08.03.1971

ISRAEL / SPORTSturm der Schwärmer

Dreieinhalb Jahre nach dem Junikrieg gab Israels Armee den Widerstand endgültig auf: Am besetzten nordöstlichen Gipfel der vormals syrischen Golan-Höhen mußten die Militärs das einzige Wintersportgebiet Israels schneegierigen Skifahrern überlassen. "Wir konnten die syrische Armee verjagen und die Infiltranten aus dem libanesischen Flachland stoppen, aber dem Sturm und Drang unserer Ski-Schwärmer läßt sich nicht trotzen", lachte ein Wachtposten.
Lange verteidigten die Militärs den Höhenzug des Hermon, dessen Pisten in Gewehrschußweite der Syrer liegen. Routinemäßig sperrten sie an Wochenenden die schmale Gebirgsstraße, neben der Schilder mit der Aufschrift "Zum Schnee" lockten.
Schon im Winter 1967 hatten Tausende von Israelis versucht, zu dem ersehnten Naturwunder Schnee vorzudringen. Gelassen warteten sie damals, bis Pioniere die Pfade zu den schneebedeckten Hängen auf nächtlich deponierte Minen abgesucht hatten. Schilder mahnten, jeder solle sich beim Ertönen der Sirenen in den Schnee werfen.
1969/70 wurde eine neue Sicherheitsstraße am Hermon-Westabhang gebaut, die zu dem eingezäunten Schneerevier führt und gegen Überfälle palästinensischer Kleinkrieger abgeschirmt ist. Erst danach entstand eine staatliche Hermon-Entwicklungsbehörde, die im Heiligen Land ein Wintersportparadies auf dem Dschebel el-Theldsch (so heißt "Schneeberg" auf arabisch) schaffen wollte, nach wenigen Monaten jedoch scheiterte:
* Für den Bau einer Berghütte wurden 140 000 Mark investiert; sie brach unter der Schneelast zusammen.
* Ein Doppelmayer-Skilift für 500 000 Mark, der die Fans von 1650 auf 2000 Meter ziehen sollte, wurde nie einsatzbereit; die für die Montage erforderlichen 100 000 Mark konnten nicht aufgebracht werden.
Mit einem Defizit von 200 000 Mark beendete die Hermon-Behörde die Ski-Saison und stellte nach der Schneeschmelze 1970 ihre Tätigkeit ein. Die diesjährige Saison begann jedoch vielversprechend: Schon Ende November lag eine über ein Meter hone Schneedecke auf dem Hermon. Doch als am 10. Januar 1971 eine neue Gesellschaft, die Mnativej Hermon Ltd., ihr Glück versuchte, war der Schnee in der steinigen Mondlandschaft geschmolzen.
Die Juden, die 2000 Jahre lang keine eigenen Pisten hatten, ließen sich nun nicht mehr bremsen. 3000 Mann zogen auf den einst dem kanaaitischen Gott Baal geweihten Berg, um wenigstens die Reste des himmlischen Geschenks zu genießen. Nur etwa 60 oft kurzatmige Enthusiasten brachten eine eigene Ausrüstung mit und riskierten altmodische Stemmbögen. Die meisten sahen aus, als hätten sie sich für ein Kostümfest gerüstet.
Die amerikanische Leiterin der ersten Skischule des jüdischen Staates, Naomi Wall, ist dennoch überzeugt, daß der Skisport auch in Israel eine Zukunft hat -- wenn regelmäßig Schnee auf dem Dschebel el-Theldsch fällt.
Im nahe liegenden Ajelath Haschachar hingegen will man sich nicht ausschließlich auf Wunder verlassen und bereitet einen 400 Meter langen und zehn Meter breiten aus Italien importierten Skiabhang aus Kunststoff vor. Er soll Israel sogar im Sommer zum Wintersportplatz machen.

DER SPIEGEL 11/1971
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