08.03.1971

THEATER / GOMBROWICZTickende Bombe

Die Operette in ihrer erhabenen Idiotie" war für den exilpolnischen Romancier und Dramatiker Witold Gombrowicz (1904 bis 1969) das "vollkommene Theater".
In seinem dritten und letzten Drama "Operette", das am letzten Samstag im Bochumer Schauspielhaus erstmals in deutscher Sprache aufgeführt wurde, hat der "lyrische Clown" (Literaturkritiker Francois Bondy) der bewunderten Kunstgattung auf seine Weise Reverenz erwiesen:
Gombrowicz kombinierte den "monumentalen Schwachsinn" der Operette mit dem "monumentalen Pathos der Geschichte". Er konfrontierte die Prinzen und Prinzessinnen, die Grafen, Barone, Marquisen und Generäle aus dem Operetten-Fundus Revolutionären, aufsässigen Lakaien und korrupten Intellektuellen. Ergebnis: ein groteskes Schau-Stück mit dissonant verfremdeten Operetten-Klängen (Musik: Hans-Martin Majewski) und absurden Weltuntergangsvisionen, In dem Gombrowicz "hinter der Operettenmaske das blutüberströmte Antlitz der Menschheit" zeigen wollte.
Gombrowicz, ein skeptischer und aggressiver Geist, der stets "Distanz zu jedem Ideal, jedem Glauben, zu aller Kultur" hielt, hat das parodistische Spiel mit gesellschaftlichen und literarischen Formen immer geliebt. In seinen Romanen ("Verführung") und Erzählungen, vor allem aber in seinen Theaterstücken entwarf er bizarre, irritierende Zustandsbilder von einer falschen, wahnwitzigen Welt.
Er zeigte im Märchenspiel "Yvonne, Prinzessin von Burgund" (1936), einer Hamlet-Paraphrase, wie ein pompöser Hofstaat am stummen Protest der absurd häßlichen Titelheldin scheitert. Seine "Trauung" von 1945, ein wüstes, höhnisches Traumspiel à la "König Ubu", in dem sich Kaschemmenwirte in Könige, Huren in Prinzessinnen verwandeln, in dem lemurenhafte Hofschranzen Terror und Verderben verbreiten, war als "Missa solemnis auf den Umbruch der Zeiten" (Gombrowicz) zu deuten.
Eingängiger und klarer hat Gombrowicz ("Ich bin eine tickende Bombe") seine Ablehnung aller Formen und Masken im dreiaktigen "Operette"-Spiel dargestellt. Das "historische Stück" beginnt 1910 -- wie ein Singspiel des Fin de siècle:
Der degenerierte Lebemann Graf Charme, nur noch durch Pillen und Spritzen in Bewegung gehalten, möchte das bürgerliche Albertinchen verführen. Sein Plan: Ein "Spitzbube" soll die "junge Ziege" bestehlen und der Graf als Held und Retter erscheinen.
Doch die ausführlich besungene Intrige schlägt fehl. Das im Schlaf beraubte Mädchen hat durch die heimliche Berührung des Diebes erotische Visionen und verfällt von Stund an in schockierende Tagträume: "Nacktheit will ich!"
Ein revolutionärer Schrei. Denn für die adelige Clique ist "Kleidung zur stärksten Bastion der höheren Klasse" geworden, auf einem Maskenball soll gerade die "Mode der Zukunft" festgelegt werden.
Die Operetten-Seligkeit, beim Maskenball im zweiten Akt noch einmal mit allem Pomp beschworen, mündet ins Inferno. Denn während sich die vermummten Herrschaften, "um das Inkognito zu verstärken", mit Urlauten unterhalten ("Gniam hau tu kupotu lu!") und Albertinchen sich noch immer nach "Nacktheit" sehnt, hat sich ein Agitator eingeschlichen, traktiert den auf alles "kotzenden" marxistischen "Professor" mit Fußtritten ("Intellektuelle, die einen Tritt in den Hintern erhalten haben, sind vernünftiger") und ruft die Lakaien zur alles verwüstenden Aktion: "Revolution!"
Der "Wind der Geschichte" wirbelt die Gesellschaft in die Zeit nach den beiden Weltkriegen. Das Schloß Ist eine Ruine, durch die wunderliche Gestalten taumeln: Als Lampe, Tischchen, Hitleroffizier oder KZ-Kommandeuse verkleidet, suchen Grafen, Prinzen und Marquisen nach ihrer verlorenen Identität und legen schließlich ihre gescheiterten Träume an einem Sarg nieder, aus dem, als einzige unversehrt, das nackte Albertinchen steigt, als "Symbol der ewigen Freude unserer ewigen Jugend".
Denn für Gombrowicz, diesen "berufsmäßigen Jugendlichen", so der französische Literat Dominique Roux, ist die "Operette" eine "Proklamation des Bankrotts jeglicher politischer Ideologie, des Bankrotts der Kleidung".
Diese Bankrotterklärung hat der in Paris lebende Argentinier Jorge Lavelli (Gombrowicz: "Der ideale Regisseur für dieses Werk") im zeitlos golden schimmernden Bühnen-Palast als totales Theater in Szene gesetzt. Es ist die aufwendigste Inszenierung, die sich das Bochumer Stadttheater In den letzten zehn Jahren geleistet hat: Neun Wochen lang probte Lavelli mit nahezu dem gesamten Ensemble ungewohnte tänzerische, pantomimische und artistische Bewegungen. Er verlangte ein tägliches Gymnastiktraining, damit die Schauspieler auch noch mit riesigen Schaumgummi-Brüsten, -Schenkeln und -Bäuchen graziös springen und singen konnten.
Resultat: Die "Operette" in ihrer "erhabenen Idiotie" wurde, Gombrowicz wußte es ja, "das vollkommene Theater".

DER SPIEGEL 11/1971
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