08.03.1971

ÖSTERREICH / MANNESKRAFTSchlaffe Nerven

Mao Tse-tungs Leibgetränk", so erfuhren die Österreicher aus dem Wiener "Kurier", "ist der Saft der nordkoreanischen Ginseng-Wurzel. Er soll ihn jung erhalten."
Für Österreichs Männer versiegte Maos Jungquell: Ein Wiener Gericht untersagte dem Importeur Leopold Mitterbauer, die Potenzwurzel Ginseng im "Land der Berge, Land am Strome" (Österreichs Nationalhymne) zu verkaufen.
Mitterbauers Geschäft mit der Sex-Wurzel lief 1968 vielversprechend an. Der Kaufmann, bis dahin auf den Handel mit Babylätzchen und Strampelhöschen spezialisiert, entdeckte das bleiche, alraunenartige Ginseng-Gewächs während der Budapester Messe am Stand des kommunistischen Nordkorea und sicherte sich einen Exklusiv-Importvertrag für Westeuropa. Basis des Unternehmens sollte der Detailhandel in Österreich sein.
Bürokratische Schwierigkeiten gab es zunächst nicht. Österreichs Behörden werteten den fernöstlichen Importartikel als Gemüse, vergleichbar dem Meerrettich oder der Petersilienwurzel.
Um "allen Leuten über 40" das kraft- und saftfördernde Produkt schmackhaft zu machen, erläuterte Mitterbauer in Zeitungsanzeigen den Wert der Wurzel. Der Ginseng, der nur im nordkoreanischen Kaesong-Gebiet gedeihe, brauche mindestens acht bis zehn Jahre liebevolle Pflege. Die Samen dürften nicht länger als zehn Minuten im Trockenen liegen, die Blätter nie mehr als 30 Minuten Sonne morgens und abends haben.
Der Ginseng-Wurzel -- wegen ihrer oft menschenähnlichen Form auf koreanisch "In-Sam" (Menschenwurzel) genannt -- werde von bekannten Wissenschaftlern eine "verblüffende Wirkung auf den gesamten Organismus attestiert".
"Ginseng bringt Manneskraft und Wohlbefinden", versprach Mitterbauer -- nicht nur den Männern. Auch lustlose Frauen könnten von dem "heiligen Kraut" profitieren. Beweis: Man habe einem Schwein die Eierstöcke entfernt, es dann mit Ginseng gefüttert -- und tatsächlich habe die Sau das Sexualhormon Östrogen verstärkt produziert. Sogar die Eierstöcke wuchsen rudimentär nach.
"Gestützt durch die wachstumsfreudigen Eierstöcke der koreanischen Muttersau" (so die Wiener "Wochenpresse"), entwickelte sich das Sexual-Unternehmen Mitterbauer potent.
Tausende Österreicher erhofften sich neue Säfte, denn ein chinesischer Wissenschaftler soll festgestellt haben: "Ginseng ist wie der Regen, der die Wüste wiederbelebt." Der Wiederbelebungsversuch war freilich nicht billig: 145 Mark für drei Wurzeln, 280 Mark für sechs.
Durch Mitterbauers Verkaufserfolg sahen jedoch die 800 österreichischen Apotheken ihr jahrhundertealtes Monopolgeschäft mit Krankheiten und Kraftspendern gefährdet. Sie verklagten den Ginseng-Händler wegen unlauteren Wettbewerbs und gewannen in allen Instanzen. Seither darf Mitterbauer die Wunderwurzel weder anpreisen noch verkaufen.
Während Mitterbauer noch mit den eifersüchtigen Apothekern prozessierte, zeigte ihn außerdem das Wiener städtische Gesundheitsamt wegen Kurpfuscherei an. Ende Februar stand Mitterbauer als Angeklagter vor dem Wiener Oberlandesgerichtsrat Dr. Jesionek. In dem Verfahren sollte geklärt werden, ob Ginseng ein Heilmittel oder ein Kurpfuscher-Kraut ist. Der Richter holte ein Gutachten der Untersuchungsanstalt für Lebensmittel ein, die tatsächlich eine anregende Wirkung feststellte: "Nicht nur bei Männerschwäche, sondern auch gegen schlaffe Nerven." Mitterbauer wurde freigesprochen.
Dennoch darf Mitterbauer die Sex-Wurzel wegen des Apotheker-Einspruchs im Alpenland nicht anbieten.
Österreichs unlogische Gesetze sorgen aber dafür, daß Mitterbauer geschäftlich nicht verkümmert: Er darf Ginseng weiterhin unbeschränkt nach Österreich importieren und außerhalb der Landesgrenzen vertreiben.
"Ich werde mich", verkündet Mitterbauer, "fortan dem deutschen Markt widmen."

DER SPIEGEL 11/1971
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