08.03.1971

LITERATUR / GONCOURT-JURYSturm im Salon

Die neuesten Nachrichten aus Laos waren nicht so wichtig: Frankreichs Fernsehen rückte sie ins zweite Glied und eröffnete seine Tagesschau -- am Dienstag letzter Woche -- mit einem "heftigen Sturm in der literarischen Welt".
Der Sturm schüttelte ein ziemlich altes Gewächs: die Pariser Académie Goncourt, die alljährlich im November den Prix Goncourt verleiht, Frankreichs prominentesten, verkaufsfördernden Literaturpreis.
An jenem kalten Märztag hatten sich neun Goncourt-Preisrichter in ihrem Stammlokal, dem Feinschmecker-Restaurant Drouant, versammelt, um ihren zehnten Mann zu küren -- den Nachfolger des im Oktober 1970 verstorbenen Romanciers Jean Giono. Doch während sonst solche Neuwahlen dort nach ausgiebigen Telephon-Vorabsprachen einträchtig-einstimmig verlaufen, gab es diesmal keinen gemeinsamen Kandidaten.
Einige Juroren favorisierten den Schriftsteller Félicien Marceau, 57, der vor zwei Jahren für seine mondäne Romanze vom Photomodell "Creezy" mit
* Stehend: Hériat, Bazin, Salacrou, Queneau, Lanoux; sitzend: Arnoux, Dorgelès, Billy.
dem Goncourt-Preis gekrönt worden war; andere wollten den vor drei Jahren ebenfalls Goncourt-geehrten Bernard Clavel ("Les fruits de l'hiver"), 47, künftig in ihrer Runde sehen.
Eine halbe Stunde lang drangen aus dem mausgrauen Salon im ersten Stock des Restaurants Fetzen einer erregten Debatte, von Lauschern nachträglich auch Gekeife genannt.
Die Stille der Abstimmung danach produzierte drei Stimmen für Marceau und fünf für Clavel (Jury-Senlor André Billy, 88, hatte einsam für den 73jährigen Jean Cassou votiert). Eine Minute später öffnete sich die Tür, und unter wütenden Gestikulationen verließen die drei unterlegenen Marceau-Wähler das Lokal. "Nie wieder", giftete der Dramatiker Armand Salacrou, 71, "setze ich einen Fuß hierher, nie wieder werde ich mit diesen Leuten essen."
Salacrous spezieller Zorn galt dem Goncourt-Jury-Präsidenten Roland Dorgelès. "Dieser Lügner!" schimpfte der 71jährige über den 84jährigen: "Der ist ja senil. Nur seine Senilität macht diesen Verrat erklärlich." Denn: Dorgelès hatte zuvor den Kollegen Salacrou beauftragt, bei Marceau vorzufühlen, ob er eine Nominierung annehmen würde; Marceau hatte freudig zugestimmt, Dorgelès aber dann selber für den Gegenkandidaten Clavel votiert.
Die drei Protestler -- Salacrou, Philippe Hériat, 72, und Raymond Queneau, 68, der immer noch vom "Zazie"-Ruhm zehrt -- haben eines gemeinsam: Sie alle sind Autoren des Verlags Gallimard und wollten auf den Platz des toten Gallimard-Autors Giono den Gallimard-Autor Marceau hieven. Das Haus Gallimard hat bisher 28 Goncourt-Preise eingeheimst, in den letzten zehn Jahren waren es allein sieben.
Preisrichter Hervé Bazin, mit 59 Jahren fast ein Springinsfeld dieses Kollegiums, wurde denn auch nach dem Eklat gleich deutlich: "Das konnte so nicht weitergehen. Seit 20 Jahren stehen wir unter dem Druck von Gallimard, seit 20 Jahren machen Gallimards Pferde das Rennen. Giono hat 14mal für einen Gallimard-Autor gestimmt, Salacrou zwölfmal. Nun haben wir eine kleine Palastrevolution gemacht und uns von der Bevormundung befreit -- ein Akt der Gerechtigkeit. Wir haben Clavel genommen, der ist beim Verlag Laffont."
Auch die Zeitschrift "Nouvel Observateur" hatte unlängst gemutmaßt: "Die Pressure-groups der großen Verlage wiegen im Unterbewußtsein der Preisrichter oft stärker als die literarischen Qualitäten der Kandidaten."
Am meisten geniert der neue Goncourt-Krach offenbar den siegreichen Jury-Kandidaten Bernard Clavel. Denn der ehemalige Konditorgeselle, Buchbinder und Sozialversicherungs-Angestellte ist ein sanfter Mensch: "Ich bin Pazifist, ich hasse Wut und Streit."
Dabei hat Clavel schon einmal als Anlaß zu einem Goncourt-Skandal herhalten müssen. Der Romancier und Kommunist Louis Aragon, damals gerade in die Académie Goncourt gewählt (weil ihm die Académie Francaise versperrt ist), hatte 1968 wegen der Preiskrönung Clavels das Goncourt-Gremium schnell wieder verlassen. Aragon witterte Intrigen, als er mit seinem Preiskandidaten Francois Nourissier, einem ebenfalls nur mittelmäßigen Schriftsteller, nicht durchdrang.
"Ist Clavel", so spottete jetzt "France-Soir", "vielleicht ein Goncourt-Zertrümmerer?"
Die rechtsorientierte Zeitung "L'Aurore" hingegen argwöhnte hinter dem neuen Zank einen weiblichen Drahtzieher: Die Schriftstellerin Francoise Mallet-Joris, 40, erst im Dezember in die Jury gewählt, ist, wie der abgelehnte Félicien Marceau, in Belgien geboren -- nur war Francoises Vater im Nachkriegs-Belgien Justizminister just zu der Zeit, als Marceau dort wegen Nazi-Kollaboration zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde.
Nach dem Protestausmarsch der drei Marceau-Förderer verspeisten die verbliebenen Goncourt-Gourmets das feine Drouant-Menü (Austern, frischer Salm, Prager Schinken, Birne Helene) ohne rechten Appetit. Dem Schimpfer Salacrou kündigten sie per Kommuniqué Unversöhnlichkeit an: "Wir können ihm seine Beleidigungen nicht verzeihen."
Jury-Mitglied Armand Lanoux, 57, äußerte freilich noch Hoffnung auf Rückkehr der anderen Zurückgetretenen: "Man kann ja durchaus heute seine Demission erklären und sie morgen widerrufen."
Der Pfiffikus Queneau hat denn auch schon erklärt: "Ich habe ja nur gesagt, daß ich an diesem Tag nicht mehr mit den anderen essen will."
Und auch der "Figaro" sieht nicht schwarz: "Gallimard wird sicher darauf dringen, daß die Ausgetretenen wieder eintreten." Gallimard braucht schließlich weiter seine Prix Goncourts.

DER SPIEGEL 11/1971
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