08.03.1971

BOXEN / CLAY -- FRAZIERFest der Fäuste

Es muß etwas Ähnliches werden wie 1944 die Invasion in der Normandie", beschlossen Jerry Perenchio und Jack Kent Cooke. Und es wurde. Der ehemalige Düsenjägerpilot und der einstige Saxophonist baldowerten In den letzten Wochen den teuersten Boxkampf der Welt aus. Etwa 150 Millionen Mark soll das Preisboxen an diesem Montagabend im New Yorker Madison Square Garden einbringen.
Als "Fight des Jahrhunderts" apostrophierte wochenlang einstimmig die willfährige Weltpresse das Muskelspannen um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht zwischen den noch unbesiegten Negerboxern Joe Frazier, 27, und Muhammad All alias Cassius Clay, 29. Die Preisprügelei entwickelte sich zum bislang größten Fernsehgeschäft. Keine Werbeshow erscheint wirksamer. Schwarze und weiße Bürgerrechtler rüsten am Ring zum Rassenkampf. Denn Clay ist der radikale Neger, der den Koran liest und für die Schwarzen einen eigenen Staat fordert. Frazier aber wurde zum Anhänger der Law-and-Order-Lobby, der gern im "Buch der Richter" blättert und sich als Hiob fühlt.
Wie zu einem Hahnenkampf versammeln sich aber auch illustre Gäste. Berühmte und berüchtigte Prominente starren aus Geselligkeit oder Geltungssucht auf das spekulative Spektakel. Die besten Plätze sind seit Wochen ausverkauft. Im Schwarzhandel kosten sie bis zu 1000 Dollar. "Playboy"-Verleger Hugh Hefner stieg inzwischen auch ins Boxgeschäft ein.
US-Filmheld Burt Lancaster, 57, früher selbst Amateurboxer und Star im Boxerfilm "Die Killer", besuchte Fraziers Trainingscamp. Die Absicht freilich, eine Runde mit Frazier zu boxen, gab er auf. Dafür wird er als TV-Kommentator den Kampf verfolgen. Der Wiener Verlag Carl Ueberreuter, der schon vom Todessturz des Automobilweltmeisters Jochen Rindt zehn Tage später 153 Buchseiten in Paperback pressen ließ, will fünf Tage nach dem Fest der Fäuste ein Blitz-Buch feilbieten. Schreiber: XY-Verbrecherjagd-Gehilfe Teddy Podgorski.
Aber auch drei preisgekrönte Romanciers arbeiten als Reporter. Norman Mauer ("Die Nackten und die Toten") liefert "Life" Literarisches. Budd Schulberg ("Schmutziger Lorbeer") schaut für "Look" zu. William Saroyan ("Es endet in Gelächter") schreibt für "True". Saroyans Prolog: "Der Ausgang des Kampfes ist nebensächlich -- aber wer auch gewinnt, es wird ein Triumph für die Armen sein." Er meinte die Neger.
"Der wirkliche Mister Amerika", hatte schon der radikale Negerschriftsteller Eldrige Cleaver ("Seele auf Eis") behauptet, "ist der Boxweltmeister im Schwergewicht." 1908 wurde erstmals ein Neger Weltmeister. Als damals Jack Johnson den Titel gewann, starben bei Rassenkrawallen in den USA 19 Menschen. Schließlich zwangen weiße Fanatiker Johnson durch Morddrohungen dazu, sich besiegen zu lassen.
Danach ließen Gangstersyndikate, von denen der US-Boxsport beherrscht wurde, Farbige kaum noch um den Titel boxen. Erst nachdem der Deutsche Max Schmeling den Titel nach Europa geholt hatte, brachten sie wieder einen Schwarzen ins Spiel: Joe Louis Barrow. Er besiegte 1938 Schmeling und hatte fast nur noch farbige Nachfolger.
Louis (Gesamteinnahmen: 4 684 297 Dollar) fristet heute als kranker Mann und Steuerschuldner einen kargen Lebensabend. Ezzard Charles, einer seiner Nachfolger, ist an einen Rollstuhl gefesselt. Der farbige Charles "Sonny" Liston starb unlängst -- von den Managern nur noch in kleinen Kämpfen beschäftigt -- einsam in seinem Haus.
Erst 1961 entmachtete die Regierung die Boxgangster. Paul John "Frankie", Carbo und sein Adjutant Frank "Blinky" Palermo nebst drei Gehilfen erhielten bis zu 25 Jahren Zuchthaus. Ein Zeuge freilich war noch während der Untersuchungen aus einem Hotelfenster gestürzt worden.
