08.03.1971

WISSENSCHAFT / SATIRELöcher im Turm

Bei der Stute (zweijährig, 441 Kilogramm) die Temperatur rektal zu messen, berichtet der Forscher in akribischer Ausführlichkeit, sei "ziemlich gefährlich" gewesen: "Als die zur Beruhigung des Pferdes notwendige Tiefe der Narkose erreicht war, traten reflektorische anale Zuckungen auf, die für die Zerstörung mehrerer Thermometer verantwortlich waren."
Das anspruchsvolle Experiment -- "Bestimmung des Nahrungs-Input/-Energie-Output-Verhältnisses bei verschiedenen Arbeitstieren" -- verlief auch weiterhin nicht ganz störungsfrei.
Nachdem die Stute wiedererweckt, gefüttert und in Trab gebracht worden war, "erschwerten fortwährend oszillatorische Bewegungen des rückwärtigen Endes des Tieres das Registrieren der Meßdaten; außerdem verdeckte der Schwanz des Tieres häufig die Thermometerskala". Und schließlich, so merkte der Forscher an, "blieben etliche Messungen infolge natürlicher Ereignisse Im tierischen Verdauungstrakt unvollständig".
Eine zweite Versuchsreihe, nach Injektion einer hoch dosierten Prüfsubstanz, mußte abgebrochen werden. "Das Tier wurde extrem widerspenstig und verschied, bevor die Messungen abgeschlossen werden konnten."
Solche Artikel über chaplineske Forschungen, in hilfloser Umständlichkeit verfaßt, finden weltweit Beachtung. Sie erscheinen, mittlerweile seit anderthalb Jahrzehnten, im "Journal of Irreproducible Results"*.
Die satirische Wissenschaftszeitschrift zählt bereits 15 000 Abonnenten. Bereitwillig lassen sich die Leser mit ihren berufstypischen Schwächen in dem Fachblatt für gelehrten Nonsens aufziehen, das schon auf der Titelseite Absurditäten darbietet; etwa das (erlogene) Mikro-Photo der DNS-Kette eines "lachenden Virus".
"Weitschweifigkeit und Schwulst, obskure Logik und schiere Dummheit" in wissenschaftlichen Periodika will Chefredakteur Dr. Alexander Kohn aufs Korn nehmen. Daß freilich Selbstironie auch in sterilen Labors und büchergespickten Studierstuben derart häufig goutiert wird, hatte sogar Kohn überrascht.
Durch Zufall war der israelische Mikrobiologe vom Institut für biologische Forschung in Ness Ziona zur publizistischen Nebentätigkelt gekommen. Bei einer Busfahrt 1955 in Jerusalem blödelte er mit Kollegen über den bemerkenswerten Schwund von Reagenzgläsern, Petrischälchen und Retorten in Forschungsstätten -- zerbricht der Glaskram aus schicksalhafter Notwendigkeit, durch göttlichen Eingriff oder in Turbulenzen des Wüstenwindes?
* "The Journal of Irreproducible Results". Box 234, Chicago Heights, Illinois/USA. Abonnement: Jährlich zwei Dollar.
Spaßeshalber veröffentlichte Kohn die Beiträge des skurrilen Autobus-Symposions ("Die Kinetik der Inaktivierung von Laborgläsern"). Das Leserecho zwang ihn, seinem Büro ein Archiv für bodenlosen Tiefsinn anzugliedern.
Es war die Keimzelle einer "Gesellschaft für unwiederholbare Grundlagenforschung", die Kohn alsbald mit amerikanischen Anhängern der fröhlichen Wissenschaft gründete. Deren Wachstumschancen sind gut. "Nach unserer Schätzung", urteilte "Jama", das Organ der American Medical Association, "gehören 90 Prozent aller praktizierenden Forscher unwissentlich dieser Vereinigung an."
Die bewußten Mitglieder der Unsinnsgesellschaft klopfen eifrig Löcher in den Elfenbeinturm. Im Kohnschen "Journal", das bislang dreimal im Jahr, demnächst vierteljährlich erscheint, karikieren Studenten und Professoren den Bierernst ihrer Zunft.
