08.03.1971

Opa bis Apo

Walter Kolbenhoff: „Das Wochenende“. Herder; 236 Seiten; 18 Mark.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war er fast berühmt: Walter Kolbenhoff, Jahrgang 1908, hatte den Roman "Von unserem Fleisch und Blut" veröffentlicht, eine Antinazi- und Soldaten-Story im damals so hochbeliebten Hemingway-Tonfall.
Die Zeit der Hemingways ist vorbei. Trotzdem sieht das neue Buch von Kolbenhoff dem alten recht ähnlich. Was einmal als Roman vergeben wurde, heißt jetzt "Ein Report". Erfundene Personen und ihre besonderen Beschwerden haben allgemeine Probleme zu vermitteln. 1945 ging es Kolbenhoff um Hitlers junge Krieger. Heute geht es ihm vor allem um die jungen Arbeiter der Republik. Einen 18jährigen Ungelernten ohne Bildungsstreben und Klassenbewußtsein zeigt er während des verlorenen Wochenendes in verschiedenen Kneipen und wechselnder Gesellschaft: mit dem Freund aus gleichem Stoff, mit Gastarbeitern, mit dem Opa, einem verdienten Proletarier, der zur komischen Figur geworden ist, oder mit dem Gammler feiner Abkunft, dessen Apo-Botschaften an seinen Bierbrüdern, soliden Bauarbeitern, abprallen.
Bodenpreise, überhöhte Mieten, Geltungskonsum, Ratenkäufe und Reklame-Unfug, Gastarbeiter-Trübsal, Fernsehfußball, "Bild"-Lektüre und Italienreisen mit dem VW -- der Autor läßt keinen der bekannten, doch bedenkenswerten Mißstände und keine Vorliebe beiseite. Zum "Report" fehlt jedoch die reelle Forschung. Kolbenhoff hat einen Themenkatalog für Zeitkritiker aufgestellt und durch eine Geschichte illustriert -- durch die harmlose, rührende, manchmal allzu rührende Geschichte eines ungelenken, aber gutherzigen Proletariers.

DER SPIEGEL 11/1971
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