In das vakante Ringgeschäft kletterte nach den Gangstern eine seriöse Unternehmer-Kaste. Cassius Clay, der Olympiasieger von 1960, wurde von ihr sozusagen mit Whiskey großgezogen. Vier der elf seiner Bosse handelten wie Vorsitzender William Faversham (Marken: "Early Times", "Old Forester", "Jack Daniel's") mit dem Nationalgetränk. An gute Freunde verkaufte Faversham Clay-Anteile (Wert: 2800 Dollar). Clay selbst kassierte einen Jahresbonus von 10 000 Dollar und zwei Jahre lang ein Monatsgehalt von 4000, für vier Jahre sogar je 6000 Dollar. "Kein Boxer schnitt je besser ab", verriet sein Trainer Angelo Dundee.
Außer Bizeps und gutem Management brachte Clay aber auch einen geradezu missionarischen Selbstverherrlichungs-Drang in das Faustgeschäft ein. Sein Slogan, daß er "der Größte" sei, geriet zum weltweiten Kalauer. Vor seinem einzigen Kampf in der Bundesrepublik gegen Karl Mildenberger tönte er: "Ich werde der lauteste Mann sein, der seit Hitler je in Deutschland aufgetreten ist." Wie eine Ehrung ertrug er den Spitznamen "Großmaul". Seinen Gegnern sagte er die Runde voraus, in der sie k. o. geschlagen würden. Meist stimmte sie.
Dundee und Clay übten aber auch neue Schläge und Kampfpraktiken ein. So wandte Clay die "Windmühle" an, die aus einem Hagel von zehn Hieben bestand. Später kreierte er den "Ali-Shuffle", einen in Sekundenschnelle geführten Doppelschlag. Außerdem kehrte er von einem alten Boxerprinzip ab: Statt flachfüßig im Ring zu stehen, um vermeintlich härter schlagen zu können, drischt er unvermindert kräftig auch auf Zehenspitzen tänzelnd auf den Gegner ein.
Auf der Höhe seines Ruhms vernahm der Baptisten-Zögling plötzlich die Lehren des Islam. "Ich habe gelernt, daß mein Name Muhammad Ali war, bevor ich den Sklavennamen Cassius Clay erhielt." Er trat der Sekte der "Black Muslims" bei, die fortan auch an seinen Kampfbörsen beteiligt war.
Die von Clay verlassenen und auf Rache sinnenden Boxbosse bemühten sich nun, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Jahrelang hatten sie ihm den drohenden Einberufungsbefehl zur Armee erspart. Angeblich habe er beim Intelligenztest versagt. Jetzt erreichte ihn die Gestellungsorder. Clay verweigerte den Militärdienst. Weiße Richter verurteilten Ihn zu fünf Jahren Gefängnis. Zwei Stunden später schon entzogen ihm die Box-Funktionäre den Weltmeistertitel. Bis heute erreichten Clays Anwälte durch fortgesetzte Revisionsbegehren Strafaufschub. Während Clay für 2000 Dollar Predigten hielt und sich vergebens als Musicalstar versuchte, schälte sich nach einem Ausscheidungsturnier Frazier, der Olympiasieger von 1964, als neuer Weltmeister heraus.
Der Schlachthofarbeiter aus Philadelphia war nach Clay-Muster gefördert worden und gehört einer Aktiengesellschaft namens Cloverlay Inc. ("Fettlebe AG") mit fast 900 Mitgliedern. Das Frazier-Papier stieg im Kurs von 250 auf 14 000 Dollar. Der Boxer selbst bezieht ein Monatsgehalt von 1600 Dollar und kassiert 55 Prozent der Einnahmen. "Vom Boxen versteht keiner von uns etwas", verriet Fettlebe-Manager Bruce Bagdwin, "das hält unser Geschäft sauber."
Nach Sauberkeit im Privatleben trachtete auch Frazier, der zugleich Chef der Beatband "The Knockouts" ist. Um in Philadelphia mit Frau und sechs Kindern ruhig leben zu können, unterstützt er die Karriere des energischen Polizeipräsidenten Frank Rizzo. So wirbt Frazier für Rizzo als Bürgermeister.