Neben allerlei Aberwitz wie dem sophistischen mathematischen Beweis, minus eins sei die größte denkbare Zahl, enthält das Blatt auch treffliche Wahrheiten. "Die Maus", lautet eine dieser Erkenntnisse, "ist ein Tier, das -- in hinreichend großer Zahl und unter sorgsam kontrollierten Bedingungen getötet -- ein Dissertationsthema ergibt."
Fundamentale Einsichten vermittelt das "Journal" in der für Wissenschaftler typischen sprachlichen Dürftigkeit: "Vom chemischen Standpunkt aus gesehen, ist die Frau fast wertlos, physikalisch hingegen höchst begehrenswert."
Mit Fleiß sammeln Kohn und seine Mitgesellschafter jedoch auch jene unfreiwilligen Albernheiten, die beim üblichen Wissenschaftsbetrieb anfallen. "Gefahren beim Essen von Rasierklingen" lautet etwa die Überschrift eines -- ernstgemeinten -- Forschungsberichts, der in dem seriösen US-Ärzteblatt "Jama" gedruckt worden war. Ein anderes Forscher-Team hatte tatsächlich "Gewohnheiten und Vorlieben beim Eier-Konsum der Studenten am Kansas-College" erkundet.
Mitunter zitiert das Satireblatt auch längere Passagen aus bedeutenden Fachzeitschriften. So fand es "Brustdrüsenentzündungen durch Silikoneinspritzung bei Oben-ohne-Serviermädchen" (aus dem "British Medical Journal") der weiteren Verbreitung wert oder (aus dem "New England Journal of Medicine") die Diagnose einer neuartigen Berufskrankheit im Zeitschriftengewerbe, "Korrekturleser-Prostataentzündung": Der Patient hatte, laut Originalartikel, über "Samenerguß von zweiwöchiger Dauer
... ähnlich dem nach sexuellem Verkehr" geklagt; "die Anamnese ergab, daß dieses Syndrom erstmals auftrat, als der Patient ständig mit dem Korrekturlesen von Druckerzeugnissen beschäftigt war, die häufig 'wollüstige Literatur' genannt werden".
"Journal"-Lesern fällt es allerdings nicht immer leicht, Nachdrucke hochgestochenen Geschwätzes aus Wissenschaftsgazetten vom parodistischen Humbug zu unterscheiden. Eine geheime Sorge Dr. Kohns muß es sein, daß sein Spaßblatt mit all den Elaboraten von Eitelkeit und Weltfremdheit, Genauigkeitsfanatismus und Formelwahn, Fußnotenmanie und Abkürzungswut in ehrwürdigen Wochen- und Monatsschriften nicht Schritt halten könnte.
Um diesem Übel -- daß oft die Satire von der Wirklichkeit noch übertroffen wird -- abzuhelfen, machten die "Journal"-Redakteure schon verschiedentlich Vorschläge, wie sich die Wissenschaft selber ad absurdum führen ließe, vielleicht noch mit praktischem Nutzen.
Einer der Vorschläge galt beispielsweise dem Problem der Wasserverdunstung. Die Masse ernsthafter wissenschaftlicher Abhandlungen zu diesem Thema fülle, wie das "Journal" vorrechnete, "jedes Jahr eine Papierfläche von 69 638 Quadratmetern",
Würde nun, so die listige Empfehlung im Kohn-"Journal", "das zur Veröffentlichung von Forschungsberichten über dieses Thema benutzte Papier als Verdunstungsschutz auf der Oberfläche offener Gewässer" ausgebreitet, so wäre doppelter Vorteil gewiß.
Zum einen wäre die unnütze Flut wissenschaftlicher Publikationen richtig kanalisiert, zum anderen würde auch noch der Wasserwirtschaft aufgeholfen. Denn, so die "Journal"-Verfasser, "die dadurch erzielte Wasserersparnis ist völlig unabhängig vom Inhalt der Publikationen".

DER SPIEGEL 11/1971
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