangenen Jahr von französischen Gesellschaften ausgebeutet.
Der Taktiker Boumedienne kann sich auf Frankreichs eigene Politik fremden Investoren gegenüber berufen. "Sagen nicht auch unsere Minister immer", erinnerte daher die Pariser Zeitung "Le Monde", "daß Frankreichs Unternehmen ihren Kapitalanteil bei ausländischen Firmen, die sich auf dem französischen Binnenmarkt niederlassen, auf 50 bis 60 Prozent bringen sollen?"
Algerien ist Frankreichs bedeutendster Öllieferant (etwa ein Viertel der Gesamtimporte). Die staatseigene französische Firma "Elf-Erap" förderte sogar mehr als 80 Prozent Ihres Öls in der algerischen Saharawüste.
Um das algerische Öl in Frankreich zu verkaufen, zwang Frankreichs Ex-Staatschef Charles de Gaulle einst die großen, zumeist amerikanischen Ölkonzerne, Erap-Öl für ihr französisches Tankstellennetz zu überhöhten Preisen zu kaufen. Darüber hinaus begünstigte Frankreichs Administration Elf-Erap bei der Vergabe von Tankstellen-Lizenzen.
Schon im vergangenen Herbst hatten die Algerier die Franzosen wissen lassen, daß der Maghreb-Staat eine Mehrheitsbeteiligung an den französischen Erdöl-Unternehmen anstrebte. Daraufhin schickte De-Gaulle-Nachfolger Pompidou sogleich Emissäre In die Vereinigten Staaten, um die US-Ölgesellschaften freundlich zu stimmen.
Darüber hinaus versuchten die Franzosen jetzt, die Washingtoner Export-Import Bank davon abzuhalten, Algerien einen beantragten 600-Millionen-Dollar-Kredit zu gewähren. Doch: "Nach zehn Jahren Gaullismus kann man nicht zuviel von einer französisch-amerikanischen Solidarität erwarten", konstatierte der "Nouvel Observateur".
Während die Algerier den Franzosen 2,75 Franc Entschädigung pro Tonne entdeckten Erdöls angeboten haben, verlangen die französischen Ölfirmen fünf Franc pro Tonne (insgesamt vier Milliarden Franc). Sie glauben obendrein zu wissen, daß Algerien den zuvor verstaatlichten nichtfranzösischen Erdöl-Konzernen sogar 17 Franc pro Tonne zugesichert hat.
Kommentierte die Wochenzeltschrift "L'Express": "Algerien verlangt einen Zoll auf das im Krieg (mit den Franzosen) vergossene Blut."

DER SPIEGEL 11/1971
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