So wie früher Titelkämpfe zwischen Schwarzen und Weißen wurde nun die Ringschlacht der beiden Neger zum Countdown für die Rassenkämpfer. Clays Rückkehr in den Ring hatten einflußreiche US-Bürger ermöglicht, nachdem zunächst 72 Städte gegen einen Auftritt des Altmeisters waren.
Der erste schwarze Senator im Parlament des Staates Georgia, Leroy Johnson, verhalf Clay zum Comeback gegen den weißen Boxer Jerry Quarry. Clay siegte ebenso durch K.o. wie später gegen den Argentinier Oscar Bonavena. Nun verlangte er nach Frazier, dem er vorwarf, er habe ihm den Titel gestohlen. Für TV-Reporter kämpfte Clay in der Pantomime gegen Frazier. Als er den imaginären Gegner zu Boden geschlagen hatte, schrie er verächtlich: "Schafft ihn weg, ich will ihn nicht mehr sehen." Gleichzeitig benutzte er Fraziers Trainingspartner Don Warner als Spion. Warner wurde entdeckt und entlassen.
Während noch die Veranstalter feilschten, ob und wo der Kampf des Jahrhunderts stattfinden solle, kaperte ein Box-Laie die Veranstalterrechte: Jerry Perenchio, der nach seinem Pilotenjob Filmstars wie Elizabeth Taylor, Richard Burton und Jane Fonda managte. Freilich wies sein Konto auf der Chase Manhattan Bank in New York nur 250 000 Dollar auf. Beim griechischen Reeder Onassis und dem Filmmagnaten Jim Aubrey stieß er auf taube Ohren. Doch Jack Kent Cooke, Saxophonist, Schlagerkomponist und Mitbegründer des größten britischen Zeitungskonzerns Thomson, stieg als Partner ein.
Er brachte auf das Perenchio-Konto 4,5 Millionen Dollar ein. Clay (1,90 Meter groß, 96,5 Kilo schwer) und Frazier (1,80 Meter, 92 Kilo) erhielten Schecks über je 2,5 Millionen Dollar. Anders als Perenchio, der Frazier noch nie boxen sah und bisher keine Verbindung zu Sportveranstaltungen hatte, ist Cooke in Los Angeles Besitzer von Berufsspielermannschaften im Basketball und Eishockey.
Cooke mobilisierte das TV-Geschäft. In 26 Ländern flimmert vor 300 Millionen Fans der größte Ring-Kampf der Welt über die Mattscheiben, selbst in Thailand und Indonesien. Auch in Anchorage (Alaska) ist für mehr als 5000 Besucher eine Kinovorstellung live aus New York gesichert. Mit mindestens 25 Millionen Dollar Gewinn rechnet Cooke allein beim TV-Handel.
In Europa schlossen sich bisher nur Englands kommerzielle Anstalten der nach den Mondlandung-Fernsehübertragungen größten TV-Sendung an. Die übrigen Stationen wie die bundesdeutsche ARD paßten vor der 200 000-Dollar-Forderung. Sie wollen nur 45 000 Dollar zahlen.
Cooke und Perenchio errichteten in New York, 277 Park Avenue, ein TV-Fight-Center mit Hollywood-Dimensionen. Elf Kameras werden die Boxer zwischen Umkleidekabinen und Ring unablässig verfolgen. Ex-Weltmeister Schmeling verziert als Ehrengast eine Übertragung im Londoner Hilton-Hotel.
Schmeling glaubt wie die Vorgänger Clays ("Das sind alte Dummköpfe") Joe Louis und Jack Dempsey an einen Frazier-Sieg. Freilich pflegten Schmeling-Tips in letzter Zeit selten richtig zu sein. So hatte er den degradierten Weltmeister auch schon gegen Quarry und Bonavena als Verlierer erwartet.
An Clay als bereits festgelegten Sieger glaubt der holländische Manager Henk Ruhling: "Clay gewinnt, damit ein Rückkampf für ähnlich große Kasse möglich ist." Tatsächlich zweigte Perenchino bereits mehr als eine Million Dollar für einen zweiten Kampf ab. Beide Boxer, die schon beteuert hatten, nach diesem Fight abzutreten, sicherten erneut Kampfbereitschaft zu. Allerdings nicht vor 1972 -- wegen der Steuer.
Demnächst soll der höchste US-Richter endgültig über Clays Urteil entscheiden. "Wenn sie mich einlochen, so sei es", ergibt sich der Faustkämpfer.

DER SPIEGEL 11/1971
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